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Lob der Eintönigkeit

Corona bestimmt seit fast einem Jahr unser aller Leben, und Abwechslung, Kontakte, anregende Treffen im Freundes- oder Familienkreis oder spontane Begegnungen sind selten geworden. Eine schwierige Zeit für alle! Aber vielleicht auch Zeit für ganz neue Erfahrungen.

Angefangen hat alles im letzten März. Der von der Pandemie diktierten fast kompletten Selbstisolation setzte ich meine morgendlichen Spaziergänge entgegen. Morgens um sieben, allein auf der Finnenbahn im nahgelegenen Wald, lernte ich den Begriff «Frühling» ganz neu kennen und vor allem zu schätzen.

Das frühmorgendliche Vogelkonzert, das, so glaubte ich herauszuhören, von Woche zu Woche um einige Stimmen reicher wurde, die Sträucher am Wegrand, deren Knospen mit jedem warmen Tag praller wurden, bis sie ganz aufplatzten, die ersten Buschwindröschen im Herbstlaub – all das waren kleine Glanzpunkte, die in «normalen» Zeiten mit voller Agenda und Termindruck unbemerkt verglüht wären.

Hören Sie es? Die ersten Schneeglöckchen läuten den Frühling ein.

«Was, Du gehst jeden Tag denselben Weg? Möchtest Du nicht mal etwas Abwechslung», werde ich des öftern gefragt, wenn ich mit Freundinnen und Bekannten telefoniere. Ja, jeden Tag den gleichen Weg. Für Abwechslung muss ich nicht sorgen, dass übernimmt die Natur ganz selbstverständlich.

Ein kleiner Fitnessparcour

Seit letzten Herbst, als es im Wald zu nass und ungemütlich wurde, habe ich nun einen neuen Weg gefunden: Rings um unsere Gemeinde, durch Strassen und kaum mehr beachtete Quartiere. Ein «Rundlauf», der mich in einer knappen Stunde wieder vor meine Haustüre führt – und mir das gute Gefühl gibt, auch bei Regen, Kälte und Schnee etwas für mein Wohlbefinden getan zu haben.

Der «Tierlibaum» macht sich bereit zum Start in en Frühling.

Hatten wir vor drei Wochen noch fast einen Meter Schnee, kündigt sich jetzt unübersehbar der Frühling an. Und ich bin ganz nahe dabei! Ich sehe die Blütenknospen des «Tierlibaums», der Kornelkirsche, jeden Tag dicker werden. Einige sind schon fast aufgeblüht, was an den momentan milden Tagen bereits die ersten Bienen anlockt. Eifrig brummend und mit dicken gelben «Höschen» geniessen sie die erste Mahlzeit nach ihrer winterlichen Zuckerdiät.

Auch mein Wintergarten, genauer die beiden grossen Töpfe mit Christrosen, wurden übrigens in den letzten Tagen förmlich gestürmt – ob dieser Blütenstaub für die Bienen wohl so etwas ist wie für uns die ersten Erdbeeren?

Überlebenskünstler

Wo vor einer Woche noch Schneereste lagen, strecken jetzt Schneeglöckchen ihre grünen Spitzen und die zum Aufblühen bereiten Knospen der Sonne entgegen. Sie haben keine Angst vor neuen Kälteeinbrüchen. Denn dann werden sie einfach ihre Blüten wieder schliessen und warten, bis das Gröbste vorbei ist. Vielleicht ein Vorbild für unser Verhalten in diesen Tagen?

Übrigens: Wer jedes Jahr vergeblich wartet, dass die im Herbst gesteckten Knöllchen aufblühen, sollte jetzt Blumentopf und Schaufel bereit halten – und sich mit Gartenbesitzern anfreunden, die ganze Horste der kleinen Frühlingsboten im Garten haben. Sicher darf dann, unmittelbar nach dem Verblühen, da und dort eine Ecke eines Schneeglöckchen-Teppichs abgestochen werden. Und dann rasch nach Hause mit den Pflänzchen und sofort neu gepflanzt. Denn die kleinen Zwiebelchen treiben nicht mehr aus, wenn sie eingetrocknet sind. Was die fehlgeschlagenen Kultivierungsversuche im Herbst erklärt.

So schön können Storchenschnäbel sein – und heilkräftig sind sie auch noch.

Heute wartete eine ganz besondere Attraktion auf mich: In unserem Landi wurden in der Anlieferung die voll beladenen Gestelle mit Primeln, vorgezogenen Narzissen, Hornveilchen und Storchenschnäbel ausgeladen. Besonders letztere haben es mir angetan. Denn diese wilden Geranien haben sich dieses Jahr wunderschöne, farbenfrohe Rüschenröckchen angezogen, sehen aus wie kleine Flamencotänzerinnen, bereit, in den Frühling hineinzutanzen.

Deshalb werde ich morgen auf meinem Rundgang ausnahmsweise mal Geld und eine Tasche dabei haben. Denn dieses Stückchen Frühling, das muss nun einfach sein. Soll nun noch jemand sagen, meine tägliche Route sei eintönig!

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