StartseiteMagazinLebensartFlucht in den Winter fast CO₂-neutral

Flucht in den Winter fast CO₂-neutral

Zeugen des Winters stellt das Landesmuseum der Hitze entgegen: Prunkschlitten aus der Barockzeit waren die Superjachten ihrer Zeit.

Heiss ist er, dieser Sommer, sehr heiss. Das Denken fällt schwer, das Schreiben erst recht und das Stadtwandern natürlich auch. Eher zufällig geriet ich an einen angenehm kühlen Ort, wo meine Lebensgeister erwachten: Prunkschlitten aus dem 17. und 18. Jahrhundert stehen in Reih und Glied in der Ruhmeshalle, eine riesige Computeranimation einer Hügellandschaft mit einem See, der winters zufriert, versetzt einen in Winterträume mit Sonne und Schnee.

Videostill «Winter» aus der Video-Animation der vier Jahreszeiten.

Waren Pferdeschlitten seit dem 16. Jahrhundert zunächst den Fürstenhöfen Ausdruck ihrer Machtfülle, wenn die Edlen aus ihren Schlössern winters auf Kutschenfahrt durch die Dörfer ihrer Untertanen glitten, kopierten reich gewordene Bürgerfamilien während der Barockzeit diese Möglichkeit, winters ihre Finanzkraft zur Schau zu stellen. Zwar hat man durchaus zum Vergnügen Schlittenfahrten arrangiert, aber die Schlitten waren vor allem für repräsentative Zwecke eingesetzte Statussymbole. Ob es damals auch Poser gab, müsste erst noch erforscht werden. Sicher ist, dass auch Studenten Schlittenfahrten veranstalteten, vor allem während der Fasnachtszeit. Dekoration war dabei eine Fasnachtsfigur. Solche Fahrten endeten oft als Besäufnisse mit oder ohne Sex, so dass die Obrigkeit Verbote aussprechen musste. Was ist die Schlitteda im Engadin doch als eher braver Brauch hiervon übrig geblieben.

Schlittenkasten in Form eines Delfins, flankiert von einer Meerjungfrau, frühes 18. Jh., wohl Zürich. © Schweizerisches Nationalmuseum

Warum tragen die Pferde im Winter weniger Federbüsche oder anderen Schmuck, sondern Bänder mit Schellen? Ganz einfach, erklärt Kuratorin Noemi Albert: «Damit die im Schnee fast lautlos gleitenden Gefährte auch gehört werden.» Analog dem Sound, der heute ein E-Auto mit einem Geräusch versieht, habe man die Pferde mit Schellen ausgerüstet. Das leuchtet mir ein, denn schon mehr als einmal bin ich beinahe mit einem E-Bike oder auch einem Velo kollidiert, das mich auf dem Trottoir, das ich regelmässig benütze, von hinten überholte. (Ein Mensch mit Gepäck geht nicht unbedingt auf einer schnurgeraden Spur seines wegs.)

Damenschuh: Der einzigartige Schlitten kam wohl während der Fasnachtszeit zum Einsatz, frühes 18. Jh., Zürich. © Schweizerisches Nationalmuseum

Was heute eine Superjacht ist, war damals der Schlitten. Bei der Gestaltung hatten die Auftraggeber mitzureden, aber die Schnitzer, die sonst wohl eher Heiligenfiguren für Kirchen und Klöster aus Lindenholz fertigten, konnten hier der Fantasie ihren Lauf lassen: Wilde Tiere aus fernen Ländern oder bedrohlich blickende Fabelwesen mit hängenden Lefzen und blutrünstigem Blick zierten den Bug der Gefährte. Dass die Familie Steiner aus Winterthur natürlich den Steinbock wählte, ist einsichtig. So wusste das Volk, wer hier dick eingemummt im Schlitten sass.

