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Drei Literaten und der Wein

«Reben und Wein – Quelle künstlerischer Inspiration, poetische Metapher oder Mittel zur Selbstbefreiung?» Mit diesen Worten lockt das Zentrum Dürrenmatt in Neuchâtel in diesem Frühling zu einem Besuch.

Ist es der Wein, der Rainer Maria Rilke, Hermann Hesse und Friedrich Dürrenmatt verbindet, drei so unterschiedliche Wort-Künstler? Über ihren individuellen Umgang mit dem Wein erfahren wir in der Ausstellung viel Interessantes. Ebenso einflussreich waren wohl die Rebberge, inmitten derer Rilke, Hesse bzw. Dürrenmatt einen Teil ihres Lebens verbrachten. Beide, die Landschaft ebenso wie das Getränk, regen bekanntlich die Phantasie und den schöpferischen Geist an.

Madeleine Betschart, Leiterin des Centre Dürrenmatt Neuchâtel, hatte vor einigen Jahren diese vergleichende Ausstellung angeregt. Mehrsprachig ausgelegt, wurde sie 2021 zuerst im Museo Hermann Hesse in Montagnola gezeigt, anschliessend in der Fondation Rilke gemeinsam mit dem Weinmuseum in Siders / Salgesch und ist nun in Neuchâtel anzuschauen.

Willkommen beim Centre Dürrenmatt (Foto mp)

Über der Stadt thront das Centre Dürrenmatt, angesiedelt im früheren ersten Wohnhaus Dürrenmatts, umrahmt vom Bau des Tessiners Mario Botta, mit einer spektakulären Aussicht, die nicht nur Dürrenmatt selbst, sondern alle Besucherinnen und Besucher fasziniert. Madeleine Betschart und ihr Team haben sich das Ziel gesetzt, Dürrenmatt nicht nur als Schriftsteller, Zeichner und Maler zu präsentieren, sondern auch seine Beziehungen zu anderen Künstlern, zu verschiedenen Themen herauszuarbeiten. So öffnen sich neue, reizvolle Einsichten.

Im Saal liegen Broschüren mit den wichtigsten Informationen und Zitaten aus. (Foto mp)

Es geht nicht darum, die drei Schriftsteller zu vergleichen, zu unterschiedlich sind sie. Persönlich kannten sie sich nicht. Rainer Maria Rilke wurde 1875 in Prag geboren zu Zeiten der Österreich-Ungarischen Monarchie. Er reiste viel, war bei Freundinnen oder Mäzenen eingeladen.

Das Wallis lernt er 1920 kennen und ist begeistert von der Landschaft. «Die Stickerei der Weinberge» nennt er sie in einem Brief. 1921 findet er einen alten Wohnturm in Muzot oberhalb von Sierre. Sein Mäzen, der Winterthurer Werner Reinhart, zahlt zunächst die Miete, ein Jahr später kauft er den Turm und gewährt Rilke lebenslanges Wohnrecht. – Rilke stirbt schon 1926. Zum Turm gehört ein Weinberg, dem sich der Dichter widmet, nicht körperlich, aber er beauftragt und beobachtet die Rebbauern.

Die Fotografin Laurence Bonvin schuf eigens für diese und für die Walliser Ausstellung die Bilderreihe «Assemblages», die verschiedene Phasen der Herstellung und Aspekte des Genusses von Wein darstellt. (Foto mp)

Das ist insofern bemerkenswert, als Rilke in seinen jungen Jahren beschlossen hatte, gänzlich auf Alkohol zu verzichten. Seiner Mutter hatte er 1899 geschrieben: «Die besten Ärzte bestätigen alle, dass selbst der mässigste Alkoholgenuss eine akute Gehirnlähmung zur Folge hat . . . «. – Er wollte seine Intuition unverschleiert in Dichtung umsetzen. Als er später im Wallis lebte, bewirtete er seine zahlreichen Gäste mit dem eigenen Wein und trank auch selbst ein Schlückchen. – Seine frühere Strenge gegen sich selbst war wohl einem weisen Masshalten gewichen.

Friedrich Dürrenmatt: Portrait eines Psychiaters (Dr. Otto Riggenbach), 1962. Gouache auf Karton. Sammlung Centre Dürrenmatt Neuchâtel  © CDN/Schweizerische Eidgenossenschaft

Hermann Hesse stammte aus Württemberg, 1877 in Calw geboren in eine pietistische Missionarsfamilie. Welchen beruflichen Weg er einschlagen sollte, wurde ihm erst nach Fehlversuchen deutlich. Der jugendliche Hesse schlug über die Stränge, so wie es später die Hippies taten. – Nicht ohne Grund wurden Hesses Jugendwerke von nachfolgenden Generationen junger Leute ikonisch verehrt. In seinen Biographischen Notizen schreibt er, dass er schon als Schüler in die Gesellschaft «übel angesehener älterer Schüler» geraten sei und mit ihnen «tüchtig saufen» gelernt habe.

