FrontKulturPolitwerbung im 16. Jahrhundert

Politwerbung im 16. Jahrhundert

«Lichtgestalten. Zeichnungen und Glasgemälde von Holbein bis Ringler» zeigt das Kunstmuseum Basel. Die bunten Scheiben mit Stifterwappen waren in der frühen Neuzeit beliebte Objekte der Eigenwerbung und wichtige Artefakte in der gesellschaftlichen Kommunikation.

Die Kunst der Glasmalerei kennen wir in erster Linie von farbigen Kirchenfenstern, denken wir nur an die Fenster von Augusto Giacometti oder Marc Chagall im Zürcher Fraumünster. Glasmalerei im Kleinformat war vom 15. bis ins 17. Jahrhundert in der Alten Eidgenossenschaft und in Süddeutschland weit verbreitet. Die bunt leuchtenden Bilder schmückten die Fenster von Kirchen und Klöstern, aber sie waren auch verbreitet in Rathäusern, Zunftstuben oder Universitäten. Mit der Reformation verschwanden die kleinformatigen Kunstwerke nicht, im Gegenteil, sie wurden richtig Mode, auch im profanen Bereich. Leuchtreklamen für die jeweiligen Stifter, könnte man sie nennen, denn sie waren in den Fenstern des beschenkten Klosters oder Zunfthauses eine Art Werbung des Schenkenden. Wappenscheiben der eidgenössischen Stände waren besonders beliebte Objekte.

Berner Glasmaler (Hans Funk?): König Josia, der die Götzenbilder zerstören lässt. 1530. Reformierte Kirche Jegenstorf. Foto: Ruth Vuilleumier

Von der Fülle dieser Kunstgattung blieb über die Jahrhunderte wenig übrig, bei Bränden und anderen Unglücksfällen ging vieles zu Bruch. Aber umso mehr Vorlagen, meist Federzeichnungen sind in grafischen Sammlungen erhalten geblieben. Im Kupferstichkabinett des Basler Kunstmuseums liegen ein paar hundert dieser Scheibenrisse. Bislang ist kaum bekannt, dass unter den Urhebern grosse Namen wie Hans Holbein d. J., Niklaus Manuel, Tobias Stimmer oder Urs Graf waren. Damit erfährt diese während der Renaissance hierzulande besonders beliebte Kunstgattung eine Aufwertung.

Hans Holbein d.J.: Schweinehirte. 1518/19. Kunstmuseum Basel, Foto: Martin P. Bühler

Nachdem sich Kuratorin Ariane Mensger vom Kupferstichkabinett mit dem Thema beschäftigt hat, kann sie neue wissenschaftliche Erkenntnisse ausbreiten. In einer Ausstellung präsentiert sie nun zwanzig Glasgemälde und 70 Zeichnungen. In einigen Fällen kann sie erst noch die Vorzeichnung und die Glasmalerei nebeneinander zeigen. Zum Beispiel eine Zeichnung von Niklaus Manuel aus dem Kupferstichkabinett und die danach gemalte Scheibe aus einer Kirche im Kanton Bern. Oder den Scheibenriss eines Doppelwappens von Hans Brand, Leihgabe aus London, und die passende Glasscheibe von Jörg Wannewetsch aus dem Basler Schützenhaus.

Während das erste Beispiel mit dem Titel «König Josia lässt Götzenbilder zerstören» auf Reformation und Bildersturm weist, ist das zweite Ausdruck von Reichtum und Ansehen, das Glasgemälde trägt die Familienwappen der Stifter Gavin de Beaufort und Daniel Peyer. Achtmal sei ihr, sagt Ariane Mensger, dieser «Sechser im Lotto», also Scheibenriss und Glasbild zusammenzubringen, geglückt. Das Josia-Glasgemälde aus der Kirche Jegenstorf zu holen, erforderte ein logistisches Kunststück: Jetzt hängt dort – berichtet der zuständige Museumstechniker – ein Dummy aus Plexiglas, während das wertvolle Glasbild im Kunstmuseum als Glanzlicht präsentiert wird.

Oben: Hans Brand: Wappen von Gavin de Beaufort und Daniel Peyer. Scheibenriss 1575. © Victoria and Albert Museum, London. Unten: Jörg Wannewetsch d.Ä.: Wappen de Beaufort und Peyer. 1575. Schützenhaus Basel, E. E. Gesellschaft der Feuerschützen Basel, © Kantonale Denkmalpflege Basel-Stadt, Peter Schulthess, 2008

Die Motive der Glasgemälde waren so vielfältig wie in der Tafelmalerei, oft allerdings mit der Konstante des Stifterwappens. Neben religiösen Themen sind es Allegorien, Berufsdarstellungen oder auch Begebenheiten aus der Geschichte der alten Eidgenossenschaft. In nur einem halben Jahrhundert entwickelte sich sowohl die Zeichentechnik (Stichwort: Perspektive) als auch die der Glasmalerei weiter. Das Motiv wurde aus einzelnen Scherben, – weiss, rot, blau, lila – gebildet und mit Bleistegen verbunden, als Farben standen zunächst Silbergelb, Schwarzlot und Graulot zur Verfügung. Um 1600 kamen weitere Farben auf.

