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Frauenpower in der Kunst

Das Aargauer Kunsthaus zeigt in der Ausstellung «Eine Frau ist eine Frau ist eine Frau…» ausschliesslich Werke von Künstlerinnen.

Anglistik-Professorin und Kulturwissenschaftlerin Elisabeth Bronfen hat mit frischem Blick die Sammlung im Aargauer Kunsthaus nach Malerei, Skulpturen und Zeichnungen von Künstlerinnen des 20. Jahrhunderts durchforscht. Dabei hat sie Arbeiten von Frauen entdeckt, die sie nicht oder kaum gekannt hat, denn es ging ihr nicht um internationales Renommee oder kommerziell erfolgreiche Künstlerinnen, sondern sie wollte «das Schweizer Kunstgeschehen der Moderne und der Postmoderne unter dem spezifischen Blickwinkel der sexuellen Differenz neu betrachten.»

Nun konfrontiert sie das Publikum mit einer Werkvielfalt, die Eine Geschichte der Künstlerinnen des 20. Jahrhunderts erzählt. Als Haupttitel der Schau hat Bronfen Eine Frau ist eine Frau ist eine Frau… gewählt – in Anlehnung an die Gedichtzeile «Eine Rose ist eine Rose ist eine Rose» von Gertrude Stein.

Sophie Taeuber-Arp: Passion de lignes, 1941, © Privatbesitz / Depositum Aargauer Kunsthaus, Aarau. Géométrique et ondoyant, plan et lignes, 1941, Aargauer Kunsthaus, Aarau / Depositum aus Privatbesitz. Tâches quadrangulaires évoquant groupe de personnages, 1920, Aargauer Kunsthaus, Aarau / Depositum aus Privatbesitz. Installationsansicht, Foto: Zoe Tempest, Zürich

Frauen waren sehr präsent in der Kunstgeschichte, aber als Beobachtete, fremden zumeist männlichen Blicken Ausgesetzte. Darauf hat auch John Berger hingewiesen: Männer seien im Raum, Frauen seien im Raum beobachtet. Frauen, die Kunst machen, sind jene, die beobachten, sie sind also Subjekt und nicht Objekt. Das Modell kann dabei auch der eigene Körper sein, ohne dass es ein Selbstporträt werden muss.

Klaudia Schifferle(*1955) Fräulein Wunderbar, 1983. Aargauer Kunsthaus, Aarau. © 2022, ProLitteris, Zürich

Elisabth Bronfen hat zunächst die Sammlung von Andreas Züst mit Werken aus den 70er bis 90er Jahren durchgeschaut, denn die Frauenbewegung ermöglichte mehr Autonomie und Frauen hatten erstmals die Möglichkeit, an hiesigen Kunstschulen zu studieren, während frühere Generationen ins Ausland, oft nach Paris gegangen sind, wenn sie Künstlerinnen werden wollten.  Nun sind Bilder und Skulpturen versammelt nicht von A bis Z, aber von B wie Silvia Bächli bis W wie Eva Wipf.

Fünf Kapitel hat Elisabeth Bronfens Frauen-Kunst-Schau. Den Parcours hat sie vom Foyer rund ums Atrium herum bis wieder ins Foyer so verstellt, dass man immer wieder an Wände stösst, nochmals zurück zu den vorher betrachteten Objekten geht, um weiterzukommen. Die Idee: Das neuerliche Betrachten eines Werks schärft die Wahrnehmung.

Donatella Maranta (*1959), Ordentliches Portrait einer unordentlichen Familie, 1998-2000
Courtesy the artist

Clusters of Intensity will Bronfen schaffen, wenn sie die Kunstwerke nach den Kriterien in die Kapitel «Ausgestellt»: Verwandelte Körperbilder, «Frauenzimmer»: Das Interieur als intimer Schauplatz, «Das versehrte Gesicht»: Selbstbildnisse anderer Art , «Pop als Haltung»: Eigenwillige Aneignungen der Alltagskultur und «Ver-rücktes Sehen»: Witz und visuelle Experimente ordnet. Das Konzept bringt erstaunliche Begegnungen hervor, Verdichtungen und Parallelen bei Motiven und Absichten in den Werken der Künstlerinnen des vergangenen Jahrhunderts.

Kreative Frauen mussten sich oft zurücknehmen, Hausfrau und Mutter sein. Wie etwa Doris Stauffer, die für Bronfen eine Entdeckung ist. Allerdings ist die Wirkung der Mitbegründerin der F&F-Schule auf die spätere Generation sehr nachhaltig. Den Umgang mit Alltagskultur bis zum eigenen Haushalt hat auch Donatella Marantha in kleinformatigen Gouachen, die sie zu Tableaus versammelt, verarbeitet, Titel: Ordentliches Porträt einer unordentlichen Familie von 1998.

Manon, Ohne Titel (aus der Serie Hotel Dolores), 2009/2010. Aargauer Kunsthaus, Aarau © 2022, ProLitteris, Zürich. Installationsansicht, Foto: Zoe Tempest, Zürich

Ohne die Fotokünstlerin Manon ist eine Ausstellung über feministische Kunst undenkbar. In Aarau kann eine grosse Serie Fotos aus Paris gezeigt werden, als Manon sich auf der Flucht vor der Zürcher Szene in Die graue Wand. 36 schlaflose Nächte selbst inszenierte und später weltweit Nachahmerinnen fand. Mit einer zweiten Arbeit ist sie in der Abteilung Pop und Humor vertreten, eine dritte, Teile des Hotel Dolores, verlassene, morbide Räume mit vergessenen Objekten, findet sich bei den Interieurs. Dort hängt Das aufgeschlagene Bett, ein unerwartetes Bild von Meret Oppenheim, welches perfekt den Begriff «Frauen-Zimmer» interpretiert.

