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Strassenleben

Beim Einkaufen traf ich zufällig einen Kollegen, mit dem ich im Allgemeinen heitere Sprüche austausche. Heute war alles anders. «Wir erleben einen Weltuntergang auf Raten», sagte er. Ich bestätigte seine Aussage. Da wir beide eifrig Medien konsumieren, waren wir um Beispiele nicht verlegen: «Pandemie, gefährliche Erwärmung des Weltklimas, weltweiter Rückgang der Artenvielfalt, Erdbeben, Überschwemmungen, Explosionen, die Wälder brennen, Etablierung von Gewaltherrschern, Aufstände gegen Unterdrückungsregimes, kriegerische Konflikte, Flüchtlingsströme, Hungersnöte, ungesunde Ernährung ganzer Bevölkerungen, umweltschädliche Fleischproduktion durch industrielle Tierhaltung …» – wir mussten Atem holen.

Ich guckte in seinen Einkaufskorb. Er hatte sich Setzlinge besorgt für sein Biotop. Das pflegt er in unserem Quartier. Zur Freude vieler. Mit saisongerechter Bepflanzung. Mit Büschen und Blumen. Um einem kleinen Teich herum. Das Aussetzen von Goldfischen war erfolglos. Zu viele Katzen im Quartier.

Wir mussten weiter. «Also» sagten wir. «Also. Tschüss und auf Wiedersehen!»

Hinter mir hörte ich Lachen, Rufen, Schreien. Eine Kindergartenschar war unterwegs. Die ganze Welt schaute mich an. In ganz verschiedene Gesichter blickte ich: helle, dunkle. Unterschiedliche Augen musterten mich. Soweit ich die Szenerie überblickte, waren die Auseinandersetzungen an keine besonderen Körpermerkmale gebunden. Ein Verhalten passte nicht, die Betroffenen wehrten sich, stellten die Ordnung wieder her und versöhnten sich auf der Stelle wieder.

Ähnliches beim Sandhaufen im Park, einige Zeit später. Da waren Buben im Schulalter eifrig am Arbeiten, am Berge und Burgen bauen. Die Stimmung war friedlich. Bis einer einen Kessel voll Wasser anschleppte, weil er den Bergen einen See beifügen wollte. «He», schrien sie ihn an. «Bist Du verrückt geworden? Du wirst doch nicht soviel Wasser vergeuden wollen!». Kleinlaut ging er zum nahen Brunnen, leerte die Hälfte des Kessels zurück und wurde gnädig wieder aufgenommen.

Dann gab es noch Zoff, weil einer einen Papiersack einfach auf den Boden geworfen hatte. Dabei war ein Abfalleimer doch ganz in der Nähe. Im Stillen lobte ich die Schar. Und hätte am liebsten nachgeforscht, welche Lehrerinnen und Lehrer ein solches Umweltbewusstsein vermittelten. Aber ich verwarf diese Idee wieder.

Dafür setzte sich ein anderer Gedanke durch. Plötzlich tauchte er aus meinem Innern auf. Hatte ich nicht im Regionaljournal gehört, dass hierzulande die grossen Fastnachtsumzüge wegen Corona abgesagt worden seien? Schweren Herzens hätten sich die Organisatoren dazu entschlossen. Da strömen ja jeweils Tausende von Zuschauerinnen und Zuschauern in die Stadt. Mit welchem genialen Schutzkonzept hätte man da ein gebührendes Abstandhalten durchsetzen wollen? Es gibt mir jedes Mal einen Stich, wenn es bei ähnlichen Diskussionen abschliessend heisst: «Ja, da muss dann eben die Polizei zum Rechten sehen.»

Wie denn? Mit Massen umzugehen, auch mit friedlichen Massen, ist eine der schwierigsten Polizeiaufgaben, die es gibt. Lieber die Massen gar nicht erst entstehen lassen!

Aber das war nicht der Punkt! Die Absage der grossen Umzüge rief mir die riesigen Abfallmengen ins Gedächtnis, die jeweils unmittelbar danach Trottoirs und Strassen bedeckten. Das Strassen-Inspektorat machte jeweils sofort «tabula rasa» und der Kehricht verschwand wie von Zauberhand innert kürzester Zeit. Wenn ich mich über die Nachlässigkeit der Leute aufregte, wurde ich getröstet. «Du weisst doch, welch effiziente Kehrichtverbrennungsanlagen wir haben. Das gibt Fernwärme!».

Muss ich mich jetzt grämen, dass allenfalls nächstes Jahr zur Fastnachtszeit weniger Fernwärme produziert wird? Oder, was mich mehr betrüben würde, dass da noch der eine oder andere Arbeitsplatz gestrichen werden wird?

Das Überfordernde an der heutigen Situation ist, dass alles mit allem zusammenhängt. Für diese Zusammenhänge zu sensibilisieren, ist gut. Aber damit ist es ja nicht getan. Es gälte dann auch, entsprechend zu handeln. Einiges an Verhaltensänderungen bewirkt die Vorsicht gegenüber dem Corona-Virus bereits. Aber welches werden die Konsequenzen sein, die wir als Gesellschaft daraus ziehen? Werden wir rücksichtslos wirtschaftlich wieder aufrüsten, falls es eine Zeit nach der Pandemie gibt? Oder das mühsam gefundene Gleichgewicht zwischen Rücksicht und Selbstverwirklichung beibehalten? Und wer bestimmt in Zukunft über das «gleiche Gewicht» in den beiden Schalen?

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