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Gedichte bauen Brücken

Das Zürcher Museum Strauhof widmet der Lyrik in Afrika mit «litafrika – Poesien eines Kontinents» eine Ausstellung, ausgehend von Al Imfelds umfassender Anthologie «Afrika im Gedicht».

«Afrika im Gedicht» ist eine monumentale Sammlung, die der Schweizer Literaturvermittler und Afrikakenner Al Imfeld zwischen 1960 und 2014 zusammengetragen hat. Sie umfasst mehr als 550 Gedichte in Originalsprache und in deutscher Übersetzung aus allen Teilen des afrikanischen Kontinents. Sie steht im Zentrum des ersten Teils der Ausstellungtrilogie (2022-2024), die sich aus verschiedenen Perspektiven mit den Literaturen des afrikanischen Kontinents auseinandersetzt.

Al Imfeld, selber Schriftsteller und Herausgeber der Gedichtsammlung, hat über Jahrzehnte die Vermittlung afrikanischer Literatur in der Deutschschweiz geprägt. Mit seinen Artikeln und Auftritten hat er zahllose Literaturschaffende aus Afrika im deutschen Sprachraum bekannt gemacht und zur Gründung diverser Förderinstitutionen beigetragen. So liegt der Anthologie zwar eine eurozentrische Sichtweise zugrunde, doch sind es weitgehend die Dichterinnen und Dichter, die die Gedichte ausgewählt haben.

Blick in die Ausstellung. Foto: rv

Die Ausstellung ist in zwei Kapitel unterteilt: In Dichterinnen, Dichter und Gedichte werden eigene Gedichte aus der Sammlung sowie die Zusammenarbeit mit dem Herausgeber kommentiert, auch mit aktuellen Videos von 2022. In Open Archive wird Imfelds Netzwerk, seine Verbundenheit mit den Autorinnen und Autoren sowie die Editionsarbeit vorgestellt. Zur Sprache kommen ebenso die Übersetzung, Vermittlung und Rezeption der Gedichte im deutschen Sprachraum sowie die Ambivalenz des eurozentrischen Blicks auf den afrikanischen Kontinent.

Porträt von Al Imfeld, 2015. Foto: Wikimedia Commons

Alois Imfeld (1935-2017) stammt aus einer kinderreichen Bauernfamilie aus dem Napfgebiet. Nach der Matura absolviert er das Priesterseminar, empfängt die Priesterweihe und studiert katholische Theologie in den USA, wo er wegen seiner Positionen vom Priesteramt suspendiert wird. Er doktoriert dann in evangelischer Theologie und macht weitere Studienabschlüsse in Kultursoziologie, Tropenlandwirtschaft sowie Journalismus.

Noch in den 1960er Jahren gehörte das kolonialistische Denken zum europäischen Selbstverständnis. Als Imfeld mit afrikanischer Literatur in Berührung kam, realisierte er, dass die Afrikaner ihm etwas zu sagen hatten und nicht er ihnen. Erste Erfahrungen machte er 1968 in Rhodesien (heute Simbabwe), wo er englische Literatur und inoffiziell afrikanische Geschichte und Literatur unterrichtete.

1971 begann er in Bern einen Drittwelt-Informationsdienst aufzubauen und versuchte Verleger zu überzeugen, afrikanische Literatur auf Deutsch zugänglich zu machen. Aufgrund seiner Vorarbeit kam es 1979 in Deutschland zum ersten grossen Afrika-Festival in Berlin, wo auch Poeten wie Wole Soyinka aus Nigeria im kleinen Kreis Gedichte vortragen konnten. Die Frankfurter Buchmesse beschloss darauf, Afrika als Schwerpunktthema zu setzen. Al Imfeld war nun der Afrikaexperte und wirbelte durch die Welt.

«Afrika im Gedicht», herausgegeben von Al Imfeld, 2015.

Zum Jahr 2000 wollte Imfeld seine persönliche Poesiesammlung aus Afrika publizieren, doch kein Verlag interessierte sich für das Projekt. 2011 motivierte ihn ein Bekannter so nachhaltig, dass er von da an ununterbrochen mit einem kleine Übersetzerteam an der Gedicht-Arbeit blieb. Mit seinem Netzwerk erreichte er auch unbekannte Dichterinnen und Dichter, die mit Begeisterung am Projekt mitmachen wollten – selbst unter der Bedingung, keine Liebesgedichte einzusenden; Imfelds Interesse galt dem gesellschaftlichen und politischen Wandel Afrikas. So entstand diese umfassende Anthologie mit über 550 Gedichten aus über 40 Ländern, die Licht und Schatten des heutigen Afrikas offenbaren, auch mit neuen Formen wie dem Rap.

Erschaffen mit Worten
Heisst alle Wurzeln
Dieser Erde
Mit Versen besingen

Manuel Rui (*1941, Angola), aus «11 Poemas em Novembros», 1976.

In der Einleitung schreibt Al Imfeld, dass er in Gedichten eine besondere Form der Philosophie sieht, da sie Bedürfnisse offenlegen und deutlich Schwachstellen zeigen, ohne zu beleidigen. Sie dienen den Menschen als Brücken, um sich von kolonialen Denkmustern zu befreien und eine eigene Sprache zu finden: «Afrika kommt zu uns auf dem Weg des Gedichts, und wir nähern uns den Menschen Afrikas mit Hilfe des Gedichts.»

Frédéric Bruly Bouabré (1923-2014), Maler und Dichter aus der Elfenbeinküste

Die Anthologie ist nach Clustern geordnet etwa nach der Herkunft der Dichter, wie Nigerias starke Generation, Frauenprotest aus Südafrika oder nach Themen wie Zwischen Diktatur und Demokratie, Suche nach Identität. Jedes Gedicht steht in deutscher Sprache neben dem Originaltext. Und jeder Cluster beginnt mit einer kurzen Einführung sowie einer Illustration, für die Imfeld seinen Freund, den Dichter und Maler Frédéric Bruly Bouabré (1923-2014) aus der Elfenbeinküste wählte, dessen Werk an der Kasseler Documenta 11 (2002) und schon 1993 in der Berner Kunsthalle zu sehen war.

Bouabré zeichnete mit Farbstift und Kugelschreiber täglich auf Kartons in Postkartengrösse eine Art Piktogramm und versah jede Zeichnung mit einer französisch beschrifteten Rahmung. Dazu meinte er: «Ich schaue nur selten Fernsehen. Afrika lebte bis vor wenigen Jahrzehnten fast ohne Schrift. Man sprach von der „Oralität“, der mündlichen Überlieferung. Die Vorrang- und Machtstellung Europas gegenüber Afrika beruhte auf der Schrift. Schrift ist Denken. Deshalb interessiert mich auch die Schrift so sehr.»

Titelbild von Frédéric Bruly Bouabré und Bild im Text sind dem Buch entnommen.

Bis 4. September 2022
«litafrika. Poesien eines Kontinents», Strauhof, Zürich
Zur Ausstellung gibt es einen Reader, Hrsg. Christa Baumberger und Rémi Jaccard, Zürich 2022. CHF 12.00
Al Imfeld, Afrika im Gedicht, Münster Verlag, Zürich 2015. ISBN 978-3-907146-29

 

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