FrontKulturEin Leben für die Kunst – mal vier

Ein Leben für die Kunst – mal vier

Im Kunstzeughaus Rapperswil zeigt eine umfassende Retrospektive mit dem Titel «4 x Baviera» auf, wie vier Brüder mit italienischen Wurzen hierzulande ihren Weg in die bildende Kunst suchten und fanden.

Sie waren als Tschinggen ausgegrenzt, damals in den Fünfziger Jahren, als sie zur Schule gingen, die vier Baviera-Buben, geboren zwischen 1944 und 1948. Die Mutter war eine Textilkünstlerin und Violinistin aus den Niederlanden, der Vater arbeitete als Architekt und liebte die Natur.

Aus dem Fotoalbum der Baviera: Vier fröhliche Buben. Archivbild © Baviera

Der familiäre Hintergrund von Silvio, Vincenzo, Michael und Peter Baviera war offen und pazifistisch, oder auch patriarchalisch und streng – je nachdem, wer von den Brüdern gefragt wird. Die Werke der vier, allesamt ein Leben lang mit Kunst befasst, bespielen den grossen Dachraum des Kunstzeughauses. Kuratiert hat 4x Baviera der Ausstellungsmacher und Besitzer der Arbeiten, Silvio Baviera.

Vier kleinere Arbeiten der vier Brüder auf einem Tisch. Foto: © Vincenzo Baviera

Sehr spannend ist dieser Einblick in die künstlerische Arbeit der vier Brüder, die alle mit unterschiedlichen Konzepten und Zielen ihre Werke schufen. Es gibt Verwandtschaften – die Architektur ist grundlegend, Einflüsse der konkreten Kunst sind immer wieder zu erkennen, minimalistische und klare Konzepte finden sich immer wieder. Mit der Werkschau der Baviera-Brüder wird als pars pro toto eine Kunstströmung veranschaulicht, die auch die Sammlung Peter Bosshard prägt, der diese Ausstellung einst anregte.

Silvio Baviera, KEIN Babel, 1991, zweifarbiger Siebdruck auf Spiegelglas, 40 x 33 x 18,5 cm

Silvio R. Baviera (*1944) hat mehr als ein halbes Leben im Zürcher Kreis vier gelebt. Sein kreatives Medium war das Wort, als Wortspiel auf einem Plakat, im Essay oder auch als poetisches Kunstwerk. Jahrelang war er eine Persönlichkeit in der Zürcher Kunst- und Galerienszene, denn er war der erste Galerist, der es wagte, nahe der Langstrasse eine Galerie zu eröffnen. Sein Museum Baviera an der Zwinglistrasse im Kreis vier war lange Jahre ein Ort besonderer Ausstellungen und ein Treffpunkt kreativer Menschen. Auch die Werke der Baviera wurden dort gesammelt und mehr als einmal gezeigt. Im kleinen Ladenlokal plante Silvio Ausstellungen, erfand eigene Werke, schrieb Bücher und war auch Verleger, dort empfing er, umgeben von Bücherwänden und Kunstobjekten fast jederzeit Künstlerinnen, Freunde, Passanten, und führte sie auf Wunsch die Treppe hinunter ins geräumige Museum. Das Museum Baviera in Zürich ist Geschichte, es wird im Tessin wieder entstehen, aber der Kreis vier ist heute ein Kunst-Hotspot mit mehreren Dutzend Galerien.

Vincenzo Baviera, Stadt, Architektur, 1988 Eisen, 45,5 x 32,5 x 20 cm

Vincenzo Baviera (*1945) war ein ewiger Student – sowohl ein Architektur- als auch ein Sozialpsychologiestudium brach er kurz vor dem Schlussexamen ab, flüchtete im letzten Augenblick aus einer ungewollten Karriere und wurde – was er immer wollte – eigentlich Schreiner, wie er selbst sagt. 1984 wurde mit ihm als Professor die Bildhauerei an der Hochschule für Gestaltung in Offenbach wiedereröffnet, später folgten Lehraufträge an der ETH. Seine Studienjahre waren für seine künstlerische Entwicklung des Plastiker und Bühnenbauer wichtig. Emblematisch steht das Rad für ihn als etwas zum Menschen Gehörendes, das in der Natur nicht existiert. Seine begehbaren Stadtobservatorien auf Zeit, die dem Publikum die Wahrnehmung auf Altbekanntes verschieben, seine Skulpturen, die Köpfe, Stehdreher und Räderwerke stellt er – Handwerk und Präzision sind ihm wichtig – noch immer selbst her. Er lebt in Beggingen SH, wo es für seine Arbeit genug Aussen- und Innenraum gibt.

