FrontKulturSprengsätze im Museum

Sprengsätze im Museum

Die Ausstellung «Art as Connection» im Aargauer Kunsthaus ist eröffnet, aber nicht vollendet: Sie zeigt, wie in der Vereinzelung der Pandemie Missstände und Probleme deutlicher wurden und wie daraus Kreativität und Gemeinschaft entstehen kann.

Sechs Künstler und Künstlerinnen und vier Kuratorinnen begaben sich während des Lockdown in einen Diskurs, um sich der Herausforderung zu stellen, aus den existentiellen Bedingungen durch die Pandemie eine grosse Museumsausstellung zu generieren. Statt einer Rückschau auf Corona-Zeiten ist es nun ein Zwischenhalt, denn wie der Verlauf der Pandemie ist auch die Ausstellung prozesshaft, wobei der Rahmen einer üblichen Museumsausstellung gesprengt wird.

Im Setting von Claire Goodwin: Kunsthausdirektorin Katharina Ammann.

Die sechs Einheimischen, die zunächst auf Einladung von Katharina Ammann, der Kunsthaus-Direktorin zusammen mit den Kuratorinnen Ideen generierten, haben andere eingeladen. Nun ist Art as Connection oder: Kunst als Verbindung, auch Kunst als Beziehung eine kollektive Arbeit geworden, eine internationale zeitgenössische Werkschau mit mehreren Dutzend Beteiligten, es können auch noch welche dazukommen. Und das Publikum darf ebenfalls einen Beitrag leisten.

Was ist bildende Kunst? Bis Mitte des letzten Jahrhunderts war es relativ klar: nämlich alle Kunst, die nicht darstellende Kunst, Literatur und Musik war. Heute wird der Kunstbegriff viel weiter gefasst, seit die Neuen Medien – Video, IT, etc – unseren Alltag bestimmen. Ein Kunstwerk lässt sich im Einzelfall nicht mehr eindeutig von anderen Kunstformen abgrenzen. Das könnte der Kernsatz zur Austellung im Aargauer Kunsthaus sein, denn beispielsweise gibt es wöchentlich einmal eine Stunde lang Clubbing.

Thursday is Dance Day hat sich Gregory Stauffer ausgedacht, es geht um Tanzen, Loslassen, Sichfinden im abgedunkelten Raum zum Sound von Auflegern aus der Region, die im Lockdown ebenso beziehungs- und brotlos da standen wie viele Künstler. Stauffer und das Kunsthaus wünschen sich, Menschen ins Museum holen, die sonst den Zugang kaum finden und mit jenen, denen die Sammlung im Obergeschoss vertrauter ist als Abtanzen zu lauter Musik, zu verbinden.

Es ist keine Covid-19- oder Lockdown- oder Corona-Ausstellung geworden. Aber dass der Ausgangspunkt die Pandemie war, zieht sich durch, und da und dort finden wir auch ein Corona-Tagebuch. Beispielsweise die Seiten von Rolf Winnewisser, der Foto, Aquarell und Text kombiniert. Dabei wird nachvollziehbar, wie ein Künstler mit Assoziationsketten arbeitet. Winnewisser hat seinen Raum in Richtung Fenster mit Lebensbäumen verziert, sie zeigen ebenso das Prozesshafte und Verbindende bei der intensiven Suche nach der Bildfindung und der Stellung des Worts in der Kunst. Dabei hat der Künstler auch Arbeiten und Dokumente aus dem Kunsthaus integriert. Seine Installation hat er Kammer der Fragen genannt. Ein Schreibtisch samt grossem Drucker und eine rohgezimmerte Gesprächsecke stehen für Aktionen im Lauf der Ausstellung bereit.

Rolf Winnewisser hat eine Zeitlang ein Corona-Tagebuch geführt und nun Teile davon in seine «Kammer der Fragen» integriert.

Romy Rüeggers Arbeit nennt sich The Wishful Library und umfasst Beiträge und Wünsche von fast zwei Dutzend befreundeten Kreativen, die im Lauf der Vorbereitung ihre Recherche unterstützten und erweiterten. Rüegger hat sich mit historischen Fahndungsbildern und -listen zu Fahrenden aus dem Staatsarchiv Aarau befasst und Fragen nach der Sesshaftigkeit als Norm und der Ausgrenzung und Kriminalisierung im Zusammenhang mit Klima, Exil und Migration gestellt.

Installationsansicht mit Sicht auf das Setting The Wishful Library. Foto: Dominic Büttner, Zürich

Dazu finden sich in dem aus recykliertem Material zusammengezimmerten Raum im Raum eine Vielzahl von Arbeiten, Fundstücken, Assoziationen, Bildern und Sounds der eingeladenen Künstlerinnen und Künstler. Buchwünsche der Beteiligten ergänzen die Wishful Library, diese Bücher werden nach der Ausstellung in der Bibliothek greifbar bleiben.

