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Vom Malz bis zum Bier

Mit dem «Proschtauto» die Bierherstellung vom Mälzen bis zum Brauen kennenlernen, bietet Aargau Tourismus in einer Tagesreise von Möriken-Wildegg bis nach Rheinfelden an, dabei kommt auch das Degustieren nicht zu kurz.

Aargau Tourismus führt jährlich fünf bis sieben Erlebnisfahrten zu speziellen Themen durch, begleitet von einer kompetenten Reiseleiterin. Quer durch den Kanton entdeckt man, wie vielseitig der Aargau ist. Letztes Jahr durfte ich den Auenschutzpark Chly Rhy kennenlernen und darüber berichten. Die Postautofahrten beginnen jeweils am Bahnhof Brugg und enden auch wieder dort.

Die Brauerei Feldschlösschen setzt seit 1912 Lastwagen für den Transport ein, heute sind es Elektro Lastwagen.

Diesmal ist es eine Bierreise mit dem Proschtauto. Eigentlich bin ich keine grosse Bierliebhaberin. Aber die Möglichkeit, etwas über die Herstellung des Biers vom Mälzen bis zum Brauen zu erfahren, interessiert mich. Mehr als Wasser, Hefe, Hopfen und Malz braucht es dazu nicht. Das Malz importieren die Brauereien aus dem Ausland, doch seit Herbst 2021 gibt es im Aargau die erste grosse Schweizer Mälzerei. Diese besuchen wir in Möriken-Wildegg mitten im Industriegebiet der Jura-Cement-Fabriken.

Die einzige Schweizer Mälzerei in Möriken-Wildegg produziert seit Januar 2022 Malz für kleinere Brauereien.

Vor dem langen Gebäude mit schwarz-gebrannten schräg verlaufenden Holzpaneelen im japanischen Design führt der Gründer und Inhaber Christoph Nyfeler in die Mälzerei ein. Aufgrund seiner Erfahrung aus der Whisky-Produktion weiss er, wie wichtig die Herstellung von hochwertigem Malz ist, und er entschliesst sich, ein eigenes Mälzerei-Projekt zu realisieren mit nachhaltiger und regionaler Produktion: Der Strom wird mit der Photovoltaik-Anlage produziert, das nötige Holz stammt aus dem Lenzburger Wald, Landwirte aus der Umgebung bauen die Gerste ökologisch an, deshalb sind die Transportwege kurz.

Die Mälzungsanlage verfügt über drei 10-Tonnen-Trommeln, die jährlich rund 1,5 Millionen Kilo Malz produzieren.

Für die Malzherstellung, erklärt Christoph Nyfeler, wird die Gerste, sobald sie reif und geerntet ist, von den Bauern zur Getreideannahmestelle gebracht, wo sie kontrolliert und gereinigt wird. Silolastwagen führen sie dann in seine Mälzerei, wo die Körner in riesigen Stahltrommeln während 4-5 Tagen im Wasser zur Bildung von Enzymen keimen. Anschliessend werden die Körner binnen 24 Stunden getrocknet. Dadurch entstehen die sortentypischen Aromen und Farbstoffe und das Malz wird lagerfähig. Dieses wird dann in 25 Kilosäcken oder 750 Kilo Big Bags abgefüllt und direkt zum Kunden oder in das Auslieferungslager transportiert.

Im 25-Kilo-Sack abgepacktes Malz. Es gibt auch Backmalz für Bäckereien oder Brennermalz für Destillerien.

Viele dieser unterschiedlichen Malz-, auch Hopfensorten können wir anschliessend gleich selber kennenlernen im Brau- und Rauchshop in Densbüren, wo uns die Geschäftsführerin Silvia Herzog darauf hinweist, dass es im Rauchshop ums Räuchern geht und nicht ums Zigarettenrauchen. Das Brauangebot richtet sich an Amateur- und kleine Brauereien.

In ihrem Webshop findet man einfach alles für das Brauen. Hopfen, der dem Bier die nötigen Bitterstoffe verleiht und die Haltbarkeit unterstützt, gibt es in scheinbar unendliche vielen Variationen. Wir schnuppern an den unverpackten farbigen Hopfen-Pellets, sie riechen etwa nach Mango-, Erdbeer- oder Orangen, alles für einen exquisiten Biergeschmack. Ausser dem Basismalz gibt es Spezialmalze, denn jede Biersorte benötigt eigenes Malz, sei es Pilsener-, Münchner- oder Weizenmalz.

