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Ein Spiel von Licht und Dunkelheit

Aus der Finsternis ins Licht, das ist eine der grossen Weihnachtsbotschaften. Im Schlosspark von Pillnitz bei Dresden wurde dazu eine besondere Kombination von LED- und Laserlicht installiert, begleitet von leichter klassischer Musik, überraschend und bezaubernd. Bei meinem Besuch wurden Erinnerungen wach.

Das Barockschlösschen Pillnitz, anfangs des 18. Jahrhunderts im damals modischen chinesischen Stil erbaut, elbaufwärts bei Dresden gelegen, gehört zu den empfehlenswertesten Sehenswürdigkeiten. Die Dresdner liebten es schon immer und allen Besucherinnen und Besuchern gefällt es ebenso. Vor allem in den wärmeren Jahreszeiten ist es ein beliebtes Ausflugsziel, im Saal des Schlosses finden regelmässig Konzerte statt, und im Park lässt sich’s wunderbar lustwandeln.

Vor kurzem traf ich mich mit einer Gruppe von Freundinnen und Freunden in Dresden. Nach einem Tag intensiver Gespräche schlug jemand vor, abends nach Pillnitz zu fahren, um die Installation «Christmas Garden» anzuschauen. Wenn ich auch skeptisch war, ob so eine Schau das Schlösschen und seinen Park nicht einfach in Kitsch hüllen würde, ging ich mit, denn ich bin immer gern mit meinen Freunden zusammen.

Es waren nur wenige Besucher da, was den Reiz des dunklen Parks erhöhte. Obwohl ich gemeint hatte, Pillnitz in- und auswendig zu kennen, fühlte ich mich fremd zwischen den dezent beleuchteten Bäumen am Wegrand. Insgeheim war ich froh, dass der Gang zu den verschiedenen Stationen gut markiert war. Durch das gedämpfte Licht erschienen die Bäume vollkommen neu – fast wie Waldgeister.

Wassermärchen  © Christmas Garden/Michael Clemens

In einiger Distanz erschien über einem Teich eine Art luftige Nebelwand, die dazu diente, darauf Laserfiguren entstehen zu lassen. Beim Näherkommen erkannten wir zuerst Schatten von Vögeln und übergrossen Schmetterlingen, dann wuchsen aus dem Nebel die wunderschönsten Blumen in allen Farben, Knospen, die sich langsam zu voller Schönheit entfalteten. Den Titel «Wassermärchen» für diese Station fanden wir nicht übertrieben.

Ein Stück weiter – in einer wirklich dunklen Ecke zwischen einigen Sträuchern – befanden wir uns im «Lasergarten», den wir unter uns «Glühwürmchengarten» nannten: Viele feine Laserstrahlen sandten grüne Lichtpunkte aus, die über den Boden, die Pflanzen und über die Spaziergänger schwebten wie Glühwürmchen. Aus einiger Entfernung wirkten die Laserstrahlen wie ein zarter Feenregen.

Lasergarten  © Christmas Garden/Michael Clemens

Das Schloss Pillnitz hat eine lange Geschichte. Ab 1720 wurde es von August dem Starken, dem bekanntesten der sächsischen Kurfürsten, in seiner heutigen Form als Wasserpalais umgebaut. Mit seiner grossen Freitreppe zur Elbe hin zeigt es sich vom Fluss her am schönsten. Auch der Schlosspark wurde schon damals als barocker Lustgarten angelegt, im Laufe der Zeit immer wieder erweitert und dem Zeitgeschmack entsprechend durch einen Park im englischen Stil ergänzt. Dort gibt es viele seltene Pflanzen und Bäume zu betrachten, zum Teil in den umfangreichen Gewächshäusern, in denen die alte Gartenkunst gepflegt wird.

Englischer Pavillon  © Christmas Garden/Michael Clemens

Am meisten am Herzen liegt allen Dresdnerinnen und Dresdnern die fast neun Meter grosse Pillnitzer Kamelie, die aufgrund ihres Alters und ihrer Geschichte eine ganz besondere Achtung und Fürsorge erhält. Sie ist eine der ältesten japanischen Kamelien in Europa, nämlich ca. 230 Jahre alt. Da Kamelien nicht winterhart sind, muss sie jeden Winter durch bewegliche Glaswände geschützt werden.

Die Installation «Kamelie im Lichterglanz»  © Christmas Garden/Michael Clemens – Die Kamelie selbst, die hier im Bild hinter Jalousien «ruht», öffnet erst im Februar und März ihre bis zu 35’000 Blüten.

Schon nach dem 2. Weltkrieg sorgten sich die Dresdner um den Schutz ihrer Kamelie. Sie war zwar nicht zerstört worden, aber mit der Zeit zerbrachen Glasscheiben und Fensterrahmen wurden morsch. – Die DDR-Behörden wollten nicht genug Geld zur Verfügung stellen. Durch private Initiative schützt seit 1992 ein bewegliches Glashaus diesen imposanten Blütenstrauch im Winter. Auch im «Christmas Garden» erhält die Kamelie in ihrem Winterschlaf eine ihrer Bedeutung angemessene Beleuchtung.

Auf unserem Rundgang gelangten wir später zur «Kathedrale des Lichts», ein von unzähligen LED-Lämpchen erleuchteter Gang mit einem gotischen Spitzbogen, der wirklich etwas von der Erhabenheit gotischer Kathedralen vermittelte. Von oben herab hingen einige grosse Sterne, in der Mitte ein Herrnhuter Stern – meine liebste Erinnerung an Weihnachten als Kind.

Weihnachtsstern  © Frank Vincentz / commons.wikimedia.org

Die Konstruktion des Herrnhuter Sterns ist eigentlich sehr einfach. Ich war stolz, als ich mit elf oder zwölf Jahren unseren Stern mit seinen konischen Strahlen aus festem, aber lichtdurchlässigem Papier selbst zusammensetzen durfte. Mit einer Glühbirne im Innern hängt man ihn in der Advents- und Weihnachtszeit an einen geeigneten Platz. Nach den Festtagen wird er auseinandergenommen und verschwindet wieder in der Weihnachtsschachtel.

Mit den Herrnhutern hat es eine besondere Bewandtnis: Die Herrnhuter Brüdergemeine ist eine überkonfessionelle, eigentlich evangelische Gemeinschaft, die ursprünglich aus Böhmen stammte und sich auf Jan Hus, den böhmischen Reformator, bezog. Nikolaus Ludwig Graf von Zinzendorf gründete die Herrnhuter Brüdergemeine im 18. Jahrhundert, er besuchte auch die Schweiz. Beeindruckt hat mich schon als Jugendliche, wie standhaft die Herrnhuter auch unter schwierigen Umständen an ihren Überzeugungen festhielten. Sie liessen sich von den Nazis nicht in deren «Deutsche Kirche» einbinden und konnten sich auch in der atheistisch geprägten DDR behaupten. – Der Herrnhuter Stern galt manchen sogar als kleines Zeichen des Widerstands gegen den DDR-Staatssozialismus.

Ein Spaziergang an einem kalten Spätherbstabend muss einmal ein Ende haben, ein fulminantes Ende: ein riesiger Lichtteppich mit wechselnden Farben und Mustern und dazu grandiose spätromantische Musik. Einige von uns waren so verzaubert, dass sie noch lange hätten verweilen können, wenn nicht langsam die Novemberkälte in unsere Kleider gekrochen wäre.

Field of Lights  © Christmas Garden/Michael Clemens

Auch im Landesmuseum in Zürich gibt es eine vorweihnachtliche Licht- und Klanginstallation.

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