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Die Gaukler und der Tod

Das Kunst Museum Winterthur stellt die Maskierung in den Fokus der Ausstellung «Ensor – Picasso. Maskeraden». Erstmals überhaupt stehen sich die zwei Meister der Moderne gegenüber.

James Ensor (1860-1949) und Pablo Picasso (1881-1973) trennt eine Generation, beide stammen aus unterschiedlichen Kulturkreisen, der eine aus Belgien, der andere aus Spanien. Dennoch gibt es in ihrem Werk zahlreiche Gemeinsamkeiten, beide liebten das Spiel mit der Maske.

James Ensor, Les masques et la mort / Die Masken und der Tod, 1898, Plakatentwurf für eine Ausstellung, Aquarell und Gouache auf Papier. Kunst Museum Winterthur, Stiftung Oskar Reinhart.

Nicht die klassische Schönheit, sondern der Mut zur Hässlichkeit reizte die beiden unterschiedlichen Künstler. Sie scherten sich nicht um Kritiken, sondern verfolgten ihre Vision – und sowohl Picasso als auch Ensor waren stolze Selbstinszenierer. So wie sie die menschliche Maskerade vorführten und interpretierten, so spielten sie auch mit ihrem eigenen Auftritt.

Die Maske als Schutz vor dem Virus ist heute allgegenwärtig. Als Schutz vor bösen Geistern oder um Schutzgottheiten anzurufen reicht ihre Geschichte weit zurück und ist in vielen Kulturen bedeutsam. Die Maske als Kulturform zum Verkleiden, Verhüllen sowie als Spiel mit Identitäten bot Künstlerinnen und Künstlern stets reiche Ausdrucksmöglichkeiten.

James Ensor, Le Cortège infernal / Der Höllenzug, 1887, Zinkradierung. Kunstmuseum Basel. Foto: rv

Der Winterthurer Ausstellung dient die Maskerade als Überbegriff: die Auseinandersetzung mit der Maske als Objekt und Symbol, das Inszenieren, Verkleiden und das damit verbundene Verstellen, Vorgaukeln und Demaskieren. Damit werden urmenschliche Fragen nach der Identität berührt. Das Motiv äussert sich bei Ensor hauptsächlich im Thema Karneval und bei Picasso beim Zirkus.

Pablo Picasso, Le modèle et deux personnages / Das Modell und zwei Figuren, 1954, Farblithographie. Kunstmuseum St. Gallen, Depositum der Gottfried Keller-Stiftung,
© Succession Picasso / 2021, Pro Litteris. Foto: rv.

James Ensor war zeitlebens von Masken fasziniert, er gilt als «Der Maler der Masken». Der Karneval in seiner Heimatstadt Ostende und die zahlreichen auch exotischen Masken im Souvenirladen seiner Eltern prägten ihn. Doch ihn interessierte nicht das bunte Treiben der Fasnacht, sondern vielmehr das Inszenieren und die Maskerade als Kaschierung.

James Ensor, La Mort poursuivant le troupeau des humains / Der Tod verfolgt die Menschenherde, 1896. Kupferradierung. Kunstmuseum Basel. Foto: rv

Ensors Masken führen ein Eigenleben, die Köpfe werden zu Fratzen und seine Figuren verwandeln sich in bizarre Mischwesen. Die Serie der Farblithographien, Gamme d’amour / Liebestonleiter von 1929, schuf er für ein von ihm komponiertes Ballett, zu dem er neben der Musik auch das Bühnenbild sowie die Kostüme bzw. Figuren entwarf. Es war ein Marionetten-Theater, gespielt nicht von Puppen, sondern von Menschen in Masken als Puppen auf der Bühne.

Im Zentrum der Schau werden Druckgraphiken aus Ensors reifer Schaffensphase vorgestellt. Immer wieder fallen darin die Menschenmassen auf, dicht gedrängt im Gleichschritt oder chaotisch im kollektiven Wahn, den Tod im Nacken. Ensor variierte seine Themen und zitierte gerne aus seinen früheren Werken.

