FrontKulturKunst in einem zerbrochenen Land

Kunst in einem zerbrochenen Land

«Grenzgänge – Nord- und südkoreanische Kunst aus der Sammlung Sigg», dies ist der Titel der Ausstellung im Kunstmuseum Bern. In Verbindung mit der Schau des Alpinen Museums auf die Berge Koreas zeigt die Sammlung Sigg die Gegensätze der Kunst Nord- und Südkoreas.

Den Berner Museumsbesuchern ist Uli Sigg kein Unbekannter. Als Geschäftsmann und Diplomat verbrachte er viele Jahre in Peking, aber auch in Korea. – Zur Zeit der schweren Hungersnot in den 1990er Jahren war er Botschafter der Schweiz in Pjöngjang. Durch ein landwirtschaftliches Hilfsprojekt der DEZA, das er auf den Weg brachte, konnte er bei den herrschenden Kommunisten viel Respekt für die Schweiz erwerben. Das ermöglichte Sigg wohl einen Zugang, der gewöhnlichen Reisenden verwehrt war.

Das Motiv für seine Sammeltätigkeit, sagt Sigg, sei stets sein Interesse für die Menschen in China oder Korea, die er durch ihre Kunst habe kennenlernen können. Was die beiden Koreas angeht, zeigt sich Sigg «fasziniert vom Unverständnis der beiden Teile Koreas füreinander»; die Koreaner würden sich in ihrer Kenntnis voneinander immer stärker auseinander bewegen.

Die früheren Ausstellungen chinesischer Werke im Berner Kunstmuseum liessen erkennen, dass der inzwischen berühmte Sammler Sigg nicht einfach traditionelle Kunst, anerkannte Werke aus Vergangenheit und Gegenwart kaufte, sondern junge Künstler fördern wollte und für Ungewöhnliches ein offenes Auge hatte. – Vor allem die erste Ausstellung 2005 erregte entsprechend Aufsehen.

North Korea Collective: The Sea, 2008. Öl auf Leinwand. 150 x 295 cm. Foto: Sigg Collection, Mauensee © The artist

Aufsehenerregend sind in der heutigen Ausstellung vor allem die eklatanten Unterschiede im Kunstverständnis der beiden Koreas und den entsprechenden Werken. Im Norden Darstellungen von Berglandschaften oder vom aufgewühlten Meer und – vor allem: riesige Gemälde im Stil des sozialistischen Realismus, die einzuschätzen uns Europäern schwerfällt. Die Künstlerinnen und Künstler im Süden sind längst mit der internationalen Entwicklung der aktuellen Kunst vertraut. Sie arbeiten mit Elementen koreanischer Tradition ebenso wie mit modernen Medien. Uli Sigg meint, die Kunstszene Südkoreas würde mehr Anerkennung im Westen verdienen.

Kathleen Bühler, Kuratorin der Ausstellung und gerade zur Chefkuratorin des Kunstmuseums gewählt, erklärt den Sozialistischen Realismus koreanischer Prägung: Er zeigt die Welt, wie sie sein sollte, wie die kommunistische Ideologie sie anstrebt. Auf diesen Bildern sind alle Menschen gut genährt, kräftig, fröhlich dargestellt, sie handeln für ein gemeinsames Ziel. Bemerkenswert ist die Malweise: Sie folgt nicht den Gesetzen der Perspektive, sondern alle Personen werden gleich genau dargestellt. Das gilt nicht nur für Gemälde, sondern auch für Fotos, die der Repräsentation dienen. In Landschaftsbildern sind gewisse Freiheiten zugelassen. Die Landschaft soll jedoch etwas über die (nord-)koreanische Gesellschaft aussagen.

Pak Yong Chol: The Missiles, 1994—2004. Öl auf Leinwand. 152 x 272 cm. Foto: Sigg Collection, Mauensee © The artist

Die Ikonen der nordkoreanischen Propaganda sind riesige Bilder, ein Original ist 82 m breit, von dem Uli Sigg nach hartnäckigen Bitten für sich eine neu gemalte Kopie von10 m Breite erwerben konnte. Solche handgemalten Kopien herzustellen, ist üblich. Für einen bestimmten Zweck wird ein Bild mit dem gewünschten Sujet hergestellt. Diese Arbeiten entstehen in einem staatlichen Malerkollektiv. Uli Sigg erzählt, dass die Verantwortlichen ihm einige Bilder nur widerstrebend verkauften. Andere Propagandabilder werden bewusst für den Verkauf hergestellt, als eine der wenigen Devisenquellen.

Kyungah Ham: Chandelier, 2012—2013. Nordkoreanische Stickerei auf Seide, 219 x 340 cm. Foto: Sigg Collection, Mauensee © The artist

Kathleen Bühler achtete bei der Hängung darauf, dass zwischen den nord- und südkoreanischen Werken eine Beziehung aufscheint – oder Kontraste sichtbar werden. So sehen wir in Sichtweite der monumentalen Bilder die raffinierten Werke einer südkoreanischen Künstlerin: Sie entwarf grosse Bilder, – unendlich feine Arbeiten, die Reichtum und Vergänglichkeit darstellen, und liess sie von nordkoreanischen Stickerinnen und Textilhandwerkerinnen arbeiten. Daneben zwei ebenfalls in Handarbeit hergestellte Textilbilder der Atombombenexplosionen über Hiroshima und Nagasaki. Das Resultat beeindruckt. Als Betrachterin frage ich mich, was die Nordkoreanerinnen beim Sticken gedacht haben. Die Künstlerin beabsichtigte, durch ihre Aufträge die Arbeiterinnen in Nordkorea zu unterstützen. Nur durch Mittelsmänner war diese ausserordentliche Verbindung zwischen Süd und Nord gelungen.