Kann man eine Gruppenausstellung zu den grossen Fragen der Zeit machen? Oder gibt sich daraus eine Aktion, die zwar gut gemeint, aber nicht wirklich nötig ist? Die Gruppe von Kuratorinnen und Kunstproduzierenden, die Kunsthaus-Direktorin Katharina Ammann für ihre erste Ausstellung zeitgenössischer und aktueller Positionen als eine Art Think Tank während Corona ins Leben rief, hat eine faszinierende und grossenteils überzeugende Präsentation erfunden und als vielfältigen Prozess kreativer Arbeit in die Ausstellungsräume gebracht.

Thomas Hirschhorn: Entwurfszeichnung für “Can I Trust You?”, 2020. Courtesy der Künstler © 2021, ProLitteris, Zürich

In einem Monat gilt es, vor dem Kunsthaus den gewiss hochpolitischen Beitrag von Thomas Hirschhorn zu würdigen, welcher das Experimentelle und Prekäre hinaus auf den öffentlichen Grund und damit in Konfrontation zu allen bringt, die vorbeigehen oder -fahren.

Neben den raumgreifenden grossen und zum Teil im Bricolage-Modus daherkommenden Positionen finden sich in dieser Ausstellung, die auf eine Gesellschaft in Zeiten der Pandemie und der Globalisierung, der Umweltzerstörung und der Migration reflektiert, auch Beiträge, die konventionelle Mittel einsetzen, Fotografie, Video, Zeichnung, Skulptur.

Aus der Serie Corona Skies (Zürich, Lutherwiese), 2020 © Werk und Foto: Christina Hemauer und Roman Keller

Beispiel Klimaerwärmung: Man kann sie messen, physikalisch nachweisen, oder eben künstlerisch. das Künstlerpaar Henauer/Keller hat die Frage nach dem blauen Himmel gestellt: täglich im Lockdown ein Foto gemacht, einen Solarballon mit einer Videokamera ausgerüstet, um die Himmelsfarbe zu dokumentieren.

Ayoung Kim: Porosity Valley 2: Tricksters› Plot. In dem Video geht es um eine Migrationsgeschichte mit realem Hintergrund.

Sabian Baumann hat menschliche Hände aus Ton geformt, einzelne offene Hände, Fäuste, sich berührende Handpaare, einen kleinen Finger. Sie hängen in verschiedener Höhe an Schnüren von der Decke des Raums herab – eine begehbare Installation. Hände, die herausfordern über Kommunizieren und Berühren nachzudenken, die auch an die Zeit erinnern, als Hände schütteln noch normal war, oder an später, als man sich statt dessen Fäuste entgegenstreckte.

Sabian Baumann:Signes et Sentiments. Hände aus ungebranntem Ton fordern heraus.

Beklemmender – nicht auf den ersten Blick – der weisse Raum mit den 300 Zeichnungen auf weissem Papier: Schematisch gezeichnet sind die 300 Grenzwachtposten entlang der türkischen Grenze zu Syrien, dem Irak, dem Iran und Armenien, eine Grenze, die durch kurdisches Siedlungsgebiet verläuft. Die Künstlerin Mirkan Deniz hat die Posten über Google Maps gefunden und erinnert mit der Zeichnungsserie, welche eine verborgene Welt sichtbar macht, an Überwachung, an Macht, an Willkür.

Mîrkan Deniz. Untitled (300 observations), 2021. Eine aus 300 Handzeichnungen © Mîrkan Deniz

Ein mehrfach wiederholtes Thema ist die Ausgrenzung. Erwähnt sei Unhappy Archive Part II, das sich als Protest gegen jede Form der Diskriminierung versteht und in diversen Videos, Schrifttafeln und installativen Settings diverse Aspekte aufs Tapet bringt. Oder auch die Recherche im Pflegebereich, die von der Arbeitskleidung des Pflegepersonals ausgehend das dokumentiert, was regelmässig vergessen wird: die realen Arbeitsbedingungen. Künstlerinnen und Künstler setzen sich beobachtend und aktiv mit der Welt, in der sie leben und schaffen, auseinander. Und diese Welt ist öfters nicht einfach oder schön.

Titelbild: Aus einem Video der sechsteiligen Videoarbeit «Was wir tun» von Max Treier. Er versuchte den Moment festzuhalten, bevor ein Werk entsteht.
Bis 9. Januar 2022
Aargauer Kunsthaus: Art as Connection. Mit vielen Veranstaltungen und Führungen.

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