FrontKulturCarl Burckhardt und die Amazone mit Ross

Carl Burckhardt und die Amazone mit Ross

Das Kunstmuseum Basel zeigt den fast vergessenen und für die frühe Plastik des 20. Jahrhunderts wohl wichtigsten Erneuerer

Am Kopf der Mittleren Brücke zu Basel steht die Amazone mit Ross, das steinerne Mädchen, das zügig und weltoffen ausschreitet, hinter sich am Zügel sein Pferd. Fast ebenso bekannt ist der Ritter Georg am Kohlenberg hoch über dem Barfüsserplatz. Wer jedoch der Urheber dieser beiden Figuren ist, wissen wohl nur wenige, denn Carl Burckhardt (1878 in Basel –1923 in Ligornetto TI) ist einer der grossen Vergessenen der Kunstszene. Umso schöner, dass das Kunstmuseum Basel seine Bildhauerarbeiten, ergänzt mit Skizzen, Briefen und Dokumenten nun zeigt.

Ritter Georg, 1923. Foto Karen M. Gerig

Die Ausstellung Carl Burckhardt. Antiker Geist – moderne Form, welche prominent die Entstehungsgeschichte der beiden erwähnten Werke dokumentiert, fusst einerseits auf dem Bestand im Kunstmuseum selbst, andererseits referiert sie die grosse Retrospektive, die das Museo Vincenzo Vela in Ligornetto im vergangenen Sommer eingerichtet hatte, ergänzend dazu gibt es Leihgaben aus dem Kunsthaus Zürich und weiteren Beständen sowie Dokumente aus dem Nachlass des Künstlers. Während in der grosssen Tessiner Ausstellung auch Burckhardts Malerei gezeigt wurde, beschränkt sich die Schau in Basel auf das Hauptwerk des Bildhauers, dessen Verdienste um die Entwicklung der modernen figürlichen Skulptur hier gültig nachgewiesen werden.

In der Basler Ausstellung ist die im Sommer beim Christoph Merian Verlag erschienene umfassende Publikation zur Retrospektive im Museo Vincenzo Vela erhältlich. Sie ordnet den Künstler und sein malerisches und plastisches Werk in seine Zeit ein, zeigt ihn als Erneuerer der Skulptur und referiert seine Vorbilder und Nachfolger.

Humorvolle Tuschzeichnung: Der Künstler (2. von links) beobachtet einen Steinhauer beim Realisieren seiner Figur.

Carl Burckhardt arbeitete regelmässig mit dem Architekten Karl Moser zusammen und schuf in dessen Auftrag für einige der wichtigsten Bauten Kunstwerke – darunter die Brunnenskulpturen Rhein und Wiese vor dem Badischen Bahnhof, welche zwar noch da sind, aber leider so unauffällig verborgen zwischen überflüssigen, den Eindruck des grossartigen Bauwerks störenden Pflanzen und einem Fahrradparkplatz, dass es fast weh tut. Die Fliesskraft des Wassers, dargestellt als Tiere, brandet gegen den Rhein und die Wiese umgesetzt als stilisierte Menschen-Figuren. Etwas besser ergeht es den Kunstwerken am Zürcher Kunsthaus, selbst während des Umbaus. Es sind fünf Amazonenreliefs, das antike Thema in eine schlanke Formensprache übertragen. Sichtbar für alle ist auch das Relief über dem Portal der Pauluskirche in Basel, das früheste Werk, das Burckhardt für einen Moserbau geschaffen hatte. Da er mit der christlichen Ikonografie Mühe hatte, stellte er Christus und den Sünder als ideale antike Muskelmänner dar.

Blick in einen Ausstellungsraum mit  dem Ritter Georg und der Amazone mit Ross. Foto: Julian Salinas

Seine Themen suchte er in der griechischen Klassik, aber in der Gestaltung war er ein Wegbereiter der Skulptur des 20. Jahrhunderts, der immer wieder neue Möglichkeiten suchte, eine persönliche, reduzierte Formensprache zu entwickeln. Das wird bei seinen Kleinplastiken im letzten Saal der Ausstellung besonders deutlich sichtbar: Die knieenden Frauenfiguren und Badenden, ausgeführt in verschiedenen Materialien, sind stark abstrahiert, und verweisen auf expressionistische Bildhauerarbeiten; die zur Zeit der von Burckhardt eingerichteten Rodin-Restrospektive in der Kunsthalle Basel entstandenen Frauenraub- oder Faun-und-Nymphe-Gruppen erinnern in ihren weich ineinander verschlungenen Körpern an späte Werke Auguste Rodins. Etwas vom schönsten und intimsten ist wohl die in sich ruhende sitzende Hirtin.

