FrontKulturDummheit ist in Schilda ansteckend

Dummheit ist in Schilda ansteckend

«Das Ende von Schilda» lautet der Titel einer bunten Theatersatire, welche «Bühnen Bern» unlängst zur Uraufführung gebracht haben. Obwohl vor der Pandemie geschrieben, erinnert die Komödie stark an die absurdesten Proteste während der Corona-Krise.

Endlich anders leben. Nicht mehr mitmachen beim gesellschaftlichen Rollenspiel  «schneller, besser, reicher, berühmter»: Das ist der Traum einer kleinen Gruppe von Aussteigerinnen und Utopisten, die sich in der isolierten Kleinstadt Schilda verschanzt haben, im Elysium der Torheit, hinter den sieben Bergen an der Ausfallstrasse Europas, im dunklen Abseits zwischen Raststätten, flackernden Billboards und brünstigen Fröschen oder Wölfen.

Schilda ist ein selbst gezimmerter Bunker des Schabernacks. Hier sind die Dummen unter sich und leben nach ihren eigenen Gesetzen. Wissen halten sie für den «gegenwärtigen Stand des Irrtums», und ihr politisches System basiert auf dem «Dogma der Unvernunft». «Das Rathaus ist der grösste Unsinn», sagt ein Protagonist und meint damit die Demokratie. «Intellektuelle sind nicht lustig, wir sind gegen sie», ergänzt seine Mitbewohnerin.

Der Schweinebauer und seine intelligente Frau auf dem Balkon ihres Hauses.

Zu den obskuren Stadtbewohnerinnen und -bewohnern gehören ein Schweinebauer (Jonathan Loosli), seine Frau, eine ehemalige Finanzexpertin (Anna Katharina Müller), deren Tochter, eine Hellseherin (Lea Maline Hiller), die Lebküchlerin (Grazia Pergoletti), und ihr behinderter Sohn, der Faxenmacher (Matthias Kurmann). Dann sind da noch ein Troll (Olivier Günter), der Baumeister, der ein neues Rathaus entworfen hat, weil die «Linde» zu klein geworden ist,  Cochon, der Schilda besuchende Kaiser sowie ein Paketauslieferer (alle drei Rollen gespielt von David Berger).

In dieser Fantasiewelt taucht die Dichterin (Marie Popali) auf, deren Eltern einst aus Schilda weggezogen sind. Sie wundert sich anfänglich über das absurde Treiben, über die Unlogik und Dummheit der Stadtbewohnenden, ist aber mit der Zeit von der Leichtigkeit des Lebens in der Provinz fasziniert. Doch als der Kaiser sein Kommen ankündigt, ist es vorbei mit der Toleranz und dem Vergnügen. Die Dummheit funktioniert nur noch gegen Aussen. Gegen Innen werden die Utopisten zunehmend intolerant, erbarmungslos, ja gewalttätig.

Schilda zerstört sich selbst, geht in Sand und Rauch unter. Die Kleider verlieren ihre Farbe (Kostüme Myriam Casanova). Der Sprungturm, der als Rednerbühne diente, zerfällt. Der Gemeinschaftsbalkon (Bühnenbild Konstanina Dacheva) ist am Tag der «Heiligen Einfalt» leer. Auf dem Flachdach liegen reihenweise Tote.

Geredet und gealbert wird in Schilda viel, gehandelt fast nie.

Die parodierten Schildbürgerstreiche (Regie Annina Dullin) sind eine ebenso komische wie tiefgründige Parabel auf die ständigen Versuch von uns Menschen, die richtigen Antworten auf die falschen Fragen zu finden. Das Berner Autoren-Duo Ariane von Graffenried und Martin Bieri hat den klassischen Stoff in die Gegenwart geholt. Initiiert vom ehemaligen Schauspielchef Cihan Inan, haben die beiden ein Stück geschrieben, das eigentlich auf jede europäische Stadt passt, aber in Bern spielt.

Genau wie anderswo gibt es in der Bundesstadt Politikerinnen und Politiker, die sinnlose Reden schwingen, Intelligenzler, die alles besser wissen, Randgruppen, die sich gegen den Fortschritt wehren, Wohlstandspäpste, die nur ihren eigenen Vorteil im Auge haben. Auch in Bern gibt es Corona-Leugner, Europahasser sowie Kernkraftverherrlicher, Produzenten von Fakenews und Halbwahrheiten. Schilda ist Bern, Basel, Zürich, Luzern zugleich. Schildbürgerinnen und Schildbürger gibt es überall.

Der Faxenmacher erleuchtet sich und die entfesselte Wahrsagerin.

«Das Ende von Schilda» spiegelt die Ambivalenz der Dummheit, der selbstgewählten Ideologie einiger Weniger (zum Beispiel der Treichler), die sich aus der Gesellschaft verabschiedet haben. Kleingeist und Selbstgefälligkeit spriessen in allen Milieus, auf allen Kontinenten. Das galt schon vor Corona: Auch Ex-Präsident Donald Trump konnte jahrelang Fakenews verbreiten und demokratische Prinzipien missachten, bis ein wütender, desinformierter Mob das US-Capitol stürmte. Heute sind es Heerscharen russischer Trolls, die in Putins Auftrag den Ukrainekrieg leugnen oder schönreden.

In diesem Setting sind folgende Fragen legitim: Ab wann wird die eigene Meinung zur Gefahr für die Allgemeinheit? Wann wird Autonomie zu Hinterwäldlertum,  Uninformiertheit zu Ignoranz? Wann kippt Narrenfreiheit in Gewalt gegen Andersdenkende? Und: Ist Dummheit vielleicht doch ansteckend?

Am Schluss geht Schilda in Rauch, Staub und Anarchie unter.

Themen wie Klimawandel, Umweltzerstörung, Isolationismus, Nationalismus, Kriegsgefahr, Überheblichkeit, Sattsamkeit sind die besten Beispiele: Die Gefahr, zu Schildbürgerinnen und Schildbürgern zu werden, lauert überall. Deshalb lautet eine wichtige Botschaft der Berner Realsatire: «Vergiss nicht, er tut nicht nur so. Er ist wirklich dumm. Auch das ist sehr gefährlich.»

Titelbild: Auf dem Sprungturm feiern die Schildbürger ausgelassen Dummheit und Unsinn. (Alle Fotos: Annette Bouttellier)

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Bühnen Bern

Weitere Vorstellungen in der Halle Vidmar 1 im Berner Liebefeld bis 19. Juni.

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