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«Dällebach Kari» – das Musical

Zum 20jährigen Jubiläum zeigen die Thunerseespiele den Publikumserfolg aus dem Jahr 2010 über Coiffeur-Meister Karl Tellenbach als Reprise. Die aufwändige Freilichtaufführung vor malerischer Kulisse auf der Thuner Seebühne bezaubert, berührt, macht aber auch betroffen.

Bekannt wurde «Dällebach Kari», wie das Berner Stadtoriginal im Volksmund genannt wird, 1970 durch den gleichnamigen Film von Kurt Früh mit Walo Lüond in der Hauptrolle. 2006 und 2007 zeigte das <Theater Gurten> den Stoff auf dem Berner Hausberg.  2010 erfolgte die Erstaufführung des Musicals an den Thunerseespielen, gestützt auf das Drehbuch der Regisseurin Katja Früh. 2011 ging die Produktion ins Theater 11 Zürich und kam zurück nach Bern. 2012 gelangte Xavier Kollers Film «Eine wen iig….» in die Kinos. Seither zeigen Amateurvereine landauf-landab Theateraufführungen über das Leben des tragisch-komischen Aussenseiters.

Kari Dällebach kämpft um Anerkennung und Liebe.

Dessen Geschichte ist deshalb auch ausserhalb der Bundesstadt bekannt: Kari wurde 1877 als jüngstes von acht Kindern in der Emmentaler Gemeinde Walkringen mit einer «Hasenscharte» geboren. Der herbeigerufene Arzt empfahl den Eltern, den Neugeborenen «wie eine junge Katze zu ertränken». Er habe mit seiner Missbildung ohnehin keine Chance zu überleben. Doch Marghareta, die Mutter, füttert ihren Kari wie einen aus dem Nest gefallenen Vogel durch.

Bereits in der Schule hatte der junge Karl aufgrund der Lippenspalte und seines Sprachfehlers grosse Mühe sich zu integrieren und wurde oft gehänselt. Er kämpfte sein Leben lang um Anerkennung und Liebe. Nach einer Coiffeur-Lehre in Worb arbeitete Tellenbach in Murten. Im Jahr 1900 eröffnete er an der Berner Neuengasse seinen eigenen «Haarkunstsalon». 1901 erlangte er das Diplom zum Coiffeur-Meister. Verlacht und gemobbt wegen seiner Behinderung kämpfte er anfänglich um Kundschaft. Dank seinem Witz und seiner Schlagfertigkeit wurde er nach und nach berühmt und hatte auch beruflich Erfolg.

Dank seinem Charme wird der Coiffeur-Meister beliebt und bekannt.

In Bern verliebte sich Kari in die Maturandin und Fabrikantentochter Annemarie aus burgerlichem Haus. Deren Eltern tolerierten die Beziehung zum Berner Coiffeur aber nicht. Sie zwangen ihre Tochter, einen geschäftstüchtigen Nationalrat zu heiraten. Kari wusste nicht, wie mit dem Kummer umzugehen. Er versank in Trübsal sowie Einsamkeit und suchte Trost im Alkohol. Im Musical kommen Kari und Annemarie nach dem Unfalltod ihres Gatten vorübergehend wieder zusammen. Doch sie können ihre Liebe nur kurz geniessen: Entsprechend dem realen Leben warf eine Krebsdiagnose den berühmten Berner Coiffeur vollends aus der Bahn. Am 31. Juli 1931 nahm sich Karl Tellenbach tragischerweise das Leben, indem er sich nachts von der Kornhausbrücke in die Aare stürzte. Seine Leiche wurde zehn Tage später im Wohlensee gefunden.

Annemarie Geiser: verliebt in den charmanten Coiffeur-Meister.

Das Thuner Musical ist gespickt mit Tellenbachs Humor, bekannten Anekdoten, aber auch mit tragischen Momenten seines Lebens. Die berühmte Nähmaschine, welche er für seine Liebe gekauft hatte, versenkt der Coiffeur im See. Zahlreiche Witze werden erzählt und bekannte Lieder aus seiner Zeit erklingen. Mehrfach wird Tellenbachs Lieblingslied «Wie die Blümchen draussen zittern» angestimmt. Auch Mani Matters Ballade erklingt. Ein Höhepunkt ist der Ohrwurm «Stärn vo Bärn» der Komponisten Moritz Schneider und Robin Hoffmann.

