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Eine verhängnisvolle Reise

Wie ein Riss sich unaufhaltsam in ein klaffendes Loch verwandelt, beschreibt die koreanische Schriftstellerin Hye-Young Pyun in einem spannenden Roman.

Ein Abgrund tut sich auf, obwohl es anfangs schien, als hätte der Held des Romans nur einen Riss in seiner Erinnerung, worauf der Titel Der Riss anzuspielen scheint. Dieser Riss ist die schreckliche Folge eines Autounfalls, bei dem der Geografieprofessor Ogi seine Frau verliert und seine körperliche Unversehrtheit dazu. – Es hätte doch so eine schöne Reise werden sollen!

Zu Beginn findet er sich im Krankenhaus wieder, aus dem Koma erwacht, aber vollkommen gelähmt, nur die Augen kann er bewegen und zwinkern, er befindet sich im sogenannten Locked-in-Zustand, was bedeutet: Er ist zwar bei Bewusstsein, jedoch körperlich fast vollständig gelähmt und unfähig, sich sprachlich oder durch Bewegungen verständlich zu machen. – Interessierte Lesende mögen aus anderen Publikationen Beschreibungen dieses Zustandes kennen. An den Unfall hat Ogi keine Erinnerung, im Laufe der Zeit kommen ihm wichtige Einzelheiten wieder ins Gedächtnis.

Hye-Young Pyun (Foto: © Gu-bung Chun)

Dies ist die dramatische Ausgangssituation des Romans. Die Autorin Hye-Young Pyun wurde 1972 in Seoul geboren. Sie absolvierte mehrere Universitätsausbildungen, verdiente sich ihren Lebensunterhalt mit Büroarbeit, studierte Kreatives Schreiben am Seoul Institute of the Arts und anschliessend koreanische Sprache und Literatur. Dieser Roman ist der erste, der ins Deutsche übersetzt wurde. Im englischsprachigen Raum ist Hye-Young Pyun schon seit einiger Zeit im Gespräch. Sie schreibt in lapidarer, aber genauer Sprache über groteske Ereignisse, über allmählich entstehende Verwirrung, die in psychisches Chaos oder in den Absturz führen kann. Durch ihren Drang, an Grenzen zu gehen oder sie zu überschreiten, unterscheidet sie sich von vielen koreanischen Schriftstellern. Am ehesten erinnert uns ihr Schreiben an die Bestsellerautorin Han Kang (Die Vegtarierin).

Statt einer Reise gelähmt und allein

Halb verzweifelt fühlt sich Ogi in seinem Locked-in-Zustand, halb überschätzt er sich. Seit er aufgewacht ist, hält er sich an die Worte seines Arztes: «Der Kampf geht jetzt erst los. – Ihre mentale Stärke ist es, die Sie brauchen: Willensstärke, keine Medizin.» Da er sich nicht bewegen kann, muss er sich auf seine anderen Sinne verlassen: aufmerksam sein auf Geräusche, auf die Worte der Menschen um ihn, auf Gerüche – er meint sogar einmal, er hätte den Duft seiner Frau wahrgenommen, was ihn erfreut – aber seine Frau ist tot.

«Oft waren Frauen für die Wendepunkte in Ogis Leben verantwortlich gewesen», beginnt das zweite Kapitel. Seine Mutter starb an einer Überdosis Medikamente, als der Junge zehn Jahre alt war. Seine Kindheit war damit beendet. Seine spätere Ehefrau holte Ogi in die Erwachsenenwelt. Obwohl Ogi davon überzeugt bleibt, dass er seine Frau liebt, ist das Verhältnis zwischen den beiden sehr wechselhaft und spannungsvoll, besonders da diese Frau, die stets namenlos bleibt, zwischen Zielstrebigkeit und Apathie hin und her schwankt.

Die japanische Schwiegermutter

Nun wird seine Schwiegermutter die wichtigste und zunehmend die einzige Bezugsperson in seinem Leben. Er hatte nie ein enges Verhältnis zu ihr gehabt, meistens pflegte seine Frau den Kontakt zu ihrer Mutter. Von der Familie waren nur er und die Schwiegermutter übriggeblieben. Was für ein Verhältnis finden die beiden zueinander, vor allem angesichts des krassen Unterschieds in der Bewegungs- und Ausdrucksfreiheit? Das wird sich im Verlaufe des Romans ändern. Zunächst besucht sie ihn täglich im Krankenhaus, später wird Ogi in sein Haus gebracht, da sorgt eine Pflegerin für ihn. Aber dann erklärt die Schwiegermutter, dass die Pflege zu teuer und die eingestellte Frau nicht vertrauenswürdig genug sei, so dass schliesslich die Schwiegermutter alle Arbeiten selbst übernimmt, was Ogi durchaus peinlich ist. Auch der einzige Therapeut, der für die Rehabilitation wichtig ist, kommt nach gewisser Zeit nicht mehr.

