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Der Traum vom ewigen Leben

Das Berner Generationenhaus hat die Ausstellung «forever young – Willkommen im langen Leben» bis Ende Mai 2022 verlängert. Die Originalität der Multimedia-Show ist ein Grund, um auf die Ausstellung und die ihr zugrunde liegende Umfrage zurückzukommen.

Wir werden immer älter. Unsere Lebenserwartung hat sich in den vergangenen hundert Jahren beinahe verdoppelt. Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler auf der ganzen Welt befassen sich mit der Frage, wie sich der Alterungsprozess aufhalten lässt. Im Silicon Valley suchen Forscher gar nach dem Schlüssel zum ewigen Leben. Aber wie halten wir, Sie und ich, es eigentlich mit dem Älterwerden? Welche Hoffnungen und Ängste verbinden wir mit dem Alter(n)? Wollen wir für immer jung bleiben? Oder ewig leben?

Die alternde Gesellschaft stellt uns alle vor persönliche und gesellschaftliche Herausforderungen. Denn: Unsere Altersbilder und Lebensmodelle stammen aus dem letzten Jahrhundert, als die Alterspyramide noch nicht Kopf stand.

Videobefragung von 100 Personen zum Thema Altern.

Das Berner Generationenhaus hat vor gut zwei Jahren hundert Menschen im Alter von 10 bis 100 Jahren zu ihren Einstellungen und Vorstellungen zum Alter(n) befragt. Die Antworten wurden filmisch festgehalten und waren Grundlage für eine interaktive Webseite sowie eine Videoinstallation. Die gesammelten Stimmen zeichnen ein farbiges Panorama von Altersbildern der Gegenwart.

Die Interviews sind Kern der Ausstellung im Gewölbekeller des Berner Generationenhauses. Die hundert Personen, Kinder, Jugendliche und Erwachsene, beantworten Fragen, die den eigenen Lebensnerv treffen. «Wann ist man alt? Was möchten Sie noch erleben? Wann war die glücklichste Zeit Ihres Lebens? Möchten Sie für immer leben?» Die Antworten unterscheiden sich je nach Alter: Kinder und Jugendliche möchten noch die ganze Welt sehen. Ein 100-Jähriger dagegen möchte es noch schaffen, die Fotos des letzten Jahres zu ordnen. Und ein 80-Jähriger sagt, dass er gerade seine glücklichste Zeit erlebe, weil er es als Verdingbub schwer hatte und ihn die Last der Jugend noch während Jahrzehnten quälte.

Durch einen «Geburtskanal» betritt man die Ausstellung.

Parallel zu den Videointerviews hatten die Ausstellungsmacher beim Forschungsinstitut «Sotomo» eine repräsentative Befragung in Auftrag gegeben. Die Studie untersuchte die vorherrschenden Altersbilder und die Einstellungen gegenüber einer alternden Gesellschaft. «Sotomo» befragte knapp 9000 erwachsene Personen aus der Deutschschweiz. Die Antworten fanden Eingang in der Berner Ausstellung, die man symbolisch durch einen «Geburtskanal» betritt.

Am Start der Multimedia-Show begeben sich die Besuchenden auf eine Rennbahn. Will heissen: Wenn das Leben fortschreitet, organisieren wir unseren Lebenslauf. An der Wand bilden Kletterseile eine riesige Infografik. Sie zeigt unterschiedliche statistische Werte, etwa, dass die Muskelkraft zwar ab Mitte zwanzig abnimmt, die emotionale Stabilität jedoch zunimmt. Ein anderes Seil zeigt, dass das Vermögen eines Menschen zwischen 60 und 70 den Höhepunkt erreicht. Auch die Lebenszufriedenheit soll gemäss Umfrage erst mit 70 auf dem Maximum zu sein, die Offenheit dagegen bereits mit 55.

Tartanbahn repräsentiert den Verlauf des Lebens.

In ersten Raum gibt es Hörstationen, in denen Fachleute wie der Kinderarzt Remo Largo oder der Philosoph Otfried Höffe über Alter und Altern sprechen. Am Ende der Rennbahn erfährt der Gast sein statistisch zu erwartendes Lebensalter: Am Telefonhörer und per Wähltasten beantwortet er Fragen zu Gesundheit, Laster und Gebrechen der Verwandten. Danach spuckt der Drucker einen Kassenzettel aus. Auf meinem Zettel hiess es: «Sie werden wahrscheinlich 86 Jahre alt. Ihr Lebenslauf dauert noch 20 Jahre, 150 Tage, 23 Stunden, 59 Minuten, 55 Sekunden.» Bei dieser Diagnose könnte einem etwas mulmig werden. Da kann man sich noch lange einreden, dass es bloss eine statistische Spielerei ist. Unweigerlich frage ich mich: Bin ich mit 65 Jahren alt?

