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Rituale sind so wichtig

Der Mensch braucht Rituale. Sie prägen unseren Alltag. Doch es gibt fragwürdige Rituale wie gegenwärtig die Rabattschlachten zum Black Friday. Und es gibt Rituale aus der Kindheit, die verinnerlicht sind.

Rituale – der Begriff klingt zunächst unglaublich bedeutungsschwanger. Doch was ist überhaupt ein Ritual? Auf der Suche nach einer Definition des Begriffs lande ich bei Burckhard Dücker, dem Verfasser einer „Einführung in die Ritualwissenschaft“. Dücker schreibt: „Prinzipiell kann jede Alltagshandlung ritualisiert werden.“ Er zitiert eine Liste von zwölf Merkmalen, die Rituale kennzeichnen, wobei nicht jedes Ritual alle diese Merkmale aufweisen muss.

Es sollte bei einem ordentlichen Ri­tual zum Beispiel ein festes, unverän­derliches Ablaufschema geben und eine gewisse Feierlichkeit. Das Ritual wird regelmässig wiederholt und hat einen in der Regel genau definierten Kreis der Teilnehmer, dazu eine „dramatische Struktur“ und eine „ästhetische Dimen­sion“.

Die Grenzen des Rituellen sind fliessend. Ständig erfinden die Leute ja auch neue, moderne Rituale oder ritualähn­liche Verhaltensweisen. Vor ein paar Jahren fing es zum Beispiel mit den Schlössern an, die junge Paare feierlich an Brückengeländern befestigen, ein Liebesritual. Das kommt aber vielleicht wieder aus der Mode, Rituale kommen und gehen. Gewisse religiöse Rituale sind bei uns im Begriff zu verschwinden, das Tischgebet ist selten geworden. Und wenn irgendwo auf der Welt gegen die USA protestiert wird, dann kann man sich darauf verlassen, dass die Demonstranten die US-Flagge verbrennen, auch das ist ja eine Art Ritual.

Ein fragwürdiges Ritual mit Rabatten

Ein modernes, aber eher fragwürdiges Ritual erleben wir in dieser Woche. Dieser Tage werden wir regelrecht bombardiert mit Black Friday-Angeboten mit sensationellen Rabatten. Laut Wikipedia hat Black Friday seinen Ursprung in den USA und gilt als Beginn der Weihnachtseinkaufsaison. Am letzten Freitag im November strömen die Menschen in Massen in die Einkaufszentren, um von der Rabattschlacht zu profitieren. In den letzten Jahren wurde der als eintägiges Shopping-Event gedachte Black Friday auf mehrere Tage ausgeweitet. Just in diesen Tagen überbieten sich die Händler online und gedruckt mit Rabattaktionen von 50 bis 80 Prozent, die Verbraucherschützer auf die Palme bringen.

Zu Recht, denn dieses Konsumritual passt schwerlich in unsere Zeit, in der über die Endlichkeit der Ressourcen und die dringend notwendige Reduzierung des CO2-Ausstosses debattiert und gestritten wird. Ob die laufende Stop-Black-Friday-Kampagne die nötige Einsicht fördern wird, bleibt fraglich, denn zu verlockend ist die laufende Rabattschlacht. Empfehlenswert ist vielmehr der Vergleich mit anderen Anbietern. Da relativieren sich die Rabatte oft schnell.

Der «Kunstbaum» meines Vaters

Wie gesagt, kann fast alles ritualisiert werden, auch der Grusel an Halloween. Das Ritual schafft eine Atmosphäre der Besonderheit. Eine solche Besonderheit zur Weihnachtszeit aus meiner Kindheit bleibt mir in bester Erinnerung. Es handelt sich um den Weihnachtsbaum, den mein Vater vor dem Aufstellen in der Wohnstube in seiner Werkstatt liebevoll in einen «Kunstbaum» verwandelte. In respektvollem Abstand durften wir Kinder dabei zusehen, wie er mit Sägen und Bohren dem Baum eine eigene ästhetische Dimension verpasste. Wir mochten das. Natürlich stieg dabei unsere Vorfreude auf den gemeinsamen Weihnachtsabend mit den Geschenken.

Noch heute finde ich es selbstverständlich, den zimmerhohen Weihnachtsbaum vor dem Schmücken mit der Baumschere zu bearbeiten, bis er die gewünschte Form hat. Offensichtlich habe ich das weihnächtliche Ritual meines Vaters verinnerlicht und führe es in abgeänderter Form weiter. Scheinbar brauchen wir das. Das Ritual gibt uns Sicherheit, vermittelt Beständigkeit in einer Welt, die sich fortwährend wandelt.

Das Ritual des Vaters verinnerlicht: der mit der Baumschere behandelte Weihnachtsbaum.


Hier können Sie die bis jetzt erschienenen Beiträge der Weihnachsserie 2021 «Rituale» nachlesen:
Bernadette Reichlin: Blütenzauber jenseits aller Modetrends

Peter Schibli: Die Magie des Lichts
Peter Steiger: Vom Pöstler, vom Geld und von Lys Assia

1 Kommentar

  1. Vage erinnere ich mich, was St. Exupéry im „Petit Prince“ über Rituale geschrieben hat: „…une chose trop oubliée…“

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