Leopard: Detail eines Figurenschlittens, 1. Viertel 18. Jh., wohl Zofingen AG. © Schweizerisches Nationalmuseum

Es gab im Grunde zwei Typen von Pferdeschlitten, der Reitschlitten oder der Kastenschlitten, dieser auch in Form eines Frauenschuhs. Oft war hinter dem Sitz für die Herrschaft erhöht ein Kutscherbock montiert. Während der Schlitten der Familie Hirzel das Beweisstück zum Ölbild einer Ausfahrt im Schnee sein könnte, rankt sich um einen Schlitten in Form eines Raben die Legende der Heiligen Idda von Toggenburg. Sie war des Ehebruchs bezichtigt worden, obwohl sie versicherte, ein Rabe hätte ihr den Ehering vom Fensterbrett gestohlen. Der Graf warf sie aus der Burg, aber sie überlebte als Einsiedlerin. Nonnen des Klosters Fischingen, welches auf der Platte am Bug abgebildet ist, beteten zu der Heiligen.

Die Figur des Raben mit dem Goldring im Schnabel und die Bemalungen verweisen auf das Leben der Heiligen Idda von Toggenburg. Kasten Mitte 18. Jh., Gestell mit Malereien frühes 19. Jh., angeblich Fischingen TG. © Schweizerisches Nationalmuseum

Eindrücklich ist die Sammlung des Landesmuseums, die hier erstmals so präsentiert wird. Eindrücklich auch die Vielfalt, welche Fabeltiere, mythologischen Wesen, Familieninsignien oder auch Malereien von prächtigen Bauten umfasst, mit der diese Luxusgefährte der Winterzeit ausgestattet worden sind. Selbstverständlich ist berühren oder gar aufsitzen nicht erlaubt.

Ritt auf dem Schlitten der Familie Steiner über einen vereisten See – virtuelle Realität macht es möglich. © Schweizerisches Nationalmuseum

Aber bei einer Fotostation darf man sich auf eine grüne Bank vor grünem Hintergrund setzen und danach sein Konterfei auf einem Prunkschlitten in einer Eis- oder Schneelandschaft ablichten lassen. Und zwei Schuhschlitten-Modelle vor dem grossen Bildschirm mit der Videoanimation sind durchaus geeignete Kinosessel.

Schlittenfahrt der Familie Hirzel von Wülflingen nach Winterthur. Kopie Ida Reinhart (1864–1917), 1908; nach dem Original von Christoph Kuhn (1737–1792), 1759. © Schweizerisches Nationalmuseum

Auf alle Fälle ist es hier – wie im ganzen Landesmuseum konstant 20 Grad warm, die ausgestellten Objekte fordern das. Das angenehme Klima kommt auch uns Menschen zugute, wenn wir im Museum Anregung und in diesen Tagen etwas Abkühlung suchen. Die Schlittenausstellung eröffnet zwar erst in einer Woche, aber neu gibt es eine Präsentation des Velolands Schweiz mit Kübler und Koblet, Albert Steiner, Cancellara und so weiter – jedenfalls deren und anderer Velohelden Porträts, Velos und weiteren Dokumenten und Videos, sowie viel Zubehör aus einheimischen Werkstätten. Und das Klima gilt natürlich auch für alle anderen Ausstellungen des Landesmuseums. Auf die Ausstellung Räder, Rennen, Ruhm (bis 16. Oktober) werden wir zurückkommen.

Da es bei diesem Text um den Sommer geht, sei nicht unerwähnt, dass heute alle grossen Museen klimatisierte Zufluchtsorte mit Bildungsbonus sein können, wenn es in der Dreizimmerwohnung schlicht zu heiss geworden ist.

Titelbild: Videostill «Sommer» aus der Video-Animation

Die Ausstellung eröffnet am 22 Juli.
Informationen zum Besuch des Landesmuseum finden Sie hier.
Die Legende der Idda von Toggenburg


In der Reihe «Endlich Sommer» bereits erschienen:

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