FrontLebensartSolothurn: Wie Gott in Frankreich

Solothurn: Wie Gott in Frankreich

Zum zweiten Mal feiert die kleine Hauptstadt mit der grossen Geschichte das Sommerfestival Barocktage (13. bis 21. 8.).

Nach der Reformation und der Schlacht von Marignano kam die Stadt Solothurn zu neuer Blüte. Der französische König, der laufend Krieger aus dem Gebiet der Eidgenossenschaft rekrutierte, brauchte für die Ambassade einen katholischen Ort, der ohne Umwege über abtrünnige Regionen erreichbar war. So kam Solothurn zu grossartigen Bauten und die Solothurner Patrizierfamilien sowie auch Aufsteiger zu grossem Reichtum.

Ein Tor für die Kutsche, eins für Fussgänger: Das Palais der Von Roll bei der Kathedrale.

Die Kantonshauptstadt ist mit rund 17’000 Einwohnern kleiner als Olten oder Grenchen, aber die Ära der Barockzeit macht Solothurn zu einem Zentrum französischer Lebenskultur. Grund genug, dieses zwar verflossene und wohl nur für die bessere Gesellschaft auch angenehme Zeitalter wieder zu beleben: Vom 13. bis zum 21. August wird die Barockzeit in den Bauten und Gärten mit Musik und Menues, Barockszenen und Workshops wiederbelebt.

Die Geschichten, die es zu jeder Gasse, zu jedem Haus zu erzählen gibt, weiss Susanne Im Hof. Sie legt uns eine Spur durch das heutige ins einstige Solothurn, zum Anfang mit dem römischen Kastell Salodurum: Das Castrum wurde von den Römern genau hier errichtet, weil es hier gelang, eine Brücke über die Aare zu bauen. Reste der Befestigungsmauer wurden zu Teilen von Hausmauern aus späterer Zeit.

Warum Steine anschleppen, wenn es ein Stück Mauer aus römischer Zeit auch tut.

Sightseeing in Solothurn geht ganz bequem zu Fuss, auf kleinem Raum gibt es fast ebenso viele Sehenswürdigkeiten wie in einer Grossstadt. Verhüllt ist freilich eine der beliebtesten Attraktionen: Der Zeitglockenturm wird umgebaut, die verschiedenen Uhren sind nur als Abbild auf dem Gerüsttuch zu studieren.

Die Jahresuhr als Modell im Museum Blumenstein.

Ein einziges Präzisionsuhrwerk steuert alle Turmuhren, das sind nebst den vier Uhren für alle Himmelsrichtungen eine komplexe astronomische Uhr und eine Figurengruppe mit Krieger, Tod und König mit Narrenkappe sowie den Jacquemart, der mit dem Hammer ganz oben die Stunde schlägt. Der Turm wurde um 1200 gebaut, das Uhrwerk läuft und läuft bald 500 Jahre, also ein vorbarockes Kunstwerk der Schweizer Präzisionsmechanik.

Von 1530 an residiert der Gesandte des französischen Königs im Ambassadorenhof. Das imposante schlossartige Gebäude, einst Ort rauschender Feste und prunkvoller Hofhaltung à la Versailles, dient heute profaneren Zwecken: Teile der kantonalen Verwaltung sind hier untergebracht.

Für die Ambassade konnten sich Buben zwischen 14 und 16 bei einer Kanzlei einschreiben und nach Paris fahren, wo sie in der Armee des Königs zu dienen hatten. Nicht wenige der jungen Solothurner kamen zu Geld und kehrten nach dem sozialen Aufstieg in die Stadt zurück, wo sie mit ihren Familien à la française lebten, mit einem Hôtel in der Stadt, einem Landhaus ausserhalb der Stadtmauern. In der feinen Gesellschaft parlierte man französisch, geheiratet wurde möglichst unter sich – an etlichen Familienporträts im Museum Blumenstein ist das offensichtlich.

Solothurn wie es sich zeigt, wenn man vom Bahnhof aus unterwegs ist.

Der Prunk ist noch an vielen Fassaden – erbaut häufig aus Solothurner Marmor, wie der hiesige Kalkstein auch genannt wird – abzulesen, ein besonders sehenswertes Haus steht an der Gurzelngasse. Nicht einmal das Erdgeschoss wurde je mit grossen Schaufenstern verunstaltet, wie es in dieser Geschäftsstrasse normal wäre.

Auch hier wird gentrifiziert: Susanne Im Hof von Solothurn Tourismus nimmt Abschied von Metzger Wälchli, der für immer zumacht.

Wer übrigens gern einkaufen, oder neudeutsch shoppen geht, ist in der engen Barockstadt bestens bedient: Fast alle wichtigen Modeketten und viele Boutiquen sind vertreten, daneben findet man auch eine Messerschleiferei einen Buchladen oder Designläden, und all das mit wenigen Schritten erreichbar. Sollte man trotzdem ermüden, findet sich gleich ums Eck ein uralter Gasthof mit Geschichte wie die «Krone» oder ein modernes Strassencafé.

Wirtshausschild am Wengihaus: der Held vor der Kanone.