Ruhende Hirtin. Links roter Sandstein, rechts Bronzeguss 1917/18

In jedem Ausstellungsraum ergänzen Skizzen und Brief- oder andere Dokumente die Skulpturen. Hier lässt sich der Bildhauer auch mal als Mann mit Humor, als genialer Zeichner, als guter Schreiber von Briefen und Abhandlungen entdecken. Als er die posthume Basler Ausstellung für Auguste Rodin einrichtete, entstand auch eine bis heute lesenswerte Monographie über den grossen französischen Meister, an dessen Bürger von Calais im Innenhof des Museums keiner vorbeikommt, den es zu Carl Burckhardt zieht.

Eigentlich wollte er Maler werden, studierte in München an einer privaten Malschule, Bildhauer wurde er wie andere seiner Generation dank Vorbildern und im Selbststudium. Gemeinsam mit dem Basler Künstler Heinrich Altherr reiste er 1899 nach Italien und hängte bis 1903 einen mehrjährigen Aufenthalt in Rom an. Über die Schönheit der italienischen Modelle schrieb er mehrmals begeistert, doch die Werkgruppe Eros und Zeus – es geht um den Mythos, wie Amor Zeus um Unsterblichkeit für die schöne Psyche bittet – wird er nicht vollenden. Den Kopf des Eros zeigt er 1903 als Römerkopf in Bronze in der Weihnachtsausstellung. Wie er sich schwer tat mit dem antiken Thema und dessen Ausgestaltung als zeitgemässe Figurengruppe, kann anhand von Dokumenten in der Ausstellung nachvollzogen werden.

Vorstudie zu Zeus und Eros. Tusche und Pinsel

Zurück in Basel heiratete Burckhardt die Malerin Sophie Hipp. Was bei Eros und Zeus noch am Finanziellen gescheitert war, nämlich die Skulptur aus verschiedenfarbigem Marmor zu schaffen, wie er es von Max Klinger kannte, realisierte er ab 1905 mit der Venus. Modell stand ihm die Gattin des Geologieprofessors Carl Schmidt und Mutter des späteren Kunstmuseums-Direktors Georg Schmidt, was zu einer kleinen Aufregung in der Öffentlichkeit führte.

Venus. Farbiger Marmor 1908/09

Eigentlich sollte die Figur im Böcklinsaal des Kunstmuseums (damals an der Augustinergasse) ihren Platz finden, aber allein die Statik liess einen solch schweren Brocken nicht zu.So kam die Venus, erworben von Theophil Dieterle nach Zürich, wo sie heute im Besitz des Kunsthauses ist. Sehr schön, aber weder blutjung, noch in den Körperformen makellos präsentiert sich die lebensgrosse Frauenfigur mit der schweren dunklen Haartracht dem Besucher.

1920 zieht Burckhardt mit Familie nach Ligornetto ins Südtessin, wo er nahe der Villa des Bildhauers Vicenzo Vela wohnt. Hier vollendet er seine Suche nach der adäquaten Form mit der Schaffung des Tänzers, einer ausdrucksvollen und dennoch reduzierten Skulptur, welche scheinbar in Bewegung ist während die Betrachter sie umkreisen. Modell stand ihm kein schöner Römer, aber der mit der Familie befreundete junge Basler Kunstmaler Albert Müller, der damals in der Nähwohnte. In Ligornetto, wo er das Licht Italiens wieder gefunden hatte, arbeitete Burckhardt weiter an seinen beiden grossartigen Spätwerken Amazone mit Ross und Ritter Georg. Sie wurden erst nach seinem frühen Tod am Heiligabend 1923 in Bronze gegossen und in Basel aufgestellt.

Teaserbild: Zeus (Detail)
Fotos: E. Caflisch
Weitere Angaben zur Ausstellung finden Sie hier.

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