FrontGesellschaftEssen was Mama isst – oder eben nicht

Essen was Mama isst – oder eben nicht

Geschlechtsspezifische Rollenmodelle bei jungen Orang-Utans. Ein internationales Team unter Leitung der Universität Zürich hat bei der Verhaltensforschung in Sumatra und Borneo herausgefunden, dass weibliche und männliche Jungtiere unterschiedlich lernen.

Soziales Lernen ist Geschlechtersache: Junge Männchen schauen ihr Futtersuchverhalten bei eingewanderten Artgenossen ab, weibliche Jungtiere bei der Mutter. Sie entwickeln unterschiedliches ökologisches Wissen, um ihr Überleben zu sichern.

Unterschiedliche Rollenmodelle: Weibchen entwickeln ein ähnliches Nahrungsmuster wie ihre Mütter, Männchen dagegen erweitern es. (Bild: Julia Kunz)

Orang-Utans sind mit dem Menschen nahe verwandt. Allerdings sind sie untereinander deutlich weniger gesellig als andere Menschenaffenarten. Frühere Studien zeigten jedoch, dass Jungtiere ihr Wissen und ihre Fertigkeiten hauptsächlich von ihren Müttern und auch von anderen Tieren übernehmen. Soziales Lernen findet bei Orang-Utans durch anhaltendes Beobachten von Artgenossen aus nächster Nähe statt, dem sogenannten Peering.

Nun wurde das Peeringverhalten von Orang-Utan-Jungtieren an zwei Forschungsstationen in Sumatra und Borneo untersucht. Die Daten wurden von Forschenden des Anthropologischen Instituts der UZH, des Max-Planck-Instituts für Verhaltensbiologie Konstanz, der Universitas Nasional Jakarta und der Universität Leipzig erhoben. In rund 13 Jahren wurden über 3’100 einzelne Peering-Situationen mit insgesamt 50 Jungtieren beobachtet.

Geschlechtsspezifische Rollenmodelle

Die Resultate der Studie zeigen, dass sich weibliche und männliche Jungtiere signifikant in der Wahl ihrer Rollenmodelle unterscheiden: Junge männliche Orang-Utans orientieren sich mit zunehmendem Alter in ihrer Entwicklung nicht mehr an ihrer Mutter, sondern an eingewanderten adulten Männchen oder an eingewanderten Jugendlichen beider Geschlechter. Weibliche Jungtiere hingegen zeigen ein durchgehend hohes Interesse am Verhalten ihrer Mutter, also an einem maternalen Rollenmodell. Ist dieses nicht verfügbar, dienen auch lokal ansässige ausgewachsene Weibchen und jugendliche Tiere beiderlei Geschlechts als Vorbilder.

Soziales Lernen nimmt bei den semi-solitären Orang-Utans eine zentrale Rolle in der Entwicklung ein. (Bild: Guilhem Duvot)

Interessanterweise entwickeln sich diese Unterschiede in einer Entwicklungsphase, in dem die Jungtiere noch durchgehend mit ihren Müttern unterwegs sind. Die Mütter ihrerseits unterscheiden sich nicht in ihren Assoziationsmustern, wodurch sie den weiblichen und den männlichen Jungtieren dieselben Lernmöglichkeiten bieten. «Die beiden Geschlechter nutzen die gebotenen Möglichkeiten einfach anders», erklärt Caroline Schuppli von der Universität Zürich und vom Max-Planck-Institut für Verhaltensbiologie. «Die unterschiedlichen Rollenmodelle spiegeln sich auch im sozial erlernten Wissen der Jungtiere ab: Weibchen entwickeln ein ähnliches Nahrungsmuster wie ihre Mütter, Männchen dagegen eignen sich vergleichsweise mehr Wissen ausserhalb des Repertoires ihrer Mutter an.»

Auswanderung versus Sesshaftigkeit

Diese Unterschiede sind sowohl auf das Erlernen von ökologisch relevantem Wissen wie auch auf geschlechtsspezifisches Verhalten zurückzuführen. Beim Eintritt der Geschlechtsreife verlassen Orang-Utan-Männchen ihren Geburtsort, um mehrere Jahrzehnte lang durch verschiedene Gebiete zu ziehen. Da sich diese Regionen in ihrer ökologischen Nahrungsvielfalt unterscheiden, ist es für männliche Jungtiere von Vorteil, sich ein möglichst breites Wissensrepertoire anzueignen.

Weibliche Jungtiere hingegen bleiben ihrem Geburtsort treu. Für sie zahlen sich möglichst tiefe Kenntnisse des lokalen Gebietes aus. «Zudem vermuten wir, dass sich männliche Jungtiere von adulten Männchen geschlechtsspezifisches ökologisches Verhalten abschauen. Erwachsene Männchen sind nicht nur deutlich grösser als Orang-Utan-Weibchen, sie unterscheiden sich auch in diversen Aspekten ihres Futtersuch- und Fressverhaltens», so Schuppli.

Studie wichtig für Artenschutz

Die Studienresultate unterstreichen die Bedeutung des sozialen Lernens für die Entwicklung der Jungtiere. Dass soziales Lernen bei den semi-solitären Orang-Utans eine zentrale Rolle in der Entwicklung einnimmt, deutet darauf hin, dass dies auch bei anderen Menschenaffen von zentraler Bedeutung ist. Daraus lässt sich schliessen, dass sich die menschliche Fähigkeit des sozialen Lernens kontinuierlich in der Evolution entwickelt hat. Die Resultate dieser Studie dürften überdies für neue Artenschutzstrategien relevant sein, insbesondere bei der Wiederauswilderung von Hand aufgezogener verwaister Orang-Utans.

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