FrontGesellschaftAus aktuellem Anlass: Fragen an die Zukunft

Aus aktuellem Anlass: Fragen an die Zukunft

Auch ein Landesmuseum will sich einbringen, wenn das Land, dessen Geschichte und Gesellschaft es darstellt, von einer Pandemie heimgesucht wird. Die kleine Themenausstellung «Virus – Krise – Utopie» beteiligt sich am laufenden Diskurs und bietet mit der historischen Rückschau auch ein breites Fenster in die Zukunft.

Denn – so wird das Thema erklärt – in Krisenzeiten gedeihen Utopien besonders gut, weil dann die Sehnsucht nach einer besseren Welt stärker wird. Dass in der Geschichte immer wieder Ideengeber auftauchten, die eine positive Zukunft beschrieben, belegt diese Ausstellung, dazu werden aktuelle utopische Entwürfe referiert. Es sind Visionen und Theorien, die in der seit dem zweiten Weltkrieg schwersten globalen Krise – die Pandemie traf auf die menschengemachte Klimaerwärmung und die negativen Folgen eines totalen Wirtschaftsliberalismus – ausgedacht worden sind. Einige davon werden Zukunftsentwürfe mit hohem Realitätsgehalt bleiben, andere wohl verdrehte Hirngespinste.

Blick in die Ausstellung mit dem grossen Tisch voller Visionen, Utopien, Geschichten, Fotos, Videos und Objekten – das meiste über Touchscreens zu sehen. Foto: ec

Anfang des 16. Jahrhunderts verfasste der englische Staatsmann Thomas Morus die Zukunftsvision einer idealen Gesellschaft, die weder Todesstrafe noch grosse soziale Ungleichheiten kennt. Sein Buch Utopia ist in einer Zeit voller Konflikte, Seuchen und gesellschaftlicher Spannungen entstanden und beeinflusste die europäische Gesellschaft während mehreren Jahrhunderten.

Titel des Buchs mit der Beschreibung einer idealen Welt auf der Insel Utopia.

Dem Buchtitel, der eine ganze Literaturgattung begründet und spätere sozialutopische Ideen inspiriert hat, ist der Terminus Utopie zu verdanken.Eine grosse Wirkung hatte auch der Ökonome John Maynard Keynes. Seine Theorie über die Zusammenhänge von Beschäftigung, Zinsen und Finanzen von 1936 führte zu einer Revolution in den klassischen Wirtschaftswissenschaften. Gerade jetzt wird sie wieder beachtet, wenn es darum geht, dass die öffentliche Hand investiert mit dem Ziel, die Vollbeschäftigung zu erhalten und die Güter weniger einseitig zu verteilen. Der aktuellste Wissenschaftler und Berater, der in der Ausstellung zitiert wird, Joseph Stiglitz, steht der Globalisierungspolitik ebenfalls kritisch gegenüber, weil sie das Ziel Wohlstand für alle ignoriert.

Zukunftsvisionen sind keine Männerdomäne. Auch Frauen dachten sich ein besseres Leben aus: In den 1880er Jahren wanderten Uhrmacherinnen aus, um «weder Gott, noch Chef, noch Ehemann» gehorchen zu müssen. Zitiert wird auch die prophetischen Pietistin Juliane von Krüdener , welche im frühen 19. Jahrhundert unter anderem aus den Kantonen Basel, Aargau, Luzern, Zürich ausgewiesen wurde, weil sie mit ihrer Kritik an Klerus und Regierungen die Massen bewegte.

Gewiss, in Krisen wuchern auch Verschwörungstheorien – aus Angst und Unsicherheit. Zukunftsvisionen haben einen anderen, emotionalen Hintergrund: Stärke, Solidarität, Empathie in schweren Zeiten. Da beginnt man sich zu fragen, wo es hakt und was man in Zukunft besser machen könnte. Das ist heute nicht anders als früher. «Die Corona-Krise regt viele Menschen dazu an, die Gegenwartsgesellschaft kritisch anzuschauen,» sagt die Kuratorin Marina Amstad. Zu den historischen hat sie viele aktuelle Zukunftsvisionen zusammengetragen und mit Fotos, Texten und Videos in den Touchbildschirmen untergebracht.

