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FrontGesellschaftOder besser: Mut statt Wut!

Oder besser: Mut statt Wut!

Da sitze ich im Wartzimmer meines Hausarztes und entdecke im Büchergestell einen gut lesbaren Titel «Mut zur Wut» und darunter die Zeichnung unseres Bundeshauses in Bern.

Das Buch erinnert inhaltlich an die Aerzte-Demo vor ein paar Jahren. Auch gibt es eine Menschenrechtsaktion, die unter dem Namen »Mut zur Wut» agiert und die mit Posters und Plakaten auf die missliche Situation der Menschenrechte in der Welt hinweist. Ich habe gegen beide nichts einzuwenden, nichts gegen den Buchinhalt, und schon gar nichts gegen die internationale Aktion. Aber dieser Titel «Mut zur Wut» hat mich zum Nachdenken angeregt.

Braucht es wirklich Mut zur Wut, habe ich mich gefragt? Wenn man wütend ist, dann ist man es doch einfach. Wütend sein ist eine spontane Gefühlsäusserung. Mut braucht es dazu sicher nicht! Da verwechselt der Titelschreiber des Buches etwas. Wahrscheinlich wollte er einfach mit dem neuen, journalistischen Modewort «Wutbürger» spielen. Aber auch den Ausdruck «Wutbürger» finde ich in unserer direkten Demokratie nicht passend; er ist unserer Demokratie nicht würdig. Er passt in eine Diktatur, in ein autoritär regiertes Land, weil dort der Bürger, Männer und Frauen, nicht mitreden können, und deshalb letztlich nur die Wut ein Ausdruck dafür sein kann, dass man mit der Regierung nicht einverstanden ist. Aber in einer Demokratie, wie wir sie haben, in der ein jeder seine Meinung äussern darf, lassen wir uns doch nicht zu «Wutbürgern» degradieren. Wir sind vielleicht nicht einverstanden mit einem Entscheid der Eidgenössischen Räte. Oder wir regen uns auf, wenn etwas nicht ganz so entschieden wird, wie wir das sehen. Oder wir beteiligen uns an einem Referendum gegen ein Gesetz. Oder wir lancieren mit einer Partei oder einem Verein eine Volksinitiative. Oder jemand reicht sogar eine Einzelinitiative ein, die zwar vielleicht in den Räten nicht so sehr Gewicht hat, die aber doch als Hinweis Früchte tragen kann. Von uns als «Wutbürger» zu sprechen oder uns für mehr «Mut zur Wut» anspornen zu lassen, das entspricht einfach nicht dem Vokabular und Sinn, aber auch nicht den zahlreichen Handlungs-Möglichkeiten unserer Demokratie.

Den Titel «Mut zur Wut» möchte ich aus all diesen Gründen abändern zugunsten von «Mehr Mut statt Wut»! Das wäre dann eine konstruktive Aufforderung, mitzudenken, Lösungen zu suchen, es besser zu machen! Das aber erfordert eine Haltung als Staatsbürger, Staatsbürgerin, als Demokrat oder Demokratin. Und während ich so räsoniere, merke ich, dass unsere Verfassung genau in diesem Sinne angelegt ist, dass der Bürger, die Bürgerin aufgerufen werden, aufbauend zu wirken. Der Bürger/die Bürgerin, sie geniessen einerseits individuelle Freiheit (in der Präambel der Bundesverfassung und verschiedensten Grundrechten zu lesen); aber andererseits sagt ihnen ein Grundrecht (Artikel 6 der Bundesverfassung) auch, dass sie (d.h. wir!) eine Verantwortung haben. Das bedeutet nicht, dass wir nicht kritisch sein dürften, im Gegenteil will das sagen, dass wir die Mängel bzw. den Alltag der Politik erkennen sollen. Dann aber gilt es Verbesserungen zu finden, um vielleicht der «idealen» Welt, die in unseren Köpfen herrscht, einen kleinen Schritt näher zu kommen. Das ist Arbeit, Denkarbeit, politische Arbeit, bei der man rasch erkennt, dass die eigene Idee der «idealen Welt» für andere, auch für gute Freunde vielleicht nicht gleich aussieht. Und damit versteht man plötzlich, dass die entscheidenden Gremien immer eben aus Bürger und Bürgerinnen mit vielen, verschiedenen Ideen und vielen schönen «ideellen» Vorstellungen zusammengesetzt sind, und dass damit halt letztlich immer nur Kompromisse zustande kommen können. Mal bessere, mal solche, mit denen man nicht so glücklich ist! Eines aber wissen wir im letzteren Fall immer: Unsere Schweiz steht nicht still. Wir können uns weiter am kontinuierlichen Aufbau beteiligen! Für eine bessere Zukunft dürfen wir uns immer wieder einsetzen, direkt oder indirekt. Aber destruktive Wutbürger wollen wir nicht sein, davon bin ich überzeugt.

Demokratie ist mehr als mit dem Daumen nach unten zu zeigen oder die Wut abzulassen. Eine Demokratie mit Volksrechten fordert nicht nur von den gewählten Politikern, sondern auch von uns Haltung und Überlegung, Nachdenken, Verstehen lernen, etwas über das System und dessen Werte zu wissen. Und vor allem dürfen wir nicht vor lauter Details das Ganze, das Gemeinwohl, aus den Augen verlieren!

Habe ich zu viel gepredigt? Vielleicht! Aber es ist mir ernst!

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