FrontKulturIn der Limousine durch die Nacht des Lebens

In der Limousine durch die Nacht des Lebens

Die Berner Uraufführung von Tom Kummers «Von schlechten Eltern» erlaubt unterschiedliche Interpretationen: Diese lauten: Der Autor verarbeitet in dem Stück den Tod seiner Frau Nina und kämpft mit der Verantwortung für seine Söhne. Interessant ist die These von der «verunsicherten Identität des Schweizer Mannes».

Die Inszenierung (Regie Tilmann Köhler) basiert auf dem gleichnamigen Roman des «Skandal-Journalisten» Tom Kummer (60). Im Jahr 2000 wurde bekannt, dass der Berner Teile seiner Interviews mit Hollywood-Prominenten erfunden hatte. Seither konzentriert sich der Autor auf sein Talent, als Schriftsteller fiktive Geschichten zu erzählen. Nun haben die «Bühnen Bern» seinen autobiografischen Roman als beeindruckendes Wort-, Klang- und Tanz-Puzzle uraufgeführt. Darin verarbeitet Kummer traumatische Erfahrungen in Los Angeles und den anschliessenden Umzug in die Schweiz.

In dem Dreipersonen-Stück fährt Tom, der Hauptdarsteller, in einer Luxuslimousine Kunden durch die nächtliche Schweiz. In der dunklen Landschaft sehen er und seine wechselnden Passagiere Dinge, die man tagsüber nicht erkennt: Verbotene Abgründe des Paradieses Schweiz, randständige Menschen, tote Tiere, sterbende Gletscher. In der Postkartenidylle Schweiz werden Zerstörung, Zerfall, der Tod sichtbar. Doch dadurch lässt sich der Fahrer nicht beirren. Denn die Nacht wird für den Trauernden, dessen Frau unlängst gestorben ist, zu einem Zufluchtsort, zur Rettung: «Nachts bietet dieses Land perfekte Bedingungen. Stille, Dunkelheit, keine Menschen. Nichts lenkt hier vom Wesentlichen ab. Ein gesegnetes Land», sagt Tom im Selbstgespräch.

Grün ist die Hoffnung: Gemeinsamer Weg ins Glück.

Zweite Handlungsebene sind die beiden Söhne, für die sich Tom nach dem Tod von Nina verantwortlich fühlt. Vince, der Jüngere, ist mit ihm von Los Angeles in die Schweiz umgezogen. Obwohl nachts allein zu Hause, ist sich der Zwölfjährige bald bewusst, dass der Vater ihn braucht und nicht umgekehrt. Tom tut sich schwer mit dem Tod seiner Frau, Vince scheint den Verlust leichter wegzustecken und gibt seinem Vater in Gesprächen Halt. Absurd wirkt die Szene, in der Tom von der Lehrerin seines Sohnes – notabene auf Berndeutsch – gerügt wird. Noch grotesker klingt die Berndeutsch-Predigt eines städtischen Beamten, der Tom über Beschwerden von Nachbarn informiert. Die beiden Gespräche spiegeln die Gefühle des Vaters, der sich mit der Erziehung überfordert fühlt. Für das Publikum entsteht der Eindruck, die Söhne seien «von schlechten Eltern».

Derweil wird der ältere Sohn Frank, der in Los Angeles geblieben ist, schmerzhaft vermisst. Als dieser ohne Nachricht plötzlich verschwindet, wird Toms Erinnerung an die Familie zur Tortur. Der Vater leidet und wirkt in dieser Phase wie «Charon» der Fährmann des Todes, der seine Passagiere im Kahn über den Totenfluss «Acheron» ins Jenseits rudert. Die Limousine wird zur Barke, der Fahrer zum Fährmann. Assoziationen an das Schulmassaker an der Columbine High School werden geweckt. Das Gefühl kommt auf, der traumatisierte Vater könnte in seiner Depression selbst zum Mörder, Selbstmörder oder zu einem Amokläufer werden. Ruhig bleibt Vince, der sagt: «Mama gibt mir Kraft, sie ist mir in meinen Träumen erschienen.»