James Ensor und Pablo Picasso waren beide herausragende Peintre-graveur. Das druckgraphische Oeuvre von Ensor umfasst 130 Blätter, von denen rund die Hälfte in der Ausstellung zu sehen sind. Er arbeitete nur in zwei Techniken, der Radierung und der Lithographie und begann früh, diese mit Wasserfarben, Gouache oder Farbstift von Hand zu kolorieren. Mit der Graphik löste er sich vom vorherrschenden Stil der Zeit und wandte sich grotesken und makabren Motiven, insbesondere den Karnevalmasken zu.

James Ensor, Le tambour-major / Der Tambourmajor, 1925-1929, Öl auf Leinwand, Privatsammlung, Deutschland. Foto: rv

Als Atheist setzte sich Ensor auch mit christlichen Themen auseinander, etwa den Todsünden. Diese Serie wird in der Ausstellung vollständig und vom Künstler eigenhändig koloriert gezeigt. In L’Entrée du Christ à Bruxelles von 1898 reitet Christus auf einem Esel kaum erkennbar inmitten der Menschenmassen. Wie der leidende Christus fühlte sich Ensor vom Publikum und der Presse oft unverstanden. So stellte er seine Kritiker sarkastisch als Pisseur dar. Aber auch sich selbst verschonte er nicht und zeigte sich auf einer Radierung von 1888 als klappriges Skelett in Mon portrait en 1960, dem Jahr, in dem er hundert Jahre alt geworden wäre.

Pablo Picasso, Les saltimbanques / Die Akrobaten, 1905, Kaltnadel. Kunst Museum Winterthur, © Succession Picasso / 2021, Pro Litteris.

Pablo Picasso hatte sich erst gerade in Paris niedergelassen, als er nach dem Besuch des Cirque Médrano die Welt der Gaukler und Harlekine kennenlernte. Diese neue Motivwelt führte ihn 1904 aus der schwermütigen Blauen in die Rosa Periode. In dieser Zeit setzte er sich erstmals mit der Druckgraphik auseinander und schuf die Serie Les saltimbanques. Er zeigt die Akrobaten nicht romantisch verklärt, sondern in ihrem alltäglichen Leben, beim Pausieren oder als Familie. Dieser Blick hinter die Inszenierung verbindet ihn mit James Ensor.

Pablo Picasso, Buste de femme: Françoise / Frauenbüste: Françoise, 1948, Keramik, glasiert. Kunst Museum Winterthur, © Succession Picasso / 2021, Pro Litteris.

Auch bei Picasso steht die Graphik als Medium in engem Zusammenhang mit der Neuausrichtung im künstlerischen Schaffen. Während mehr als vierzig Jahren hatte er mit unterschiedlichen Varianten des Tiefdrucks gearbeitet. Die Lithographie entdeckte er Ende des Zweiten Weltkriegs für sich. Insgesamt hinterliess er über zweitausend Druckgraphiken.

Die Ausstellung schliesst mit dem Spätwerk Picassos, einer Auswahl aus der sogenannten 347 Suite von 1968, kombiniert mit Werken aus anderen Schaffensphasen. Die Bronzefigur Tête de picador au nez cassé von 1903 schafft thematisch eine Verbindung zwischen Picassos und Ensors Maskenwelten. Denn Picasso entschied sich im Picador nicht für eine Vollplastik, sondern für das deformierte Gesicht in der Art einer Totenmaske.

Fotos:  Kunst Museum Winterthur

Bis 20. Juni
«Ensor – Picasso. Maskeraden», Ausstellung im Kunst Museum Winterthur, Reinhart am Stadtgarten, mehr Informationen hier

Weitere Beiträge:
Ruth Vuilleumier «Zwischen Zeigen und Verhüllen»
Eva Caflisch «Groteskes Spiel mit Masken»


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