FrontKulturKeine Geste wiederholt sich

Keine Geste wiederholt sich

Temporeicher Tanz und wagemutige Akrobatik: letzte Eindrücke vom diesjährigen 39. Theater Spektakel auf der Zürcher Landiwiese.

Das 39. Zürcher Theater Spektakel ist heute Sonntag bei nasskaltem Wetter zu Ende gegangen. Für die Veranstalter war das diesjährige Festival «ein voller Erfolg». 26 000 Besucherinnen und Besucher besuchten die 155 kostenpflichtigen Veranstaltungen und die durchschnittliche Auslastung der Vorstellungen lag bei 87 Prozent. Als absoluter Publikumsliebling erwies sich die britische Gruppe Forced Entertainment, die während zehn Tagen 36 Shakespeare-Dramen in 38 Vorstellungen aufführte. Der diesjährige ZKB Förderpreis ging an das belgische Duo Silke Huysmans & Hannes Dereere für ihre engagierte, vielschichtige dokumentarische Theaterperformance «Mining Stories».

Die neu ins Leben gerufenen diskursiven Angebote fanden regen Zuspruch. Am Stammtisch fand sich allabendlich eine Runde von zehn bis dreissig Personen zusammen, um sich in lockerer Atmosphäre mit Spezialistinnen und Praktikern über gesellschaftspolitische Themen zu unterhalten. Und zu den mit dem senegalesischen Ökonomen Felwine Sarr und der indischen Politologin Nikita Dhawan prominent besetzten Referaten in der Reihe «Talking on Water» kamen jeweils gegen 300 Interessierte.

Wir besuchten zum Schluss eine Tanz- und eine Zirkus-Aufführung: «10 000 gestes» von Boris Charmatz in der Werft und «Driftwood» des australischen Quintett Casus Circus auf der Seebühne:

Über allem die Trauermusik von Mozart

«10 000 gestes» basiert auf der Idee, eine Arbeit zu entwickeln, in der sich keine Bewegung wiederholt. Kaum aufgeführt, verschwindet jede Bewegung unwiederbringlich. Die 24 Tänzerinnen und Tänzer lenken die Blicke und Gedanken unablässig vom Einzelnen auf die Gruppe, vom Detail auf das Gesamtbild und wieder zurück. Die Zuschauer sitzen einem Bewegungsbild gegenüber, das sich nicht mehr erfassen lässt. Eine lineare Erzählung löst sich auf in den Wirbel von blitzenden Mikroereignissen. Und über allem schwebt die monumentale Trauermusik aus Mozarts Requiem.

24 Tänzerinnen und Tänzer  in «10 000 gestes» und keine Bewegung wiederholt sich.

Der Franzose Boris Charmatz gilt als einer der interessantesten und erfolgreichsten Choreografen seiner Generation mit einem Gespür für aktuelle Moden. Wie er in «10 000 gestes» seine Truppe guerillamässig die Tanzfläche stürmen und wieder auseinanderstreben lässt, ist eindrücklich. Atemberaubend sind Tempo und Präzision. Im choreografischen Durcheinander flackern die Handhaltungen nur so vorüber, vom Kopfkratzen bis zur Segnungsgebärde. Von Zeit zu Zeit darf man durchatmen, so beispielweise dann, wenn die Tänzer zu Mozarts «Sanctus», ein Paar hat sich zum Kuss vereint, starr auf der Bühne stehen und der Musik lauschen. Ärgerlich nur, als die Tänzer mit Gebrüll in die Publikumsreihen eindringen und Sprüche klopfen, die keinen Sinn ergeben. Fazit: Grossartig, wie Charmatz routiniert mit dem Raum umgeht, ihn entgrenzen und einhegen, Bewegung dynamisch bündeln, vereinzeln, ausschwärmen lassen und streuen kann.

Alles dreht sich um eine rote Lampe

Mit «Driftwood» zeigt das junge australische Quintett Circus Casus, ein gern gesehener Gast an internationalen Festivals, wagemutige Akrobatik und anmutiges Körpertheater. Die Show dreht sich um eine rote Lampe, die in Intervallen auf die Bühne herabgelassen wird und eine Kraftquelle darstellt, mit der die Darsteller, drei Männer und zwei Frauen, auf je eigene Weise interagieren.  Die einen scheinen darunter zu meditieren, andere spielen mit der Tatsache, dass sie sich immer weiter entfernt, je näher sie kommen. Und immer ist die rote Lampe Ausgangspunkt für akrobatische Kunststücke mit Hulahopreifen, am Seil und an Schaukeln mit atemberaubenden Momenten.

«Driftwood» – eine gelungene Mischung aus Akrobatik und Tanz. (Fotos: Zürcher Theater Spektakel)

Nach Aussage der Truppe ist Spontaneität das Konzept von «Driftwood», ausgehend von der Reise eines Treibholzstückes als Inspiration. Entsprechend interagieren die Akteure, begleitet von passender Musik (Songs und Tracks), auf unterschiedliche Weise miteinander. Es gibt Momente der Annäherung, der Trennung, der Auseinandersetzung, so wie menschliche Begegnungen verlaufen. Die fünf wortlosen Künstler schweben, balancieren und stolpern übereinander, vereinen sich zu wagemutigen akrobatischen Höhepunkten, die immer wieder für Szenenapplaus sorgen. Alle Bewegungen und Einsätze sind anmutig und höchst präzise inszeniert, erzeugen eine verträumte Stimmung. Zu Recht erhielt die Truppe den ZKB Publikumspreis.

Kommentieren Sie den Artikel

Bitte geben Sie Ihren Kommentar ein!
Bitte geben Sie hier Ihren Namen ein

Beliebte Artikel