Im Brau- und Rauchshop-Webshop ist alles erhältlich: Brew-Kits, neben Hefe, Hopfen, Malz, auch Flaschen, Korken, Harasse, Brauapparate, zudem braucht jede Biersorte bald ein eigenes Bierglas.

Doch nicht nur Waren lassen sich hier bestellen, auch Brenn- und Braumeister stehen zur Verfügung, etwa bei Brauproblemen oder für die Reparatur der Geräte. Zudem werden regelmässig Braukurse angeboten, auch extra für Frauen; ebenso Destillier-, Whisky-, Wein-, Mostkurse oder Kurse für das Räuchern von Fleisch, die Herstellung von Wurst und Käse und vieles mehr.

Modell der Brauerei Feldschlösschen, Rheinfelden

An der letzten Destination in Rheinfelden kehren wir im braueigenen Feldschlösschen Restaurant ein. Die anschliessende Führung durch die Brauwelt eröffnet uns das Innere des historistisch erbauten Backsteinschlosses, das heute unter Denkmalschutz steht. 1875 wird das Unternehmen vom Landwirt Mathias Wüthrich (1846-1905) aus Olsberg und vom in Deutschland ausgebildeten Bierbrauer Theophil Roniger (1844-1913) aus Magden gegründet. Dank Wüthrichs vermögendem Vater erwerben die beiden umfangreiche Grundstücke und beginnen die Fabrikanlage zu bauen. Bereits am 8. Februar 1876 braut Theophil Roniger das erste Bier in der neuen Fabrik.

Von Anfang an setzt die Brauerei auf den Transport mit der Eisenbahn, zumal 1875 die Bözberglinie eröffnet worden ist. Für kürzere Strecken stehen aus Wüthrichs fabrikeigenem Landwirtschaftsbetrieb Pferde und Fuhrwerke zur Verfügung. Noch heute wird auf dem Areal ein Gestüt unterhalten, wo Belgische Kaltblüter und ihre Lenker eine wichtige Rolle spielen, nicht nur für repräsentative Zwecke.

Kupfer-Braupfannen im Sudhaus von 1908.

Zum Bierbrauen importiert Feldschlösschen grosse Mengen Malz aus dem Ausland. Dieses wird geschrotet, mit warmem Wasser vermischt, sogenanntes Maischen, und dann unter Rühren weiter erhitzt. Dabei löst sich die enthaltene Stärke und wird in Zucker umgewandelt. Die beim Filtern entstehenden Rückstände, der Treber, geht als Viehfutter an die Bauern. Die Würze, der flüssige Teil, wird mit dem Hopfen gekocht und dann auf die entsprechende Gärtemperatur abgekühlt und mit Hefe versetzt. Diese wandelt den enthaltenen Zucker in Alkohol und Kohlendioxid um, und je nach Temperatur entsteht untergäriges oder obergäriges Bier.

Das Maschinenhaus mit der Kühl- und Abfüllanlage in Rheinfelden.

Seit dem Jahr 2000 ist die Feldschlösschen Getränke AG im Besitz des dänischen Brauereiunternehmens Carlsberg Group, nachdem Feldschlösschen selbst verschiedene traditionelle Schweizer Brauereien, etwa Gurten oder Cardinal, übernommen hat. Heute ist die Anzahl Brauereien massiv gestiegen, insbesondere nach der Aufhebung des Kartellgesetzes im Jahr 1991. Waren früher 32 Brauereien, sind heute rund 1200 registriert. Auch das Bier selbst hat einen kreativen Schub erhalten durch zahllose neue Geschmacksrichtungen. Davon konnten wir uns überzeugen, denn am Schluss der Führung erwarteten uns 24 Zapfhähne zum Degustieren. Proscht!

Titelbild: Brauerei Feldschlösschen in Rheinfelden, Foto: Ikiwaner. Wikimedia Commons
Fotos: rv
Die Fahrt wurde von Aargau Tourismus organisiert

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