FrontLebensartEuböa – Griechenlands verkannte Insel

Euböa – Griechenlands verkannte Insel

Euböa ist trotz gut ausgebauter Autobahn ein Mauerblümchen unter den griechischen Inseln. Dabei hat Euböa alles, was zu Griechenland-Ferien gehört. Doch selbst unter Kennern gilt die zweitgrößte Insel nach Kreta noch als Geheimtipp.

Die Insel Euböa, Evia, wie die Einheimischen sie nennen, ist eine Überraschung. Eine Insel, die keine sein will. Ja, gewiss, den Vergleich mit der Inselwelt der Kykladen besteht Evia nicht. Und ebenso gewiss ist, sie hat ihren speziellen Charme. Das Leben ist hier gemächlich und übersichtlich. Wer sich darauf einlässt, wird belohnt.

Der Pagasitische Golf zwischen dem Festland und Euböa ist an manchen Stellen nur 20 Kilometer breit – man kann die andere Seite sehen.

Der Massentourismus hat hier noch kaum Fuss gefasst. Euböa ist verglichen mit den bekannten Namen der griechischen Inselwelt riesig. Die Insel hat die Länge der halben Schweiz, vom Bodensee bis fast nach Bern. Die Anfahrt erfolgt von Athen her in nordöstlicher Richtung durch Thessalien nach Chalkida. Auf halber Strecke ist sie über eine Brücke mit dem Festland verbunden.

In den engen Gassen braucht es für Transporte noch immer einen Esel.

Euböa macht einem nichts vor und ist authentisch mit ihren unscheinbaren Dörfern, wo man Menschen bei ihrer Beschäftigung im Freien antreffen kann. Zum Beispiel den Schreiner, der vor seiner kleinen Werkstatt ein Bett herstellt, alte Männer auf dem Dorfplatz unter der grossen Platane, die sich, auf ihre Handstöcke gebeugt, die Zeit vertreiben und wo der Papas, der orthodoxe Priester, im schwarzen Talar sich mit einer Gruppe von Müttern und Kindern vor der Kirche unterhält.

Dreifache Identität: griechisch, orthodox, thessalisch. Limni an der Westküste. Fehlt da noch eine Flagge?

Jedoch keine Antike, keine Fun-Parks, nur Alltagsleben, unaufgeregt und beschaulich. Euböa überrascht, nicht mit Sehenswürdigkeiten, aber mit einer Gemächlichkeit und Einfachheit, in die man sich zuerst einleben muss. Es ist auch nicht begrenzt wie die kleineren Inseln, auf denen man sich rasch auskennt.

Wie geht es weiter – was erwartet die Ziege?

Hügelland. Bauernland. Kaum Verkehr. Gut ausgebaute Strassen winden sich hinauf zu Übergängen, von denen der neue Horizont entweder die nächste Insel oder ein Teil des Festlandes ist. Die Strasse führt manchmal direkt dem Ufer entlang. In Kurven, die sich zum Meer neigen, scheint man bei einem engen Radius vor der Richtungsänderung direkt ins dunkelblaue Wasser zu fahren.

Die Fischtaverne in Kymi Platana.

Es war ein gelungener Einstand am ersten Abend nach der Fahrt vom Airport bis in den Norden Euböas. Wir sind in Platana, drei Kilometer südlich von Kymi angekommen und schlendern dem kleinen Hafen entlang. In den wenigen noch offenen Tavernen sind zwei oder drei Tische besetzt. Der Boreas schäumt die Wellen auf. Wer auf der Aussenseite des Quais geht, riskiert eine Dusche. Bei diesem starken Wind sind wir froh, dass Anatoli seine Psarap-Taverna schon früher öffnet. Der Palamida-Fisch und die Nudeln schmecken vollendet mit einer Thunfisch-Senf-Weinsauce.