Das Wengihaus trägt auf dem Wirtshausschild den «Stadtheiligen», Schultheiss Niklaus von Wengi. Der Schultheiss verhinderte einen Religionskrieg zwischen den Katholiken der Stadt und den Reformierten auf dem anderen Aareufer in der Vorstadt. Er stellte sich – so der Chronist – 1533 vor eine schussbereite Kanone und rief, er würde als erster das Leben verlieren, falls der Schuss abgefeuert werde.

In diesem minderen Teil der Stadt wurde das erste Spital im 14. Jahrhundert als Hospiz errichtet; das Waisenhaus, das Gefängnis und das Arbeitshaus hatten dort ihren Platz. Fast kann man von Glück reden, dass zu Zeiten der grossen Umbaupläne in den Städten kein Geld da war, Bauten wie das Alte Spital, aber auch das Prison und das Landhaus nie abgebrochen wurden, sondern mittlerweile alle restauriert sind. Sie sind Zeitzeugen der wohlhabenden Barockstadt, als neben den Stadtpalästen auch Gebäude für die Versorgung und Verwaltung entstanden. Am Landhaus flussaufwärts – der Schifflände – ist noch das Wassertor zu sehen, wo die Boote einfahren und ihre Fracht, vor allem den Wein löschen konnten: chargé pour soleure bedeutet im Welschen noch immer schwere Trunkenheit, wobei der Wein von den neuenburgischen Lagen, welche die Stadt Solothurn besitzt, immer noch zu empfehlen ist.

Isidore-Laurent Deroy. Aquarell, Zentralbibliothek Solothurn

Ein ganz besonderes Bijou ist nun wieder am alten Ort im Alten Spital zu besichtigen, nämlich die barocke Spitalapotheke. Eine Glastüre erlaubt einen Blick auf die 336 Schubladen, die Felix Wirz, lokaler Maler der Barockzeit, elegant mit dem Inhalt beschriftete. Wirz hat auch den Zuschauerraum des Theaters, mit Malereien dekoriert. Aber seine Bewerbung, Bilder für den Neubau der St. Ursen-Kathedrale beizusteuern, blieb chancelos, aber das Musterexemplar ist in der Jesuitenkirche erhalten geblieben.

Das älteste Theater hierzulande strahlt wie einst. Modern und angenehm ist das Foyer samt Garderobe und Bar auf mehreren Stockwerken im Nachbarhaus.

Die heute perfekt restaurierten Bauten der Jesuiten – sowohl das Theater als auch die Kirche – waren jahrelang vernachlässigt oder gar zweckentfremdet gewesen. Und wie beim Alten Spital, heute ein Hotel, freuen sich die Stadt und alle ihre Besucher, dass sie jetzt die Barockzeit bestens repräsentieren und erst noch ihren Zweck als Spielstätte oder Gotteshaus erfüllen. Im Stadttheater wird während der Barocktage Musik aus jener Zeit aufgeführt, unter anderem die Rosenkranzsonaten von Heinrich Ignaz Franz Biber, in der Jesuitenkirche gibt es Orgelmusik und Mariengesänge.

Bidet aus der Spezialausstellung über Intimes im Museum Blumenstein.

Ein dritter wichtiger Ort der Musik ist der Salon im Museum Blumenstein, wo einige noch spielbare alte Tasteninstrumente stehen. Und sehr speziell ist die Sonderausstellung: es geht um Seife, Sex und Schokolade.

Museum Blumenstein: Im Prunkraum mit der Ahnengalerie der einstigen Besitzerfamilien stehen Tasteninstrumente, die immer noch gespielt werden können.

Theater hatten die Jesuiten zur Erbauung und Erziehung eingeführt, Musik wurde in den besseren Häusern gemacht, aber wie es im Alltag bei reich und arm zuging, was gegessen wurde, wie man sich kleidete, das wird nun bei den Barocktagen ebenfalls thematisiert. Man kann Spielkarten drucken, Schmuck herstellen, und vor allem Speis und Trank der Zeit probieren, entweder zubereitet von einem Sternekoch für knapp 300 Franken oder als Mitttagstisch im Kapuzinerkloster für 25 Franken. Was wo und wann stattfindet, ist einer handlichen Broschüre zu entnehmen.

Elf Brunnen gibt es in Solothurn. Sie tragen opulente Figuren, hier der Bannerträger, und verfügen oder verfügten über ein Sudelbecken zum Gemüse und Töpfe waschen oder Pferde tränken.

Und zuletzt noch ein Hinweis: Wer sich mit Solothurn einlässt, wird an der Zahl 11 nicht vorbeikommen. Aber das wäre eine andere Geschichte, die ihre Anfänge in der Römerzeit hat, aber auch bei den Barocktagen werden die Besucher laufend darüber stolpern.

Titelbild: Skyline im Abendlicht. Foto: Madeleine by Pixabay
Fotos: © Eva Caflisch

Hier gibt es Informationen
– zu den Barocktagen
– zu der Sonderausstellung Seife, Sex & Schokolade
– zu dem Uhrwerk am Zeitglockenturm
Und für alles, was Gästen dient: Solothurn Tourismus

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