Sea Hyun Lee: Between Red33, 2008, Öl auf Leinwand, 2-teilig, je 250 × 200 cm. Foto: Sigg Collection, Mauensee © The artist
Der Künstler aus Südkorea wurde durch seinen Militärdienst an der Demarkationszone zu diesem Werk inspiriert. Es zeigt seinen Blick in die Landschaft Nordkoreas.

Eine solche Ausstellung gleiche einer Gratwanderung, stellt Kathleen Bühler fest, ästhetische Kriterien und ethische Grundsätze widersprächen sich in der Kunst Nordkoreas. Ihr Ziel war es, die Werke nicht nur aus unserer westlich-europäischen Perspektive zu zeigen, sondern auch den Standpunkt von Nordkorea sichtbar zu machen, ohne diesen zu unterstützen. Mit dem Rat und der Erfahrung von Uli Sigg konnte die Kuratorin dies verwirklichen.

Viele Videos aus Südkorea setzen sich kreativ, aber kritisch mit dem Norden auseinander. Eine Gruppe von Künstlern aus dem grenznahen China zeigt witzige Filme, die nicht nur satirisch, sondern auch respektlos mit den Kim-Herrschern umgehen. In einer grossen Performance hatte ein südkoreanischer Künstler Studenten eingeladen, auf einer riesigen Leinwand Spuren zu hinterlassen, blaue Tintenkleckse, die sich durch Drüberblasen individuell ausbreiteten. Die Hälfte der Leinwand musste leer bleiben, denn nur die Südkoreaner konnten kommen und ihre Hälfte gestalten.

Yee Sookyung: Translated Vases –The Moon 3, 2007; Keramikscherben, Epoxyd-Harz, Goldblätter. Durchmesser 34 cm. Foto: Sigg Collection, Mauensee © The artist

Die Künstlerin Yee Sookyung nimmt eine alte Tradition auf: Sie verklebt weisse Porzellanscherben mit Gold neu zu einer Kugel: Translated Vase – eine Form von grosser Schönheit, die den Vollmond symbolisiert. Daneben steht ein ähnliches Gebilde – weniger rund, da aus eher bauchigen Scherben, die aus Nordkorea besorgt wurden, mit dem Titel: The dark side of the moon. – Es gehört nicht nur in Korea, sondern auch in Japan zur Tradition, zerbrochene Vasen nicht wegzuwerfen, sondern sie durch eine kunstvolle Reparatur zu ehren. Farbe und Form vermitteln allen, die sich ein wenig auskennen, die Aussage der Künstlerin.

Das Vorhaben, Gegenwartskunst aus Nord- und Südkorea nebeneinander auszustellen, führt zu ebenso einmaligen wie ungewöhnlichen Begegnungen. Und die wiederum regen zum Nachdenken an. Von den insgesamt 75 Werke aus der Sammlung Sigg, die Besucherinnen und Besucher in einem Streifzug durch zwei konträre Kunstwelten zwischen ca. 1970 bis 2010 entdecken, stammt nur ein Dutzend aus dem Nordteil der Halbinsel. Begleitet wird die Ausstellung durch eine Auswahl handgemalter nordkoreanischer Plakate und Briefmarken aus der Sammlung von Katharina Zellweger, die das Hilfsprojekt der DEZA geleitet und begleitet hat.

Grenzgänge. Nord- und südkoreanische Kunst aus der Sammlung Sigg.
Kunstmuseum Bern. bis 5. September 2021

Daneben gilt es, Nordkorea aus dem Aspekt seiner Berge zu erkunden:
Let’s Talk about Mountains. Eine filmische Annäherung an Nordkorea.
Alpines Museum der Schweiz.  bis 3. Juli 2022. Bericht darüber: «Berge als Türöffner»

Anlässlich dieser Ausstellung im Kunstmuseum erscheint ein umfassender, reich illustrierter Katalog, der das Thema der Grenze in der koreanischen Gegenwartskunst von beiden Seiten beleuchtet:
Grenzgänge. Nord- und Südkoreanische Kunst aus der Sammlung Sigg.
Hrsg. von Kathleen Bühler, Kunstmuseum Bern, mit Texten von Kathleen Bühler, Sunhee Kim, Sunjung Kim, Wonseok Koh, Carol Yinghua Lu, B.G. Muhn, Kyong Park, Stefanie Marlene Wenger und Min-Kyung Yoon.
Berlin: Hatje Cantz 2021, 280 Seiten, 130 Abbildungen, Publikation in Deutsch und Englisch.
ISBN 978-3-7757-4916-9

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