Blick von der Oberstadt Kymi zum Hafen

Da es in unserem Hotel ausserhalb der Saison kein Frühstück gibt, fahren wir in die Oberstadt, ins Bergstädtchen Kymi. Schon früh am Morgen herrscht reges Leben. Schulkinder in Uniform kommen uns entgegen. Auf der Patia spielen ältere Männer Tavli, ein Brettspiel und trinken einen «Elleniko-Kaffe». Inzwischen sind wir eingestimmt auf die hiesige Lebensart, langsam – langsam, agri – agri. Lieber Zeit geben als Tempo fordern.

Magmatische Felsformationen nördlich von Platana.

Wir erkunden die auffallende Felslandschaft. Das Meer ist noch warm genug für ein Bad. Wir sind die einzigen Badegäste.

Das Kloster des Hl. Nikolaus, Galataki, etwa 20 Kilometer östlich von Limni gelegen.

Vom Dorf Limni aus, an der Westküste, besuchen wir das Kloster Ag. Nikolaou. Die Strasse beginnt am östlichen Dorfrand. Man fährt etwa 20 Kilometer weit, aufwärts und abwärts, zum Teil sehr ausgesetzt auf einem schmalen Weg. Aufatmen halbwegs bei einer Taverne. Das schwierige Strassenstück sei zu Ende, erfahren wir hier. Es geht entspannt weiter, idyllisch dem Meer entlang. Das Kloster liegt auf einer kleinen Geländeterrasse mit einem Blick auf unendliches Blau und einen grenzenlosen Himmel.

Herzlicher Empfang im Kloster Galataki

Wir ziehen die Besucherglocke. Eine freundliche Schwester, die mir nur bis zur Schulter reicht, öffnet und lässt uns ein. Trotz langer Hose verordnet sie Frauen eine Schürze. Der Innenhof hat den Charme der Frauenklöster mit Beeten und Trögen voller Herbstblumen und einem gepflegten Garten. Schwester Belaria begleitet uns und passt auf, dass wir in der Kirche keine Fotos machen. Sie weist auf die Fresken und schreibt mit ihrem rechten Zeigefinger auf ihre linke Innenhand: 1-1-8-2 für die Fresken und 1-5-3-0 für die Ikonostase. Sie selber sei seit 60 Jahren im Kloster erfahren wir auf ihrem Hand-Handy.

Halbwilde Ziegen – ein erstklassiges Fotosujet

Auf dem Weg begegnen wir einer grossen Ziegenherde. Die Tiere schauen wie gebannt, offensichtlich geraten nur wenige Besucher hierher. Der Boden ist steinig und es wächst kaum Gras. Einzelne Tiere sind auf Tamariskenbäume geklettert. Kiefern spenden Schatten. Hinten zurückgesetzt am Hang bieten verbogene Wellblechdächer etwas Schutz. Das Ganze ist jedoch weit weg von jeder Heidiland-Pastorale.

Ganz unerwartet: Vor der Fähre wenden und rückwärts hineinfahren.

Abschied von Euböa nehmen wir auf der Fähre von Agiokampos nach Glyfa auf dem Festland. Die Anweisung gilt für alle: Auf die Fähre wird rückwärts gefahren. Zur Linken ein Lastwagen und rechts die Bordwand – es geht um Zentimeter. Zur Feinkorrektur greift der Einweiser dem Touristen schon mal hilfreich ins Steuerrad.

Auf Wiedersehen im nächsten Herbst!

Es gibt Inseln, die verflachen in der Erinnerung. Keine romantischen Bilder, kein Wiedererkennungs-Hallo, wenig ist geblieben. Das kann auch der besondere Reiz sein. Da lohnt es sich, den Blick des Ethnographen einzuschalten und sich für kleine Dinge und Ereignisse zu interessieren. Euböa ist so eine Insel.

Titelbild: Abweisend und zugleich schön: Felsküste auf Euböa
Bilder: Justin Koller
Die Insel Euböa entdecken:

– Euböa auf der Reiseseite A wie Atlas
– Sehenswürdigkeiten

Hier geht es zu den bereits veröffentlichten Teilen dieser Miniserie:
Teil eins: Skyros
Teil zwei: Skópelos und Skiathos

Teil drei: Sommerresidenz der Götter

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