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Überhaupt nicht verloren

Wer sich im Sommer vergeblich auf Sonne, Meer und Sandstrände gefreut hat, nehme das Buch von Gil Ribeiro «Lost in Fuseta» zur Hand. Wie lernen die wunderschöne portugiesische Landschaft der Algarve kennen. Werden mit kulinarischen Spezialitäten vertraut gemacht und erleben das Zusammenwachsen portugiesischer Polizeibeamten mit einem Berufskollegen aus Hamburg.

Wenn wir den grossen Linien folgen, geht es im Roman «Lost in Fuseta» um betrügerische Machenschaften, die mit Wasser zusammenhängen. Es ergeben sich einige Todesfälle, weil unliebsame Mitwissende aus dem Weg geschafft werden müssen. «Die Insel war ein bis auf die hier versammelten Polizisten menschenleeres Paradies. Über gut hundert Meter zog sich der Strand flach ins Wasser, das grünlich-türkis schimmerte und mit flachen Wellenkämmen gegen die Uferlinie anlief. Heller, warmer Sand zog sich kilometerweise nach Osten. Eine Schar von Lachmöwen stand um einen Priel herum und pickte mit gelben Schnäbeln in den nassen, weichen Boden». («Priel» habe ich nachgeschaut, es heisst «Wasserlauf».)

Da auch das grosse Geld eine Rolle spielt, stammt einer der wichtigen Akteure, wen wundert das, aus Zürich in der Schweiz. Interessant finde ich, dass dieser Roman zwar, wie üblich, Straftaten schildert. Wir erleben das Ermitteln, das Nachforschen, das Stellen von Tätern. Das alles bietet uns der Autor gekonnt, mit vielen willkommenen Irrungen und Wirrungen angereichert.

Amüsant zu lesen ist die Geschichte der «Pastel de Nata». «Das kleine Puddingebäck ist eine Art Nationalheiligtum», in einem Kloster erfunden (wo denn sonst?), ab 1834 landesweit bekannt und heute in allen Pastelarias von Portugal zu kaufen. Immer von bester Qualität!

Aber als wichtigste Frage hat er jene nach dem Trinkwasser für eine Bevölkerung eingepackt. Wem gehört es? Dürfen damit Geschäfte gemacht werden? Und wenn ja, von wem? Diese Fragestellungen sind nicht etwa schulmeisterlich eingefügt. Nein sie erschliessen sich erst, wenn das Buch gelesen ist und sich das Bedauern, dass es schon zu Ende ist, etwas gelegt hat.

Der Kommissar

Eine tragende Rolle im turbulenten Geschehen spielt Leander Lost, Kriminalkommissar aus Hamburg. Da er ein einjähriges Austauschprogramm zwischen der portugiesischen und der deutschen Polizei durchläuft, liefert er auch gleich den Titel des Romans.

Das Eingliedern in das Team der portugiesischen Kollegen von Fuseta bietet einige Schwierigkeiten. Grund dafür sind die autistischen Eigenschaften in der Persönlichkeit von Leander Lost. Die Schilderungen des sich Annäherns, der Missverständnisse, des langsamen Entwickelns eines gegenseitigen Verständnisses und Vertrauens sind für mich die fesselndsten Elemente des Buches. Die Schwierigkeiten lassen sich überwinden. Einige der «merkwürdigen» Eigenheiten des neuen Kollegen bringen sogar die Lösung verschiedener Fälle wesentlich voran.

Von einer befreundeten Psychologin habe ich mir versichern lassen, dass es sich hier um eine absolut realitätsgerechte Schilderung eines autistischen Menschen und der sich daraus ergebenden Interaktionen mit den Menschen seines Umfeldes handelt. Dieses Thema, so gut verständlich dargestellt, kann ein Grund sein, das Buch ein zweites Mal zu lesen.

Der Autor

Gil Ribeiro ist das offene Pseudonym für Holger Karsten Schmidt (geb.1965). Dieser ist ein bedeutender deutscher Autor von Drehbüchern und Thrillern, der schon unzählige Preise auf seinem Haupt versammelt hat: Deutscher Fernsehkrimipreis, Adolf-Grimme-Preis, Goldene Kamera 2017, um nur einige zu nennen.

Wie dem Autorenporträt zu entnehmen ist, landete Ribeiro 1988 auf einer Reise quer durch Europa zufällig in der Algarve. Die Herzlichkeit und Gastfreundschaft, der Charme des kleinen Städtchens Fuseta nahmen sein Herz gefangen. Und führten zu unzähligen weiteren Reisen in die Gegend. Und schliesslich zur vierbändigen Krimireihe um Leander Lost – «spannend, atmosphärisch dicht, warmherzig und mit feinem Humor».

Persönlich füge ich an, dass es der Autor versteht, die Lesenden von Beobachtern zu Miterlebenden, Mitwirkenden zu machen. Das ist für mich hohe Kunst des Schreibens!

Gil Ribeiro: «Lost in Fuseta”. 2017 Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln; KiWi1604. ISBN 978-3-462-05162-9

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