Hesse und der Wein – das rechte Mass zu finden, das wurde eine lebenslange Geschichte. Der Wein kann Tröster sein, die Inspiration beflügeln, Erinnerungen wecken oder den Dichter zu folgendem Vers führen: «Mit einem alten, liebgewordenen Wein ein gutes, treues Freundschaftswort zu sprechen».

Seit 1919 lebt Hesse im Tessin, geflohen aus dem bürgerlichen Familienleben in Basel. Er schreibt viel, malt Aquarelle, vor allem Landschaften, und trinkt im Grotto mit seinen Freunden Wein, aber vergleichsweise massvoll. Erst 1931 zieht Hesse mit seiner zweiten Frau Ninon in sein Haus mit Weinberg in Montagnola. Die eigene Arbeit in Garten und Weinberg erfüllt ihn sehr. Mit zunehmendem Alter verträgt Hesse den Alkohol immer schlechter und trinkt, um seinen Magen zu schonen, nur noch leichte Weissweine. «Ich beginne mir den Wein abzugewöhnen», schreibt er 1947 einem Dichterfreund. Er stirbt 1962.

Friedrich Dürrenmatt: Kopfstudien zu «Die Panne», 1962 (Reproduktion einer Zeichnung) Foto mp

Friedrich Dürrenmatt ist vermutlich nie selbst in einen Rebberg gestiegen, weder für den Rebenschnitt zum Jahresanfang noch zur Weinlese. Was Speis und Trank anging, war er ein Geniesser, besonders die Rotweine aus Bordeaux und dem Burgund schätzte er seit seiner Jugend. Das zeigt sich in vielen seiner literarischen Werke, ebenso wie in seinen Zeichnungen und Gemälden. Viele seiner Gäste portraitierte er – und viele mit einem Glas Wein. Vielleicht hätte er erklärt: Das Rot des Weins belebt auch das Gemälde.

Einen seiner frühen Erfolge, die Erzählung Die Panne, schrieb Dürrenmatt in Ligerz am Bieler See, wo er mit seiner jungen Familie umgeben von Reben lebte und arbeitete. Diese bekannte Geschichte einer improvisierten Gerichtsverhandlung offenbart Dürrenmatts Talent, dem Spielerisch-Witzigen den Ernst einer moralischen Verfehlung entgegenzusetzen. Beim heiter-genüsslichen Essen und Trinken treten menschliche Abgründe zu Tage.

Als Diabetiker musste der Bonvivant Dürrenmatt im Laufe seines Lebens sein Ess- und Trinkverhalten immer genauer kontrollieren. – Er tat das, denn so konnte er sich wenigstens massvolle Genüsse erlauben. Viele Zitate, Fotos, Zeichnungen und Gemälde geben darüber Auskunft.

Die Ausstellung «Dürrenmatt, Hesse, Rilke und der Wein» ist noch bis 19. Mai 2024 im Centre Dürrenmatt Neuchâtel zu sehen.
Auch virtuelle Rundgänge auf der Webseite sind möglich.

Vorschau: Ab Mitte Mai 2024 bietet der Theatermann Gusti Pollak «Eine Reise zu Dürrenmatt» an, im Zug von Bern nach Neuchâtel mit vielen Texten und Anekdoten.
Seniorweb berichtete über einen solchen Ausflug im letzten Jahr.

Titelbild: Ausstellungsansicht (Foto mp)

 

 

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3 Kommentare

  1. Ehrlich, wurde den erwähnten Schreibern nicht schon zuhauf die Ehre angetan? Ein neues und aktuelles Menschenbild in der heutigen Gesellschaft entsteht nur, indem jetzt und in Zukunft überwiegend weibliche Autorinnen, Künstlerinnen und Vorbilder jeglicher Art in der Öffentlichkeit verbreitet und gesehen werden. Von Lobhudeleien männlicher «Vorbilder» habe ich zumehmend die Nase voll. An was oder wem sollen sich Jugendliche in Zukunft orientieren?

  2. Hallo, Frau Mosimann, vor lauter Literaten ist Ihnen wohl entgangen, dass auch Frauen in meinem Artikel vorkommen:
    Da ist Madeleine Betschart, die gescheite und vielseitige Leiterin des Centre Dürrenmatt, mit ihrer Mitarbeiterin Frau Luong, wissenschaftlicher Mitarbeiterin und kompetenter Pressefachfrau,
    und vor allem die Walliser Fotografin Laurence Bonvin mit ihren wunderbar raffinierten Fotografien zum Thema Wein. – Leider konnte ich ihr nicht viel Platz einräumen. Das Bild im Text macht auf sie aufmerksam.
    Schliesslich ist da noch die Dame Helvetia, die Hausherrin, denn das Centre Dürrenmatt gehört der Eidgenossenschaft.
    «Lobhudelei» war in keiner Zeile mein Ziel.

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