So sieht die Ausstellung zunächst ganz klein und übersichtlich aus. Im Grunde ist es eine einzige riesige Tafel aus mehreren zusammengeschobenen Tischen und bescheidenen Aufbauten. Drumherum nicht edle Sessel, sondern gepolsterte Hocker Auf den Tischen hier und dort ein Kopfhörer. Überm Ganzen leuchtet das Ausstellungsplakat. Aber bei einem kurzen Überblick hat man ausser den pilzförmigen Stadtmodellen und eventuell einer Bircherraffel oder dem Modell von Klaus Littmanns Stadionwald sowie einem schockierend lebensechten Bild von einer schwer an Pocken erkrankten Frau kaum etwas gesehen.

James Gillray, Die Kuh-Pocken, oder: Die wundervollen Nebenwirkungen der neuen Impfung, 1802. Die Pocken gelten seit 1980 als besiegt. Creative Commons

Dieses stammt von 1921. Schon 1796 impfte der Arzt Edward Jenner erstmals Kuhpocken-Viren, aber gleich fantasierten Impfgegner, sie würden in Kühe verwandelt – Verschwörungstheorien gegen Impfen sind nichts neues, passen sich dem technischen Stand der Zivilgesellschaft an und verhindern die Eindämmung einer Pandemie nachhaltig.

Aber in der Krise mit Klimaerwärmung und Pandemie spriessen auch Zukunftsvisionen für eine bessere Welt. Allen voran ist wiederum eine Frau zu nennen, nämlich Greta Thunberg, die sich – ausgehend vom Schülerstreik in Schweden – auf dem globalen politischen und gesellschaftlichen Parkett mit Erfolg einsetzt. Oder – lokaler und nicht weniger wichtig – Leanne Brady mit der Bürgerinitiative Cape Town Together in Südafrika, wo es um Nachbarschaftshilfe und -solidarität im Stadtviertel geht.

Zwei Dinge fallen auf:
– Asoziale Medien werden sozial, sagt MIT-Professorin Sheryl Turkle. War die Nutzung von digitalen Geräten eher etwas egoistisches und einsames, hat der Lockdown zu Anwendungsformen geführt, die hilfreich für die Gesellschaft sind, auch weil es immer mehr Teilhaber und Nutzerinnen gibt. Denken wir nur an die grosszügigen Streaming-Angebote von Kulturinstitutionen, deren Besuch wir uns sonst nur selten oder nie leisten könnten. Die Ausstellung bringt Beispiele, wie das Internet ein Medium der Empathie geworden ist.
– Das Grundeinkommen wird salonfähig. Es stimmt zuversichtlich, wenn Politiker und Forscher die Einführung eines bedingungslosen Grundeinkommens zur Eindämmung von Konflikten um die Ressourcenverteilung weltweit ins Auge fassen. So fragt sich auch die Ausstellungskuratorin, wie die Abstimmung hierzulande herauskäme, wenn wir jetzt an die Urne müssten – 2016 wurde die Initiative haushoch verworfen.

Walter Jonas, Intrapolis, um 1969. Detailansicht der nach Innen gewendeten Stadt. Copyright: gta Archiv / ETH Zürich. Foto: Schweizerisches Nationalmuseum

Nebst virtuellen haben Utopisten auch reale Behausungen geplant. Die Intrapolis des Künstler Walter Jonas von 1960 ist in Modellenund Zeichnungen präsent. Jonas suchte Möglichkeiten, mit wenig Ressourcenverschleiss und viel individueller Annehmlichkeit dank seiner Trichterhäuser zu verdichten: Ökologisch und human sollte angesichts der explodierenden Städte gebaut werden.

Oder auch: Umstellen auf vegane Ernährung, nicht nur weil damit Ressourcen, beispielsweise Urwälder geschont werden, sondern auch weil es keine Rüebliviren gibt, die auf den Menschen überspringen können. Eine Vision allerdings ist noch immer nicht in der Wirklichkeit angekommen: Martin Luther Kings Traum von einer Welt ohne Rassismus und Sklaverei.

Bei der Post auf Lager: Die Covid-19 Solidaritäts-Marke, deren Erlös an das Schweizerische Rote Kreuz und an die Glückskette geht.

Ein Objekt erinnert daran, dass auch wir etwas beisteuern können. Nämlich die Solimarke eines Berner Ateliers für den A-Post-Brief mit Zusatzbeitrag von fünf Franken. Kaufen kann man das Wertzeichen für einen Fünfliber pro Marke, den Taxwert von einem Franken steuert die Post bei. Bereits sind über zwei Millionen Franken an die grossen Schweizer Hilfsorganisationen gegangen.

bis 27. Juni

Titelbild: Schlüsselbild der Ausstellung. Grafik: © Marco Heer, Achtung! GmbH Bern
Hier geht es zu mehr Informationen über Virus-Krise-Utopie im Landesmuseum.

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