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Wie Blumen das Museum eroberten

«Blumen für die Kunst» feiert das 10-jährige Jubiläum im Aargauer Kunsthaus. Zu der erfolgreichsten und kürzesten Ausstellung im Jahreslauf ist ein Bilder-Buch mit verschiedenen Essays erschienen.

Alle lieben Blumen. Man schenkt sie der Liebsten, zum Muttertag oder einfach, um jemandem eine Freude zu machen. Kunstmaler schaffen prachtvolle Blumenstillleben, die an Museumswänden hängen und dort bewundert werden. Doch die Idee, farbige, duftende und kreativ gestaltete Blumengebilde im Museum Meisterwerken gegenüberzustellen, hatte weitherum keine Vorbilder.

Publikation zum 10-jährigen Jubiläum von «Blumen für die Kunst»

Angela Wettstein von der Schweizer Kulturstiftung Pro Helvetia sah so etwas einmal in San Francisco. Bei einem Mittagessen 2012 schlug sie dem Kunsthistoriker Rudolf Velhagen vor, diese Idee in der Schweiz zu realisieren. Zunächst passte das nicht in seine Vorstellung von gehobener Kunst. Doch nach einer Woche Bedenkzeit war er dabei, und bis heute bereut er «seine Zusage keine Sekunde», schreibt Rudolf Velhagen in seinem Essay Die Wirklichkeit der Bilder – und der Blumen.

Für das Projekt musste ein geeignetes Museum gefunden werden. Die Wahl fiel auf das Aargauer Kunsthaus mit seiner umfassenden Sammlung von Schweizer Kunst, die sogenannte heimliche Nationalgalerie der Schweiz. Die damalige Direktorin Madeleine Schuppli war bereit, sich auf das Experiment einzulassen. Der Primeur wurde auf März 2014 geplant.


Florale Interpretation von Michal Haut, Bratislava/SK zum Werk von Samuel Buri, Chalet psychédélique, 1967. Blumen für die Kunst 2024

Angela Wettstein und Rudolf Velhagen gründeten im Sommer 2013 den Verein FLOWERS TO ARTS mit verschiedenen Fachleuten im Vorstand. Nach zahlreichen museologischen und konservatorischen Abklärungen entstand zusammen mit dem Aargauer Sammlungskurator Thomas Schmutz die erste Ausstellung Blumen für die Kunst. Florale Interpretationen von Werken aus der Sammlung vom 18. bis 23. März 2014. Das Publikum war begeistert und strömte ins Museum, die Warteschlange vor dem Eingang wurde von Jahr zu Jahr länger, bis heute.

Florale Interpretation von Luzia Mantegazzi-Neurohr, Saland zum Werk von Fritz Pauli, Mondnacht bei Frauenkirch-Davos, um 1925. Blumen für die Kunst 2024

Rudolf Velhagen schreibt über seine ersten Erfahrungen: «Ich war beeindruckt, mit welcher Sensibilität und welchem handwerklichen Können die Floristinnen und Floristen den Dialog mit dem Kunstwerk suchten und auf diese Weise völlig neue formale und inhaltliche Zusammenhänge schufen.» Er ist überzeugt, dass «die Floristik als ernst zu nehmende neue Kunstgattung» in Betracht gezogen werden muss. Das Leitungsteam erkannte zudem, wie sehr es die Floristinnen und Floristen schätzen, wenn sie mit einer floralen Interpretation eines Kunstwerks ihr erworbenes Wissen und Kreativitätspotenzial frei von kommerziellen Zwängen zum Ausdruck bringen können. Aus diesem Grund stand von Anfang an fest, dass es bei Blumen für die Kunst keinen Wettbewerb mit Preisverleihung geben soll.

Florale Interpretation von Rémy Jaggi, Trélex zum Werk von Arnold Böcklin, Bergschloss mit Kriegerzug, 1871. Blumen für die Kunst 2024

Von Beginn an verstand sich Blumen für die Kunst als Vermittlungsprojekt, das sich mit den Mitteln der Kunst und der Blumen den aktuellen Debatten stellt. Die Welt veränderte sich seit der ersten Ausgabe vor zehn Jahren. Coronabedingt musste die Schau 2021 ausfallen, der Kriegsausbruch in der Ukraine führte zu mehr Nachdenklichkeit und Ernsthaftigkeit. Dazu meint Rudolf Velhagen: «Da unklar ist, wohin die Geschichte steuern wird, zeichnet sich ab, dass Blumen für die Kunst in den kommenden Ausstellungen weitere Fenster öffnen wird und die gemeinsame Anstrengung für eine Welt mit neuen Perspektiven unterstützt.»