Miriam Cahn, Morgengrauen [Detail], 1981. Aargauer Kunsthaus, Aarau / Schenkung Betty und Hartmut Raguse-Stauffer. Installationsansicht, Foto: Zoe Tempest, Zürich

So wenig Manon fehlen darf, so wichtig ist auch Miriam Cahn, deren Morgengrauen-Porträtzeichnungen die Metamorphose einer Frau zu einem käferartigen Wesen zeigt. Oder Leiko Ikemura, deren Figuren oft in der Schwebe zwischen Sein und Nichtsein erscheinen.

In der Vielfalt der Bilder und Skulpturen taucht immer wieder der Tod auf: sehr witzig in Ella Lanz› Paraphrase von Hans Baldung Greens Tod und das Mädchen. Während dort eine schmerzvolle junge Frau dargestellt ist, hat sie sich hier ganz lebendig dem Betrachter zugewandt.

Ella Lanz‘ Spiel mit dem Tod, je ohne Titel 1985, 1986, 1980. Aargauer Kunsthaus, Aarau / Depositum der Sammlung Andreas Züst. Installationsansicht, Foto: Zoe Tempest, Zürich

In diesen Jahren häufen sich Einzel- und Gruppenausstellungen, die sich ausschliesslich weiblichen Positionen verpflichten. Die grossen Häuser zeigen die bekannten Namen von Louise Bourgeois bis Niki de Saint Phalle, Galerien widmen sich aktueller Kunst von Frauen. Also eine Modewelle?

Elisabeth Bronfen: «Sicherlich ist es eine Modeströmung, aber es ist nicht neu. Der Kunstbetrieb hat sich verändert, es arbeiten sehr viele Professorinnen, Kunstkritikerinnen, Museumsdirektorinnen und Kuratorinnen.» Sogar das Moma, das Museum of Modern Art, habe seine Kollektion völlig neu präsentiert, sagt sie, wobei sie anmerkt, dass ihre nun im Depot liegenden «geliebten Gemälde alle von weissen Männern waren». Wichtig ist der Gastkuratorin jedoch, dass man mit dieser Mode nochmals neu auch auf Altbekanntes schaut. Und erst noch sei ihr gelungen «blinde Flecken der Kunstforschung aufzudecken,» heisst es seitens des Aargauer Kunsthauses.

Im Raum der Klassischen Moderne: Sie haben die Aussstellung konzipiert: (von links) Basma El Adisey, Elisabeth Bronfen, Simona Ciuccio und Direktorin Katharina Ammann. Foto: Aargauer Kunsthaus

Und noch wichtiger sei, dass diese Modewelle nachhaltig bleibe. Bronfen erwähnt aus der Politik das Urteil des Obersten Gerichts in den USA, welches Amerikanerinnen das Recht auf Abtreibung nun verweigert. Dabei hatten es alle für garantiert gehalten. In den 90er Jahren dachten auch hierzulande viele, Feminismus brauche es nicht mehr, die Gleichstellung sei erreicht. Dann kam der Rückschlag.

Kunst von Frauen wird zwar zurzeit sichtbar gemacht, aber «wir müssen weiterarbeiten, bis wir nicht mehr da sind,» sagt Bronfen, «denn auch in den Zwanziger Jahren des letzten Jahrhunderts gab es schon einen Gender Fluid.»

Susann Walder: Wild-West, undatiert, Diana 1997, 1998. Aargauer Kunsthaus, Aarau / Depositum der Sammlung Andreas Züst. Installationsansicht, Foto: Zoe Tempest, Zürich

Was immer wieder Freude macht bei dieser Hängung sind Überraschungen oder das Wiedersehen mit längst von der Bildfläche verschwundener Künstlerinnen. Die «interessierte Intellektuelle» (Bronfen über Bronfen) deckt einfach auf, wen sie für sich neu entdeckt hat, was ihr besonders gut gefällt, wo sie feministische Kunst oder auch Kritik am Kapitalismus wahrnimmt. Sie wünscht sich, dass vom Radar verschwundene Künstlerinnen wieder gesehen werden und dass junge Künstlerinnen ins Bewusstsein gebracht werden.

Suzanne Baumann (*1942), Blaubart, 1991. Aargauer Kunsthaus, Aarau / Schenkung Suzanne Baumann

Besucherinnen und Besucher werden beispielsweise neben den grossformatigen Tafeln von Hannah Villiger auch auf die «Junggesellenmaschine» M. zusammengenommen von Marianne Müller aufmerksam. Oder auf die Etterlinge von Olivia Etter, auf Susann Walders witzige Maskeraden aus den 90er Jahren, auf Claudia Schifferles wilde figurative Kunst oder auch Suzanne Baumanns Gouache Blaubart von 1991. Auf Dreiecke sollen wir achten, sagt die Gastkuratorin hier, und wirklich, sie finden sich zahlreich in jedem Raum. Auch im allerletzten mit den Werke von Sonja Sekula und Sophie Taeuber-Arp, den Pionierinnen der Schweizer Frauenkunst.

Titelbild: Kuratorin Elisabeth Bronfen führt durch die Ausstellung. Im Vordergrund die Sperrholzfigur von Mick Jagger aus der Serie People (1966/67) von Dorothy Iannone. Foto: E. Caflisch

Bis 15. Januar 2023
Hier finden Sie Informationen zu der Ausstellung

Zu der Ausstellung ist ein Booklet mit Kurzbiographien der Künstlerinnen und einer Einführung von Elisabeth Bronfen erschienen.

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