Michael Baviera, Arbeit 4, 1997 Buchenholz, 22,5 x 79 x 4 cm

Michael Baviera (1946 – 2014) hat nach seiner Grafikerlehre mit Erfolg eine Werbeagentur geführt, wobei ihm das Design stets wichtiger war als das Marketing. Er entwickelte sich künstlerisch zum Maler des Quartetts, orientierte sich an der konkreten Kunst, orientierte sich an geometrischen Formen und klaren Ordnungsstrukturen. Bis zu seinem frühen Tod als Folge einer Multiplen Sklerose hat er als Professor für visuelle Kommunikation an der Konstanzer Hochschule für Technik, Wirtschaft und Gestaltung gelehrt, beliebt und bewundert von seinen Studenten, die ihn zuletzt im Rollstuhl zur Vorlesung schoben.

Peter Baviera, Die Schöpfung, 1983 Acryl, Eisen

Peter Baviera(*1948) studierte Archäologie und war zugleich künstlerisch tätig. Seine Arbeiten umfassen von der Fotografie über die Textilgestaltung bis zur Malerei, in der er sich mit Farbwirkungen auseinandersetzt, eine Vielzahl von Medien. Auch Möbel hat er, den das Schreinerhandwerk schon früh faszinierte, gestaltet. Zusammen mit Vincenzo führte er eine Handwerksfirma. Sein wohl bekanntestes Werk im öffentlichen Raum ist das Einmaleins aus geätzten Glasplatten auf dem Pausenplatz des Schulhauses Apfelbaum in Oerlikon – logisch und minimalistisch.

Wer die breite Treppe hoch zum Dachraum des Kunstzeughauses steigt, bleibt mit dem Blick zunächst auf der Biographie haften, will sagen den Familienfotos und der mütterlichen Geige. Es ist nicht das erstemal, dass Werke von allen gezeigt werden, aber erstmals sind die vier Baviera in einem Museum ausgestellt. Die Ausstellung setzt mit der klugen Anordnung die Arbeiten in vielfache Bezüge, mitunter auch Kontrapunkte zueinander.

Blick in den Ausstellungsraum (Monochrome Malerei von Peter, ein Räderwerk von Vincenzo und eine Wort-Arbeit von Silvio Baviera). Foto: © Vincenzo Baviera

Rund dreissig Arbeiten jedes Baviera sind versammelt in einer zugleich grosszügig ruhigen und eine ganze Ära spiegelnden Schau: Konstruktives und Abstraktes, Farbflächenmalerei und Skizzen, Drucke mit hochpolitischen und absurden Wortspielen, Leuchtobjekte und Holzskulpturen an den Wänden interagieren mit den grossen Arbeiten, die den Ausstellungsraum rhythmisch sequenzieren. Zweimal gibt es Podeste mit kleineren Objekten und Skulpturen von jedem der vier: Man kann drum herumgehen und das vierteilige Gesamtkunstwerk auf sich wirken lassen – gibt es eine gemeinsame Baviera-Sprache, oder ist die Individualität trotz der harmonischen Präsentation das Herausragende?

Bis 1. November
Titelbild: Tisch mit vier kleinen Arbeiten (Ausschnitt)
Fotos der Einzelobjekte: © Kunstzeughaus Rapperswil
Mehr Informationen zum Kunstzeughaus Rapperswil finden Sie hier.
Zur Ausstellung ist die Neuerscheinung «Fratelli Baviera 2» erschienen. Die Publikation wurde als Porträt und als Dokumentation von vier Lebenswerken durch Silvio Baviera zusammengestellt. Die Einleitung hat Kunsthistoriker Beat Wyss verfasst. Die Publikation schafft Querbezüge und vereint das Werk als auch biografische Angaben der vier Künstler auf über 400 Seiten und kostet 68 Franken, ISBN: 978-3-033-07840-6. Erhältlich im Kunstzeughaus oder direkt beim Verleger: galerie@baviera.ch.

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