Florale Interpretation von Andreas Geissmann, Untervaz zum Werk von Otto Wyler «Dame im Kimono», 1912. Blumen für die Kunst 2017.

Für das Fachwissen wurden die Floristinnen Marianne Wyss und Heidi Huber ins Team geholt, die über ein grosses Netzwerk in der Floristikbranche verfügen. In früheren Epochen genoss Blumenschmuck hohe Wertschätzung, heute hat der Beruf des Floristen seine Anziehungskraft verloren. So kam der Vorschlag, dass sich Floristik und Kunst auf Augenhöhe begegnen können, den beiden Floristinnen äusserst gelegen, «wir erkannten sofort die einmalige Chance, die sich uns bot», schreibt die Expertin und Dozentin Marianne Wyss in ihrem Essay Der Wandel.

Florale Interpretation von Severin Stadler und Isabelle Becker, Zug zum Werk von Giovanni Giacometti, Herbstabend, um 1903. Blumen für die Kunst 2024

Floristinnen und Gestalter, die bereits eine eigenständige Ausdruckweise entwickelt haben, werden jeweils für das Projekt eingeladen. Das FLOWERS TO ARTS-Team besucht die Ausgewählten und führt sie in das Projekt ein. «Richtig aufregend wird es etwa sechs Wochen vor der Ausstellung», schreibt Marianne Wyss, dann erhalten die Teilnehmenden im Museum vertiefte Einblicke in die Kunstwerke und sie können sich «ihr» Werk aussuchen. Sechs Wochen Zeit zu haben für eine Arbeit, ist für Floristinnen und Floristen viel, meint sie. Es erlaubt ihnen einen intensiven kreativen Prozess des Ausprobierens, was im Berufsalltag nur bedingt möglich ist.

Florale Interpretation von Mario Burkhard, Bern zum Werk von Max Matter, Höhensonne, 1971. Blumen für die Kunst 2024

Vor der Vernissage werden die fertigen oder halbfertigen floralen Kreationen durch die Konservierungsfachleute des Kunsthauses auf mögliche Schädlinge geprüft. Dann finden sie und die Meisterwerke zueinander für die definitive Ausgestaltung, Positionierung und Ausleuchtung. Eine erste Besichtigungsrunde findet statt, in der alle Gestalterinnen und Gestalter ihr Werk den anderen Teilnehmenden und den Kunsthistorikerinnen und Kunsthistorikern präsentieren. Dann folgt der grosse Moment der Vernissage. Während sechs Tagen bleiben die Pflanzen der floralen Bildinterpretationen frisch und werden unter grossem Besucherandrang bewundert.

Florale Interpretation von Regula Guhl, Zürich zum Werk von Caspar Wolf «Die Sprengi-Brücke oberhalb Göschenen, 1777. Blumen für die Kunst 2014

Wie gross die Herausforderung für die Kunsthistoriker anfänglich gewesen sein muss, belegt ein Zitat im Beitrag von Marianne Wyss. So gestand der Kurator an der ersten Vernissage: «Ich erwartete Teilnehmende in grünen Schürzen, die mit unterschiedlichen Sträussen die Bilder bespielen, es kamen aber Floristinnen und Floristen, vernehmlich in Schwarz gekleidet, die auf vielfältigste Weise, wie ich es nicht für möglich gehalten hatte, ihre Interpretationen ablieferten.»

Titelbild: Florale Interpretation von Otto Mattmann und Ursi Leisibach-Bucher, Hünenberg zum Werk von Paul Camenisch «Das Brautpaar (Oblomow und Oljga), 1928. Blumen für die Kunst 2017. Alle Bilder vom Aargauer Kunsthaus zur Verfügung gestellt.

Vom 5. bis 10. März 2024
«Blumen für die Kunst» im Aargauer Kunsthaus in Aarau. In Zusammenarbeit mit
FLOWERS TO ARTS

Publikation: «Blumen für die Kunst» mit zahlreichen Abbildungen und verschiedenen Essays, Hrsg. Aargauer Kunsthaus und FLOWERS TO ARTS, Verlag NZZ Libro, 2024. CHF 49.00 / 42.00 für Mitglieder Kunstverein

 

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