Mit dem Akkuschrauber ein Loch in den Schädel bohren löst den Druck.

Am Schluss kommt alles anders, besser. Plötzlich steht der vermisste Sohn Frank am Zürcher Flughafen, wo er vom erleichterten Vater und Bruder Vince abgeholt wird. Nun sind die drei Männer wieder vereint. Der Erziehungsdruck schwindet. Auch dank einem Akkuschrauber, dessen Bohrer mit Gewalt ins Hirn gedrillt wird und eine sicht- wie spürbare Erleichterung auslöst. Optimismus, Hoffnung, Glücksgefühle kommen auf, als Tom und seine beiden Söhne auf den Grimselpass zum Totensee rasen, wo Frank die Asche seiner Mutter – einer Mutprobe gleich – im Wasser bestattet. «Bald wird sich der Nebel lichten», prognostiziert der Vater und gibt zu erkennen, dass das Ende der nächtlichen Odyssee erreicht scheint.

Farbige Leuchtstangen markieren die Hausfassade.

Die Rollen von Vater Tom, der Söhne Vince und Frank sowie der Passagiere werden wechselweise brillant von Jan Maak, Jonathan Loosli und Kilian Land gespielt. Faszinierend ist das karge Bühnenbild in Schwarz, das mit sehr wenigen Hilfsmitteln auskommt: Hauptrequisit sind farbige Leuchtstangen, die einmal als Schwert, dann als Ruder, als Kreuz, als Begrenzung und schliesslich als Hausfassade eingesetzt werden. Die unterschiedlichen Farbstimmungen reflektieren den wechselnden Seelenzustand des Protagonisten Tom.

Eine spannende Interpretation des von Tom Kummer geschilderten Geschehens liefert die Hausautorin am Schauspiel Bern, Kim de L`Horizon. Der Roman thematisiere die allgemeine Verunsicherung, dass es den alten Typus vom «Schweizer Mann» nicht mehr gebe. In der Tat resümiert Tom an einer Stelle im Stück: «Alle Männer über 50 sind Zeitbomben». Die Hausautorin dazu: «Ich lese die letzte Szene als verzweifelten Versuch, die Männlichkeit doch noch zu aktualisieren und weiterzugeben: an den entfremdeten Sohn Frank, der in den Totensee steigt.» In diesem Moment gebe der Vater den Stab an seinen älteren Sohn weiter.

Autor Tom Kummer. Foto Thilo Larsson  / Wikipedia.

Der Schluss sei eine «urklassische Männerinitiation mit Mutprobe» in einer reinen Männerrunde, die Ablösung von der Mutter, vom Weiblichen, findet die Beobachterin und beschliesst ihr Essay im Programmheft mit den Worten: «Die Frage, die für mich bleibt, ist diese: Wie möchten wir Männlichkeit positiv definieren – nicht negativ, nicht als Dominanz über Fremdes? Wenn die Wände wanken, geraten alle Füss` ins Schwanken. Dass die Zerrüttung von ehemals identitätsstiftenden Parametern einen zutiefst verunsichert, ist verständlich.»

Und damit schliesst sich der Kreis. Die Auslegung der Germanistin dürfte einer zentralen Lebenserfahrung des Autors Tom Kummer entsprechen.

Titelbild: Die Schauspieler Kilian Land, Jan Maak und Jonathan Loosli (v.l.n.r.) blicken in Abgrund des Todes. Alle Fotos: © Iko Freese

Aufführungen bis 19. Dezember bei «Bühnen Bern». https://buehnenbern.ch/programm/von-schlechten-eltern/

Der dem Theaterstück zugrunde liegende Roman: Von schlechten Eltern. Klett-Cotta-Verlag, Stuttgart 2020, ISBN 978-3-608-50428-6

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