FrontKulturSchöne Dinge für reiche Bürger

Schöne Dinge für reiche Bürger

Wie die Industrialisierung nach 1850 zu einer neuen Ästhetik beiträgt, zeigt die Ausstellung „Auf der Suche nach dem Stil“ im Landesmuseum in Zürich.

Ein Schmelztiegel für die Stilentwicklung zwischen 1850 und 1900 war die Londoner Weltausstellung von 1851. In einem damals unglaublichen Glaspalast, einem Wunder der Technik, das nach der Ausstellung zügig abgebaut und anderswo wieder aufgebaut wurde, zeigten 14‘000 Aussteller 100‘000 Exponate aus aller Welt und jeglicher Art für sechs Millionen Besucher. Eigentlich war es architektonisch ein Gewächshauses, also eine Stahlkonstruktion mit Glasscheiben, aber riesig, ein paar Parkbäume gleich umbaut. Die Perspektive sei atemraubend oder verstörend, oder beides zugleich gewesen, heisst es im Katalogbeitrag.

 

Virtueller Boulevard mit einem Benz-Patent-Motorwagen von 1886 (Nachbau) © Daimler AG

Die Ausstellung Auf der Suche nach dem Stil erzählt von Themen wie Städtebau und Stahlbeton, Historismus und Mustersammlungen, Kunst und Kunstgewerbe, Technik und Innovation. In welche Richtung oder auch in welche Richtungen kann sich die Ästhetik der Zeit entwickeln?

Die zweite Jahrhunderthälfte war die Zeit der Bevölkerungsexplosion in den Grossstädten . In Wien wurden die Schanzen geschleift, der Ring mit seinen prachtvollen öffentlichen Bauten, dem Rathaus, der Oper, den Museen, als erstes das MAK, das Museum für angewandte Kunst, wurde gebaut. In Paris zog Baron Haussmann breite Schneisen in die Stadt und bebaute sie mit historisierenden Bürgerhäusern. In London grub man in die Tiefe: mit der Untergrundbahn war der öffentliche Verkehr erfunden, mit der Kanalisation das Gegenstück zum fliessenden Wasser in allen Wohnungen. Berühmtester Architekt der Zeit war Gottfried Semper, für den Architektur und Kunst in enger Verbindung standen, so ist auch ein silberner Tischaufsatz, entworfen von Semper, ausgestellt. Auf Fotografien und Filmausschnitten an die Wände projiziert oder auf kleinen Screens zeigt die Ausstellung den Alltag in Häusern und Strassen, aber auch, wer in den Fabriken und auf den Bauplätzen für die Realisierung der Pläne und Entwürfe schuftete.

Ausstellungsvitrinen mit Geschirr, im Hintergrund eine Uhrenmanufaktur

Breite Strassen mit den Bürgerpalästen und Ladengeschäften im Erdgeschoss führen von einem Thema zum nächsten. Beispielsweise in den Raum des technischen Fortschritts, wo die ersten elektrischen Bügeleisen stehen, oder Gusseisen an Näh- oder Schreibmaschinen, aber auch eiserne Stühle, erste synthetische Farben, bald verwendet in der Textilindustrie, Telefone der ersten Stunde, passend gestaltet für überdekorierte grossbürgerliche Wohnzimmer.

Ein ganz spezielles Prunkstück ist die Dusche aus dem Schloss Prangins, heute Sitz des Landesmuseums im Welschland: Voraussetzung ist fliessendes warmes Wasser, welches von oben, von unten und von der Seite dem Duschenden ein wahres Spa-Gefühl vermittelte.

Blick in die Gemäldegalerie in der Stil-Ausstellung 1850-1900 © Schweiz. Nationalmuseum

Das Zentrum der Ausstellung gebührt der Gemäldeausstellung mit Bildern vorwiegend schweizerischer Promenienz von Anker über Böcklin und Hodler bis Valloton. Sie repräsentieren die verschiedenen Richtungen vom Historismus über Realismus und Symbolismus bis zum Jugendstil, wobei viele Maler sich im einen und anderen ausdrückten. Die Gemäldegalerie bringt einen direkt zurück in die besprochene Zeit: Die Bilder hängen dicht wie weiland bei einem Pariser Salon.

Hinter den Objekten und Ideen stehen Menschen, Architekten, Künstler, Theoretiker und Techniker und mit Christoffer Dresser der erste Designer: Er entwarf Tapeten und Objekte, darunter – besonders faszinierend – ein metallenes Teeset, wunderschön und funktional, ein frühes Beispiel schlichten Designs, inspiriert von japanischen Formen.

Von japanischem Möbeldesign inspiriert: Paul Gauguins Vitrinenschrank 1881. Stiftung für die Hamburger Kunstsammlungen, Foto: Maria Thrun

Japan-inspiriert ist auch die Vitrine, die sich Paul Gauguin geschreinert hat. Ein eher klobiges Möbel mit üppigen, kolorierten floralen Schnitzereien, zuoberst eine Muschel mit der Gravur Gauguin fecit. Das ist eins von vielen Möbelstücken in der Ausstellung. Die Arts&Crafts-Bewegung stellte in Handarbeit und hoher Stückzahl einen Stuhl nach traditionell ländlichem Vorbild mit Strohgeflecht her, der ein internationaler Verkaufserfolg wurde. Die Kunsthandwerker, die auch töpferten, webten, malten inspirierten sich beim Mittelalter und holten sich ihre Formen in der Natur.

Alle Gestaltungsstile, die sich in diesem halben Jahrhundert entwickelten – vom Neo-Stil mit dem Antiken-Rückgriff über den Orientalismus oder den Japonismus bis zur Wiener Werkstätte und dem Jugendstil finden ihren Niederschlag auch im Stoffdesign. Da sind Tapisserien, die ihre Vorbilder aus dem Mittelalter nachschöpfen, oder florale Barockstoffe für Möbelbezüge und schwere Vorhänge in reichen Häusern, Stickereien nach japanischer Art oder auch die Ornamentik orientalischer Bauten, alle übertragen auf Stoffe. Mit der Industrialisierung der Textilindustrie wurde mit der Ätzspitze ein Verfahren entwickelt, die teuren handgefertigten Venezianer Spitzen täuschend ähnlich, aber für breite Schichten erschwinglich zu produzieren. Hier am Ende der Ausstellung gibt es ein paar besondere Stoffe zum befühlen, so wie die Eröffnungsinstallation von Marnix de Nijs eine Aktion fordert.

Guipure und Spitzen aus dem 3D-Drucker zum betrachten und betasten

Teaserbild: Edward Coley Burne-Jones: Wirkteppich «The Pilgrim in the Garden» London 1901. Badisches Landesmuseum Karlsruhe

Zur Ausstellung ist ein reich bebilderter Katalog mit Beiträgen zu allen Themen der Stilsuche in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts für 29 Franken erschienen.

bis 15. Juli

Informationen zur Ausstellung und zu den Begleitveranstaltungen finden Sie hier.

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