In der Thuner Reprise sind Regie und Choreografie aus einem Guss. Das Musical wurde unter der Verantwortung des Aargauer Regisseurs und Choreografen, Simon Eichenberger, einstudiert. Im Jahr 2010 war Eichenberger «nur» für die Choreo zuständig. Gefallen finden die fantastischen Tanzszenen, die Präzision der Tänzerinnen und Tänzer, die Kostüme von Aleš Valášek und das Lichtdesign von Michael Grundner. Aber auch die musikalischen Arrangements zwischen Volkslied, Marsch, Swing, Dixie überzeugen. Mehr als einmal schwebt ein Hauch von Broadway über dem Thunersee.

Ebenso präzis wie spektakulär sind die vielen Tanzszenen auf der Seebühne.

Das exzellente Orchester wird dirigiert von Iwan Wassilevski. Die Stimmen der Solisten und des Chors, sind vielfältig und überraschend: einmal fein und zart, dann wieder gewaltig, die natürliche Geräuschkulisse des Sees überdeckend. Das schlichte, aber funktionale Bühnenbild von Charles Quiggin zeigt drei Spielorte: den Coiffeursalon links, das Restaurant Grünegg rechts und in der Mitte, über dem Platz, eine Plattform, die für alle übrigen Schauplätze dient. Hinter allem thronen die Silhouette der Berner Altstadt und der Berner Alpen.

Kari und Annemarie geniessen den kurzen Moment ihrer Liebe.

Toll herausgearbeitet sind zahlreiche dramaturische Momente wie die Spannung zwischen Liebe und Alkohol, der Konflikt in Annemaries Familie zwischen Patriarchat und Emanzipation, aber auch die den Musicalabend prägenden Stimmungen zwischen Lebensfreude und Depression.

Eine sehr gute Wahl sind die Hauptdarstellerinnen und Hauptdarsteller: An der Premiere spielte Rolf Sommer einen differenzierten, überzeugenden Dällebach, Irene Flury eine mädchenhaft-quirrlige Annemarie. Teuflisch wirkt Frank Logemann, der als verkörperter Alkohol dem Coiffeur-Meister immer wieder Mut verspricht und ihn zum Trinken verführt.

Annemaries Eltern, das Ehepaar Geiser, wurden an der Premiere von Matthias Schuppli und Sylvia Heckendorn gespielt. Cécile Gschwind trat als Grünegg-Wirtin in Erscheinung. Ein besonders Augenmerk verdient Lukas Hobi, der als Dällebachs Freund und Rivale Nationalrat Fritz Aeberli mimte.

Kari und sein Freund Fritz Aeberli vor dem Salon.

«Kari Dällebach, das Musical» war nach der Uraufführung vor dreizehn Jahren ein Kassenschlager. Dem Publikum gefiel an der Premiere offensichtlich auch die Reprise, genau wie den rund einer Million Menschen, die in den vergangenen zwanzig Jahren die Thuner Seespiele besucht haben. Minutenlang honorierten die Zuschauerinnen und Zuschauer am Donnerstagabend die Leistungen mit einer «Standing Ovation». Kein Wunder bei dem Wetterglück: Die Premiere fand ohne einen Tropfen Regen statt.

Bundesrat Albert Rösti (Mitte) beglückwünschte zu Beginn der Premiere Freddy Burger (links) und dessen Sohn Oliver Burger (rechts). Foto PS

Zufrieden schien auch Bundesrat Albert Rösti, der die Veranstalter und das Ensemble persönlich beglückwünschte und dem Thunerseespiel-Verwaltungsratspräsidenten Freddy Burger sowie dessen Sohn und Geschäftsführer Oliver Burger Grüsse überbrachte. Auch für das nächste Jahr ist ein musikalischer Blockbuster geplant: Mary Poppins als Neuinszenierung auf der Thuner Seebühne. Man darf gespannt sein.

Titelbild: Beim grossen Fest auf der Berner Allmend treffen sich Kari Dällebach und Annemarie Geiser. Foto PS. Nicht gezeichnete Fotos: ZVG.

Aufführungen bis zum 26. August 2024

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Zur Person von Karl Tellenbach

Die Geschichte der Thunerseespiele

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