FrontLebensartMit Optimismus oder Skepsis ins Alter

Mit Optimismus oder Skepsis ins Alter

Niemand kann sich darüber beklagen, dass über das Altwerden kein Diskurs geführt wird, seit die Babyboomer in diese Phase eingetreten sind. Fast gleichzeitig wurden nun zwei Bücher neu aufgelegt, die das Alter aus unterschiedlicher Perspektive betrachten.

Von Odo Marquard (1928 – 2015), der jahrzehntelang in Giessen Philosophie gelehrt hatte, wurde eine Sammlung von Vorträgen, Aufsätzen und einem Gespräch «Endlichkeitsphilosophisches. Über das Altern» neu herausgegeben von Franz Josef Wetz. Nicht alle Beiträge handeln nur vom Alter, doch finden wir überall scharfsinnige Bemerkungen, ganz ohne Beschönigung oder Wehleidigkeit.

Marquard war bekannt dafür, dass er nicht nur wissenschaftlich klar, sondern auch verständlich für jede und jeden sprach und schrieb – und nicht zuletzt mit viel Witz. So ist wohl auch der Titel des Buches, das Bandwurmwort, ironisch zu verstehen. Wir lesen bei ihm: «Alte Menschen verfügen im Alter über eine solide Schandmaulkompetenz. Man braucht im Alter keinen Mut mehr, um in Fettnäpfchen zu treten.» – Ein Aufruf zu Ungehorsam im Alter, der schmunzeln lässt.

Das andere, fast gleichzeitig erschienene Buch, «Gelassenheit. Das Glück des Älterwerdens» hat Anselm Grün verfasst, Theologe, Benediktinermönch mit breiten Interessen über die Grenzen des Katholizismus hinaus. Anselm Grün (geb. 1945) wurde durch seine zahlreichen Veröffentlichungen zu Themen der Persönlichkeitsentwicklung und zur Sinnsuche bekannt, ebenso durch seine Seminare. Da er selbst in seinen christlichen Überzeugungen fest verwurzelt ist, entgeht er weitgehend der Gefahr, in schwer fassbare esoterische Sphären abzudriften. Er bleibt Seelsorger unseres Jahrhunderts, auch wenn er Meditation, Fasten, Traumdeutung (nach C.G. Jung) in seine Tätigkeit einbezieht. – Da ist er übrigens nicht der einzige katholische Theologe.

Schon der Titel von Grüns Buch zeigt an: Da spricht ein Mensch mit grundlegend optimistischen Ansichten: Es ist ein Glück, älter zu werden. «Leben ist Wandel – von Anfang an», lesen wir bei ihm und weiter: «Verwandlung geschieht, ob wir wollen oder nicht. Wichtig ist, dass wir einverstanden sind mit dem inneren Prozess der Verwandlung. Nur wer bereit ist, sich ständig zu wandeln, der bleibt innerlich jung und lebendig.»

Anselm Grün ist davon überzeugt, dass die wichtigste Einsicht im Alter darin besteht anzunehmen, was gewesen ist: «Ich kann mein Leben nicht rückgängig machen. Aber nichts war umsonst. Ich kann das bisher Gelebte mit dem verbinden, was in mir schlummert und noch nicht so zum Leben gekommen ist, wie ich es mir vorgestellt habe.» – Wer sein Alter in diesem Licht anschaut, hadert nicht mit Vergangenem, sondern bleibt offen für neue Einsichten und Erfahrungen.

Odo Marquard formuliert eine ähnliche Erkenntnis, aber schärfer: «Jugend ist keine Tugend und das Gerede von der ewigen Jugend blanker Unsinn. Je mehr man darauf vertraut, umso schwerer fällt es dann, mit sich selbst versöhnt das Leben zu akzeptieren, wenn man mit der Jugend nicht mehr mithalten kann.» Denn, so fährt er fort: «Es zeugt wohl von Altersklugheit, wenn man seine Erwartungen an seine kurze Zukunft anzupassen weiss.» – Es ist keine Klage, aber ein wenig resigniert ob der zunehmenden Gebrechlichkeit klingt der altgewordene Professor schon: «Die Welt um uns herum wird feindseliger, Treppen, Strassen, schwere Pakete, ins Auto einsteigen usw.»

Der Philosoph und der Theologe

Immerhin stellt Marquard fest: «Ich weiss gar nicht, ob man sich so alt fühlen kann, wie man ist, denn Lebensjahre fühlt man nicht.» Und langweilig wird es ihm auch nicht, was wohl an seiner lebenslangen Beschäftigung mit Philosophie zu tun hat. «Wenn man das Greisenalter erreicht hat, muss man sich nichts mehr beweisen. Dies sorgt für mehr Gelassenheit. Man lernt, über Fehler grosszügig hinwegzusehen. Im Alter kann man die Dinge eher mal laufen lassen.»