Als der Stand Basel 1501 in den Bund der Eidgenossen aufgenommen wurde, gab es Wappenscheiben der dreizehn alten Orte. Die Glasgemälde von Antoni Glaser (1480/85-1551) zieren noch immer den Basler Regierungsratssaal. Nicht so freizügig ausgeführt wie vorgezeichnet wurde die Solothurner Standesscheibe: die zwei nackten allegorischen Frauenfiguren, welche bei den Solothurner Wappen stehen und den Reichsadler präsentieren, fanden beim Stifter keine Zustimmung. Auf diesem und anderen Blättern ist zu sehen, dass die Scheibenrisse Arbeitsmaterial für den Glasmaler waren: hier gibt es mehr Hände, als die zwei Schönheiten eigentlich hätten, anderswo ist die Umrahmung links oder rechts unterschiedlich – da kann der Maler wählen, welche er ausführt, einige Scheibenrisse sind nur hälftig präzis gezeichnet, auf der anderen Blatthälfte nur vage skizziert.

Hans Holbein d.J. (1497/98-1543) ist mit mehreren Blättern vertreten, unter anderen mit der unkonventionellen Darstellung eines Schweinehirten oder zwei Einhörnern als Schildhalter vor Renaissancearchitektur. Aus dem Kreuzgang des Klosters Wettingen in die Ausstellung wurde eine Basler Standesscheibe, die Münstergründung durch Heinrich II. darstellend, gebracht. Holbeins Zeichnung gibt es nicht mehr, wohl aber das Pendant, das dazugehörte: Mit gleichen Architekturelementen ausgestattet steht eine Maria mit Kind vor dem Hintergrund einer Stadt. Die Werke sind 1522 entstanden.

Scheibenriss und Glasgemälde: Ludwig Ringler: Bannerträger der Zunft zu Webern, 1560. © Historisches Museum Basel, Foto: N. Jansen (li) und P. Portner (re)

Der technisch avancierteste Glasmaler war Ludwig Ringler (1536-1606), der auch selber vorzeichnete. In seiner Bannerscheibe der Weberzunft finden sich ausser dem Bannerträger und der Fahne mit Greif und Walkstange detailverliebte Schlachtszenen, denn damals zogen die Zünfte zugweise in den Krieg. Ringler war auch der Schöpfer eines Zyklus von Glasbildern für die Universität, gestiftet von den Fakultäten und wichtigen Persönlichkeiten. Hier sind die Bildinhalte singulär und sehr speziell.

Eine regelrechte Hagiographie liess sich der reiche und weltläufige Leonhard Thurneysser, Goldschmied, Unternehmer, Erfinder der Urinprobe und damit als Heiler in halb Europa bekannt, von Christoph Murer (1558-1614) fertigen. Auf einem ersten Bild nehmen wir an der Geburt teil, danach zeigt sich Thurneisser als lernbegieriges Kind, während seine Altersgenossen würfeln, auf späteren Darstellungen begleiten wir ihn zu Land und zur See, ins Tirol oder nach Nordafrika. Einige Scheiben zeigen das Wappen des Papstes oder des Erzbischofs von Köln – waren sie Stifter?

Hieronimus Vischer: Detail aus: Gewappneter Riese mit dem Wappen von Neuenburg 1606. Dargestellt ist ein Zunftessen.  Foto: Ruth Vuilleumier

Was Ariane Mensger bei ihren Studien an neuen Erkenntnissen zu dieser einst so beliebten und wichtigen Kunstgattung herausgefunden hat, ist in der Publikation Lichtgestalten nachzulesen. Im Katalogteil hat sie Monographien der Künstler verfasst.

Beitragsbild: Balthasar Han: Bannerträger der Himmelszunft (Ausschnitt). 1554. © Historisches Museum Basel, Foto: N. Jansen
Bis 26. April
Katalog: Lichtgestalten. Zeichnungen und Glasgemälde von Holbein bis Ringler, hg. von Ariane Mensger. Kunstmuseum Basel, Hirmer Verlag, 2020.
Informationen zur Ausstellung gibt es hier.
Zum Thema Glasgemälde siehe auch: Glasmalerei – eine seltene Kunst

3 Kommentare

  1. … und Hingehen macht auch Spass. aber braucht Zeit. Die witzigen, unheimlichen, düsteren und heiteren Details zu sehen benötigt Muße, aber es lohnt.Zum Beispiel beim hier nicht gezeigten heiligen Lukas: Eer malt auf einer Staffelei und ganz oben auf der Zeichnung sitzt ein kleiner Junge und pinkelt in einen Nachthafen. Eine Kunsthistorikerin meinte dazu: Mit Knabenurin wurden Pigmente für die Malerei erfolgreich gemischt.

  2. Eine spannende Ausstellung. In der Regel kennen wir Glasgemälde in Klöstern oder weit oben in Kirchenfenstern. In dieser Ausstellung sehen wir sie auf Augenhöhe und können zahlreiche Einzelheiten aus dem bürgerlichen Alltag der Renaissance entdecken, nicht nur biblische Szenen. Der fundierte Katalog hilft zusätzlich, das Gesehene dank zahlreicher Illustrationen zu vertiefen und einzuordnen.

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