So verschärft sich Ogis Lage immer mehr. Er kann sich zwar mit der Zeit ganz wenig bewegen, auch Brummen und Grunzen, um sein Missfallen oder seine Zustimmung zu äussern, aber er ist und bleibt lebenslang pflegebedürftig. Seine Schwiegermutter wohnt nun in seinem Haus – Ogi verliert das Gefühl, noch zu Hause zu sein, zumal sie den Garten auf merkwürdige Weise neu gestaltet.

Die Gartenpflege war früher eine Lieblingsbeschäftigung seiner Frau. Im Bett fixiert, konnte er durchs Fenster hinausschauen, wie ein Blick in schönere Zeiten. Nun pflanzt die Schwiegermutter Kletterpflanzen, durch die in kurzer Zeit sein Fenster zuwächst. Er sieht noch dunkle, grüne Blätter, aber den Blick in ein Stück Welt hat er verloren.

Der Garten – eine kleine persönliche Welt

Die Anlage eines Gartens hat nicht nur in Korea, sondern auch in Japan wie in vielen Kulturen symbolische Bedeutung. Ein Garten ist Ausdruck von Lebensgefühl, ja Lebenssinn. – Nur ist dieses Kulturerbe für Europäer schwer zu entschlüsseln. Vermutlich gibt es noch viele andere Symbole, die wir nur verstehen, wenn wir die Kultur und Geschichte Koreas besser kennen. So ist die Schwiegermutter Halbjapanerin, denn sie wurde in Japan geboren und hat eine japanische Mutter.

Das ist ein entscheidendes Detail, denn das Leid der Koreaner, das sie durch die ca. 50jährige japanische Herrschaft erfahren mussten, ist längst noch nicht vergessen. In früheren Jahrhunderten war Korea von den Mongolen erobert und unterdrückt worden. Es ging immer auch darum, die Grenzen des Landes festzulegen. – Die Koreaner hatten das Gefühl, für ihre Heimat kämpfen zu müssen, eine Verteidigung, die nicht immer erfolgreich war. Vielleicht hängt Ogis Beruf als Professor für Geografie gerade mit dieser Idee zusammen, es heisst nämlich im Buch, er hätte eine grosse Sammlung koreanischer Landkarten angelegt.

Der Roman ist trotzdem sehr lesenswert und überaus spannend. In nüchterner Sprache, aber nicht ohne Witz beschreibt Hye-Youn Pyun nicht nur die äusseren Geschehnisse, sondern nach und nach erhalten wir ein Bild von Ogis seelischer Verfassung, von seiner Entwicklung und seiner Familie. Und das sind allgemein-menschliche Erfahrungen, die wir alle nachvollziehen können.

Hye-Young Pyun:  Der Riss. Roman aus dem Koreanischen von Ki-Hyang Lee (Originaltitel: The Hole). Verlag btb München 2019. 224 Seiten  ISBN: 978-3-442-75771-8

 

Dieses Buch ist in der Reihe «Der Andere Literaturclub» erschienen, einem Projekt von artlink, Büro für Kulturkooperation, das mit litprom verbunden ist. Ziel von artlink ist es, Kunstformen, Künstler und Künstlerinnen aus Afrika, Asien, Lateinamerika und Osteuropa bekannt zu machen sowie die Arbeit der in die Schweiz eingewanderten Kulturschaffenden zu unterstützen. Dies als Ausdruck einer der Welt gegenüber offenen Schweiz, die in der interkulturellen Zusammenarbeit eine Chance wahrnimmt, eurozentristische Haltungen zu relativieren, den Respekt vor anderen Formen, Traditionen und Wertesystemen zu fördern und die Welt auch aus anderen Blickwinkeln zu betrachten.

Titelbild:  Papiermaulbeerbaum. Daraus wird in Südkorea heute noch in einem aufwändigen Verfahren das traditionelle koreanische Papier Hanji hergestellt und vielfältig verwendet. / commons.wikimedia.org

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