Grün scheut sich nicht, das Selbstverständliche auszusprechen: «Alt werden will jeder, sterben will keiner.» Aber damit sollte man sich nicht zufriedengeben. Im folgenden Punkt sind sich Marquard und Grün einig: «Unser Leben ist endlich. Weisheit besteht darin, sich der eigenen Endlichkeit bewusst zu werden.»

Ins Zentrum seines Büchleins stellt Anselm Grün die Gelassenheit. Sie hilft uns über die eigenen Unzulänglichkeiten hinweg: «Sich mit Dingen beschäftigen, die wirklichen Wert haben. Die eigenen Grenzen selbstverständlich annehmen», – das Letzte ist wahrscheinlich nicht immer leicht! Grün sagt: «Nach meiner Erfahrung tut es dem Menschen nicht gut, wenn er sich weigert, sich über den Tod Gedanken zu machen. Alle Philosophie beginnt mit dem Nachdenken über den Tod.»

Die Endlichkeit des Lebens

Mit dem ihm eigenen Sprachwitz formuliert Marquard: «Wenn die Tage gezählt sind, zählt jeder Tag. Das Bewusstsein der eigenen Sterblichkeit soll den Einzelnen wach machen können für das Leben, seine Entschlusskraft wecken, sein Dasein zielstrebig anzupacken.» Schliesslich spricht der Philosoph auch über Religion. Auf die Frage, ob diese als Sterbehilfe dienen könne, antwortet Marquard: «Ich nehme die christliche Religion ernst, und vermutlich ist der christliche Zuspruch der einzige Trost, den es gibt. – Jedoch bieten mir die Verheissungen des Christentums zu wenig Trost.»

Darin unterscheiden sich die beiden: Anselm Grün findet Trost in der Geborgenheit seines Glaubens, Marquard sieht das Alter skeptisch als «Phase der Lebensverminderung», weiter sagt er: «Es ist ein Lebensabschnitt gemässigter, manchmal starker, manchmal auch fröhlicher Depression. Unsere gewisseste Zukunft ist unser Tod. Im Alter wird diese Zukunft immer aufdringlicher.» Auch Marquard warnt davor, die Augen vor dem nahenden Tod zu verschliessen: «Eine der Zukunftsillusionen ist die Endlosigkeitsillusion.» Denn angesichts der Frist zum Tode ist die Zeit endlich – die Zeit wird knapp.

Anselm Grün benutzt fürs Nachdenken über den Moment des Todes den alten Ausdruck «das Zeitliche segnen», das bedeutet für ihn, in Frieden zu sein mit seinen Mitmenschen. Ihm ist die Gewissheit wichtig, dass der Mensch vor dem Tode sein Leben mit allen guten und schweren Zeiten als sein eigenes ansieht, dass er sagen kann: «Nichts war umsonst.» – Denn schliesslich: «Den letzten Weg geht jeder allein.» – Auch darin sind sich Grün und Marquard einig.

«Man ist so alt, wie man sich fühlt»

Anselm Grün behandelt viele wichtige Altersthemen, was Körper und Gesundheit im Alter bedeuten, wie sich Beziehungsformen ändern können, Altersweisheit u.a. Neben vielen anderem «Wir sind selbst dafür verantwortlich, dass wir lebendig bleiben.»

Odo Marquard schreibt, wie Jahre nichts aussagen über das Alter: «Man kann sich traurig und freudig fühlen, müde und wach, aber 70- oder 80-jährig, das geht meines Erachtens nicht … Und wenn man das Greisenalter erreicht hat, kommt noch als weiterer Vorzug hinzu, sich nichts mehr beweisen zu müssen, ja sich unterbieten zu dürfen. Dies sorgt für mehr Gelassenheit. Man lernt über Fehler und Schwächen leichter hinwegzusehen, und wenn die Mängel nicht schwerer sind als das, was da ist, sogar grosszügig darüber hinwegzusehen.»

Odo Marquard:  Endlichkeitsphilosophisches. Über das Altern. Reclam Neuausgabe 2021 (Original 2013) 125 Seiten.  ISBN 978-3-15-011368-4

Anselm Grün:  Gelassenheit – das Glück des Älterwerdens. Hrsg. Rudolf Walter. Herder Verlag 2021. 192 Seiten.  ISBN 978-3-451-03263-9

Titelbild:  Die Taube als Symbol der Seele, die im Tode davonfliegt. Ausschnitt aus einem byzantinischen Mosaik in Chersones (6. Jh.) / commons.wikimedia.org

2 Kommentare

  1. Beide Autoren kenne ich; beide Bücher kenne ich nicht – da steht mir wieder einiges bevor. Die Zeit allerdings wird knapp. Danke für die spannende Anregung!

  2. Beide Autoren kenne ich leider noch nicht…Aber Anselm Grün schreibt:
    «Man ist so alt, wie man sich fühlt»
    Meine Grosswater Ami Schneider (1879-1959) sagte immer:
    -Wie geht es, Herr Schneider ?
    -Wie «un vieux qui a le coeur jeune !»

    Il rejoint ainsi Anselm Grün et cela est magnifique !

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