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Zürichs koloniale Vergangenheit

Die Ausstellung «Blinde Flecken – Zürich und der Kolonialismus» im Zürcher Stadthaus will ein grösseres Bewusstsein für die kolonialen Verflechtungen schaffen, die bis heute nachwirken.

Die Schweiz hatte keine Kolonien. Trotzdem war die Gesellschaft am Kolonialismus beteiligt, was lange kein Thema war. Spätestens seit 2019, der 200-Jahr-Feier von Alfred Escher, führte das koloniale Erbe von Eschers Familie zu heftigen öffentlichen Diskussionen in Zürich. Eschers Vater und sein Onkel führten eine mit Sklaven unterhaltene Plantage in Kuba. Mit der Ausstellung will die Stadt Hand bieten für eine vertiefte gesellschaftliche Auseinandersetzung mit einem bisher wenig beachteten Aspekt der Stadtgeschichte.

Die gelben Bänder als Sinnbild können ausgrenzen, aber ebenso Verbindungen schaffen, so die Gestaltungsidee des Kuratoriums: Manda Beck, Marilyn Umurungi und Andreas Zangger. 

Eigentlich sind die Fakten zu kolonialen Verflechtungen und Beteiligungen Zürichs an der Sklaverei schon lange bekannt. Trotzdem ist das Wissen dazu in der breiten Öffentlichkeit nicht allgemein verbreitet. Auch Rassismus anzusprechen ist oft schwierig und kann auf Unverständnis stossen. Zahlreiche Initiativen von Personen und Organisationen – nun auch diese Ausstellung – tragen dazu bei, die blinden Flecken aufzuzeigen und die Gesellschaft dafür zu sensibilisieren.

Der Kolonialismus veränderte nicht nur die Kolonien, sondern auch Europa. Die Zürcherinnen und Zürcher brachten Kapital, Gegenstände und Erfahrungen aus den Kolonien mit, und manchmal auch Partnerinnen, Partner und Kinder. Menschen aus Kolonien migrierten und migrieren noch heute nach Zürich und bringen Ideen, Bräuche und neue Gewohnheiten hierher. Und sie kämpfen um ihre Anerkennung.

Yvonne Apiyo Brändle-Amolo, Collage, 2022. 

Zahlreiche Menschen aus ehemals kolonialisierten Ländern leben heute in Zürich, viele schon lange, haben die Schule hier besucht und sind vollkommen integriert. Doch wie vormals in den Kolonien bekommen sie Abwertung und Vorurteile zu spüren: Männer gelten als potenziell gefährliche Drogendealer, Frauen werden sexualisiert. «Die am meisten missachtete Frau…ist die Schwarze Frau». Dieses Zitat von Malcolm X ist auch der Titel der Collage, die die Afro-Schweizerin Yvonne Apiyo Brändle-Amolo zusammen mit betroffenen Frauen für die Ausstellung erarbeitet hat.

In kurzen Videoclips, die über den QR-Code neben der Collage abrufbar sind, erzählen die Frauen von ihren traumatischen Alltagserfahrungen in Zürich. Sie demonstrieren, dass sie, auch wenn sie hier aufgewachsen sind, am unteren Ende der gesellschaftlichen Hierarchie rangieren. Wenige haben Glück und können sich durchsetzen. Ihre Statements erschüttern und können dazu beitragen, über unsere – mitunter auch unbewusst – verletzenden Verhaltensweisen und Redensarten nachzudenken.

Teil des Mosaikportals von Carl Roesch (1884-1979) zur Eröffnung der Sihlpost, 1930. Der bekleidete weisse Mann liest einen Brief aus der Heimat, daneben sitzt eine nackte schwarze Frau, die das «ungezwungene und ursprüngliche Leben» der Naturvölker symbolisieren soll, erklärt die Webseite zum Künstler. 