Im Labor wird untersucht, wie sich der Alterungsprozess verlangsamen oder aufhalten lässt.

Wir alle tun es täglich, unabhängig von Vermögen oder sozialem Status: Wir altern. Tausende von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern beschäftigen sich mit der Frage, wie sich der Alterungsprozess aufhalten lässt. Wir betreten den Laborraum: Als mögliche Mittel werden hier erwähnt: Frischblut-Kur, Pillen, Verjüngungscrème, Botox, Social Freezing, Kryonik, Haartransplantation, Hautstraffung, Lifting, Gehirnjogging, Entspannung, viel Bewegung, gesunde Ernährung…..

Und wie sieht die Realität aus? Die «Deutsche Gesellschaft für ästhetisch-plastische Chirurgie» hat eine Umfrage gemacht, welche Eingriffe in Deutschland 2017 am beliebtesten waren. Das Ergebnis dürfte auf die Schweiz übertragbar sein. Demnach standen Botox-Behandlungen mit 16,4 Prozent an erster Stelle. Darauf folgten Faltenunterspritzungen mit 15,4 Prozent und auf dem dritten Platz Augenlidkorrekturen mit 14,1 Prozent. Ein Erklärvideo über die Geschichte der menschlichen Lebensverlängerung bringt uns auf den Boden zurück. Ausser der Qualle lebt niemand unendlich.

Das Logo der Ausstellung.

Welche Eigenschaften verbinden uns Menschen mit dem Alter und dem Altsein? Worauf freuen wir uns, wenn wir ans Älterwerden denken, und was macht uns Angst? Wie gehen sie mit der eigenen Endlichkeit um? Und was bedeutet es für unsere Gesellschaft, wenn wir immer älter werden? Der multimediale Rundgang für Jung und Alt lädt zum Nachdenken über Lebensqualität, das lange Leben in einer alternden Gesellschaft zwischen Selbstbestimmung und Solidarität, über medizinische Möglichkeiten und ethischen Grenzen, über Altersweisheiten und Jugendwahn ein.

Kuratiert wurde die Ausstellung von Detlef Vögeli. Der Berner ist kein Unbekannter in der Schweizer Kulturlandschaft. Er war neun Jahre lang Kurator im Stapferhaus und hat im Generationenhaus auch die neue Ausstellung «Denkmal 2051» gestaltet. Seit März 2021 ist Vögeli selbständiger Ausstellungsmacher.

Vögeli hat im Generationenhaus mit Partnern zusammengearbeitet, die er aus seiner Stapferhaus-Zeit kennt. Nichtsdestotrotz ist die Ausstellung ein multimediales Erlebnis. Auch weil sie aufzeigt, mit welchen Mitteln die Wissenschaft daran ist, dem Tod ein Schnippchen zu schlagen. Die womöglich hässliche Fratze des Alters bleibt uns vorenthalten. Und vielleicht ist das ein Glück, denn schon nur die Frage, wie lange das ideale Leben dauern soll, ob und wie man das Altern aufhalten will, oder ob «Forever Young» möglicherweise gar kein erstrebenswerter Zustand ist: Das alles lässt einen tüchtig grübeln.

Der ehemalige Burgerspittel will ein Kompetenzzentrum für Generationenfrage sein. Foto Burgergemeinde Bern.

Das Zusammenleben der Generationen ist seit der Eröffnung im Oktober 2014 das Kernthema des ehemaligen «Spittels» am Bahnhofplatz Bern. In Ergänzung zum generationenübergreifenden Beratungsangebot hat die Besitzerin, die Burgergemeinde Bern, mit einem thematischen Programm den gesellschaftlichen Dialog über Generationenfragen lanciert. Und sich damit als Kompetenzzentrum für Generationenfragen positionieren.

Im Generationenhaus bemüht man sich mit beträchtlichem Aufwand darum, einen Ort der Begegnung zu schaffen. In der zweiten Etage wird ein Altersheim betrieben. Im ersten Stock ist die Verwaltung der Burgergemeinde angesiedelt, und im Parterre haben zahlreiche Non-Profit-Organisationen zu sehr günstigen Bedingungen Büroräume gemietet. Das Haus hat sich geöffnet für Diskussionen zwischen den Generationen, ein Plan, der Sinn ergibt in einer Welt, in der mit immer grösserem Aufwand die Jugend verlängert wird und die Menschen immer älter werden.

Titelbild: An der Wand über der Tartanbahn bilden Kletterseile eine riesige Infografik. Sie zeigt unterschiedliche statistische Werte. Alle Fotos: © Rob Lewis

Links:

Forever Young

Generationenhaus Bern

Seniorweb-Artikel «Denkmal 2051»

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