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Die Magie des Lichts

Weihnachten ist das Fest des Lichts. Während wir uns früher am einfachen Adventskranz und an der Magie des erleuchteten Weihnachtsbaums erfreuten, gehört heute der Besuch von Weihnachtsmärkten, von Lasershows und Ausstellungen mit exotischen LED-Figuren zum Ritual der «heiligen Zeit». Der Fantasie sind keine Grenzen gesetzt.

Gefeierte Sonnengötter bildeten den Grundstein des Weihnachtsfestes, so wie wir es heute kennen. Den Kirchenoberen stiess dieses heidnische Fest der Sonnenwende allerdings übel auf. So versuchte Papst Hippolyt im Jahr 217 den Brauch noch zu verbieten. Gut 100 Jahre später verfügte Papst Liberius, dass der Geburtstag von Jesus am 25. Dezember gefeiert wird. Zum Glaubenssatz wurde Weihnachten im Jahr 381 beim zweiten Konzil von Konstantinopel unter Kaiser Theodosius.

Seither gilt Weihnachten als Fest des Lichts: Feierlich, spirituell, heimelig, romantisch.  Die ursprünglich heidnische Lichtmetaphorik ist bis heute erhalten geblieben. Im Neuen Testament betitelte sich Christus selbst als das Licht der Welt (Johannes 8,12-20): «Als Jesus ein andermal zu ihnen redete, sagte er: Ich bin das Licht der Welt. Wer mir nachfolgt, wird nicht in der Finsternis umhergehen, sondern wird das Licht des Lebens haben».

Einfacher Weihnachtsbaum.

Seit ich mich erinnern kann, zündeten wir in der Familie am ersten Adventssonntag die erste Kerze am Adventskranz an. Bis Weihnachten folgten die restlichen drei. Am «Heiligen Abend» war es Vaters Aufgabe, die Kerzen am Familien-Weihnachtsbaum zum Leuchten zu bringen. Als meine Eltern älter wurden, ersetzten sie die Wachskerzen aus Sicherheitsgründen durch elektrische Lämpchen. Die alten Kugeln blieben ebenso wie die Magie des Lichts erhalten. Noch immer verkündet Mutters Stern am Stubenfenster, dass das Weihnachtsfest bevorsteht.

Der Weihnachtsmarkt auf dem Berner Waisenhausplatz.

Als Jugendliche streiften wir über den erleuchteten Berner Weihnachtmarkt, zogen in einer Holzhütte Kerzen und tranken vor dem Nachhausegehen für einen Franken ein heisses Getränk ohne Alkohol. Das schöne Ritual wurde zur Inflation. Heute gibt es in Bern drei offizielle Weihnachtsmärkte, einen auf dem Münsterplatz, einen auf dem Waisenhausplatz und den «Sternenmarkt» auf der Kleine Schanze. Der Kommerz hat Einzug gehalten. Ein Glas Glühwein kostet sieben Franken, auch das Kerzenziehen ist nicht mehr gratis.

Geschmücktes Eigenheim in einer amerikanischen Vorstadt während der Weihnachtszeit.

In den USA lernte ich den amerikanischen Brauch kennen, das eigene Haus, die Bäume und Sträucher im Garten, das Wohnzimmer in einen Lichtertempel zu verwandeln. Rudi mit der roten Nase fliegt hell erleuchtet zusammen mit seinen Rentieren über das Dach. Fantasiefiguren rechts und links vom Eingang heissen Besuchende willkommen. Farbige LED-Blumen und funkelnde Eiszapfen verschönern die Fassade. Dank der künstlichen Beleuchtung ist es in der Weihnachtszeit in den amerikanischen Vorstädten taghell.

Adventszauber im Arboretum in Los Angeles.

Zu einem Ritual wird der Besuch des Mormonentempels in Maryland, wo eine künstlich erleuchte Allee mit Bäumen den Weg ins Innere weist. Dort erfreuen Dutzende von funkelnden Weihnachtskrippen mit der heiligen Familie Kinder und Erwachsene. Inzwischen bieten in den USA grosse Zoologische Gärten in der Adventszeit Lasershows, beleuchtete Parcours und spektakuläre Lichteinlagen für Gross und Klein. Die Eintrittspreise dürfen sich sehen lassen. So kostet der Eintritt in die «Lightscape» des Arboretum in Los Angeles für Erwachsene 32 Dollar, für Kinder und Jugendliche stolze 20 Dollar.

Lasershow «Planet Hope» auf dem Berner Bundesplatz.

Zurück in der Schweiz erlebe ich in der Adventszeit in Bern die Lasershow «Rendez-vous am Bundesplatz». Immerhin ist der Besuch dieser Veranstaltung dank üppiger Sponsoringbeiträge kostenlos. Weihnachtliche Sujets fehlen dagegen. Es geht um die Rettung der Erde vor der sich beschleunigenden Umweltzerstörung. «Planet Hope» lautet der Titel der Show, ein Slogan, der durchaus als biblisch interpretiert werden darf.

Vorläufiger Höhepunkt unserer Rundreise durch vorweihnachtliche Rituale ist der Besuch der neuen Erlebniswelt «Winter Wonderland» auf dem Berner Hausberg Gurten. Die Show ist ab dem 18. November auch am Lido in Luzern zu sehen. Ein Rundweg führt auf rund einem Kilometer vorbei an beleuchteten Rentieren, Pinguinen, Elefanten, Affen, Tannenbäumen, einem Formel-1-Rennauto sowie diversen weiteren Skulpturen und Gegenständen.

Lichterbär auf dem Gurten.

Nach Angaben der Veranstalter sind rund 300 Objekte mit einer halben Millionen LED-Lämpchen zu bestaunen. Der Energieverbrauch des eingezäunten Lichterdorfs soll dank neuster Technologie nur dem von vier Haarföhns entsprechen. Zum Vergleich: Die Lichtershow auf dem Bundesplatz benötigt etwa so viel Leistung wie 16 Staubsauger.

Ausser über hohe Eintrittspreise und Stromkosten könnte ich mir an dieser Stelle auch Gedanken über die Lichtverschmutzung machen, die massive Auswirkungen auf die Tierwelt hat. Gemäss einer Studie des Bundes nahm in der Schweiz der Flächenanteil mit Nachtdunkelheit deutlich ab. 1994 konnte eine natürliche Dunkelheit noch auf 28 Prozent der Fläche unseres Landes beobachtet werden. 2009 waren es nur noch 18 Prozent. Die zwischen den Ballungszentren liegenden dunklen Bereiche wurden in diesem Zeitraum nachts zunehmend heller. Nicht nur in der Adventszeit.

Wo bleibt bei all der Funkelei, Glitzerei und den künstlichen Farbwelten die Magie der Adventskerze, die wir mit einem Streichholz entzünden und die vorweihnachtliche Wärme und Freude erzeugt?

Wir hätten Gelegenheit, uns auf den Ursprung des weihnachtlichen Rituals «Licht im Advent» zurückzubesinnen.

Titelbild: Der leuchtende Elefant in der Ausstellung «Winter Wonderland» auf dem Berner Hausberg Gurten. Fotos: PS und Veranstalter

Hier können Sie die bis jetzt erschienenen Beiträge der Weihnachsserie 2021 «Rituale» nachlesen:
Bernadette Reichlin: Blütenzauber jenseits aller Modetrends

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