Die Darstellung afrikanischer Frauen auf historischen Fotografien machen die patriarchalen Strukturen der kolonialen Herrschaft besonders sichtbar: Gut gekleidete Herren mit Tropenhelm stehen ungezwungen neben barbusigen oder nackten einheimischen Frauen. Ein solches Bild schuf 1929 auch Carl Roesch auf einem Mosaikfeld im Eingangsportal der Sihlpost zum Thema «Transport und Verpackung». Als völkerverbindendes Sinnbild stellte er, gutgemeint, weisse gebildete Menschen «primitiven» Dunkelhäutigen gegenüber. Bilder, an denen wir vorbeilaufen, ohne sie zu hinterfragen.

Jean-Conrad Hottinguer (1764-1841), gemalt von Louis-Léopold Boilly. Bild: Wikimedia Commons.

Schon im 17. Jahrhundert reisten einzelne Abenteurer aus Zürich in die Welt auf der Suche nach schnellem Reichtum, etwa Hans Felix Escher, der 1695 in Dakar 34 Senegalesen und Senegalesinnen erwarb und diese dann in Südamerika verkaufte. Oder Rebellen wie Johann Konrad Winz, der 1786 gegen die Herrschaft der Stadt Zürich revoltierte und in die Karibik verbannt wurde. Auf der Plantage eines St. Gallers im heutigen Guyana fand er eine Stelle als Aufseher. Einige Jahre später gewährte ihm die Stadt Zürich einen Kredit, um 80 versklavte Menschen zu kaufen, die für ihn Zucker anbauen mussten.

Auch Aufsteiger aus angesehenen Bürgerfamilien, wie der nach Paris ausgewanderte Zürcher Bankier Baron Jean Conrad Hottinguer (1764-1841), finanzierte Sklavenschiffe, investierte sowohl in den Handel mit versklavten Menschen als auch in Produkte aus Sklavenarbeit wie Baumwolle und Zucker.

Doch es erhoben sich auch wohlmeinende Stimmen wie die des einflussreichen Zürcher Kaufmanns und Wirtschaftspolitikers Fritz Rieter (1849-1896), der damals über die verheerenden Auswirkungen des Sklavenhandels auf die Bevölkerung der Westküste Afrikas schrieb. Er schloss daraus, dass es Europas Aufgabe sei, Afrika zu entwickeln und befürwortete die deutschen kolonialen Projekte in Kamerun und Togo. In Westafrika wollte er eine schweizerische Handelsniederlassung gründen, doch starb er vorzeitig auf einer Reise nach Kairo. Die deutsche «Musterkolonie» in Togo war wirtschaftlich sehr rentabel, – unter Ausbeutung der Einheimischen.

Schwarzenbach, Colonialwaren, Kaffee-Rösterei, gegründet 1864, an der Münstergasse 19 in Zürich. Foto: Juliet Haller, BAZ

Der Kolonialismus vernetzte die Welt, brachte neue Produkte und Konsumgewohnheiten nach Zürich. In den Kolonialwarenläden konnte man Kaffee, Tee und Schokolade kaufen. Im Zürcher Niederdorf bietet der Familienbetrieb Schwarzenbach seit 1864 Kolonialwaren an und betont mit dem Namen seine langjährige Tradition.

Der Kolonialismus hinterliess auch in der Wissenschaft seine Spuren. Der junge Botaniker Hans Schinz (1858-1941) untersuchte für einen deutschen Kaufmann die Gebiete im heutigen Namibia. Er bereiste die Gegend mehrmals, sammelte Objekte und erstellte Gutachten über die mögliche Nutzung des Bodens, auch machte er sich stark für die deutsche Kolonialherrschaft in Südwestafrika. Für die dortige Bevölkerung hatte dies schlimme Folgen. Als die Menschen gegen ihre Verdrängung Widerstand leisteten, beschloss die deutsche Heeresleitung, sie zu vernichten, Zehntausende starben. Schinz hingegen wurde in Zürich Professor an der Universität Zürich und Direktor des Botanischen Gartens.

Titelbild: Ausstellungsansicht im Stadthaus Zürich
Fotos: rv, wenn nicht anders bezeichnet.

Bis 15. Juli 2023
«Blinde Flecken – Zürich und der Kolonialismus», Ausstellung im Stadthaus Zürich, Eintritt frei, mit einem vielseitigen Begleitprogramm. Informationen finden Sie hier.

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