Als wortgewaltigen Schriftsteller kennen wir ihn, als Maler und Zeichner mit spitzer Feder und als kritischen Zeitgenossen – Dürrenmatt war auf vielen Bühnen präsent. Das Centre Dürrenmatt in Neuchâtel zeigt nun, dass er auch eine grosse Begeisterung für Fussball besass.
Auf der grosszügigen Terrasse vor Dürrenmatts erstem Wohnhaus steht ein beachtliches Fernrohr. Beeindruckend, aber nicht sehr erstaunlich, denn der Schriftsteller war auch an Naturwissenschaften interessiert, besonders an Astronomie. Texte und Bilder belegen das. Dieses Teleskop benutzte Dürrenmatt auch, wenn tief unter dem Vallon de l’Ermitage – wo sein Haus steht -, auf der Maladière Fussball gespielt wurde.
Wer auch nur ein wenig vom Schweizer Fussball weiss, kombiniert sofort: Dort spielte und spielt Xamax, der Neuenburger Club. Dürrenmatt war nicht nur Fan, er gehörte auch über zwanzig Jahre zu den Supportern, dem exklusiven Club des 200. Mit Vater und Sohn Facchinetti, damals schweizweit bekannte Clubbesitzer, war er bekannt, und dass Xamax in den Jahren 1985 und ’86 Schweizer Meister wurde, muss ihn besonders gefreut haben.
Friedrich Dürrenmatt, Blick auf den Neuenburger See, 1966, Gouache auf Karton, 51 × 72 cm, Sammlung Centre Dürrenmatt Neuchâtel © CDN / Schweizerische Eidgenossenschaft
Die Leidenschaft für Fussball besass Dürrenmatt schon als Kind. In und um Konolfingen spielte er mit gleichaltrigen Buben, allerdings notiert er: «Bald spielte ich mit den Buben von der Thun-, bald mit jenen der Bernstrasse oder von der Grunegg. Ich wurde ein Einzelgänger.» Daraus spricht eine Sehnsucht nach Zugehörigkeit, die ihm bewusst war und die er zu den Schwierigkeiten, erwachsen zu werden, zählt. Zumal er aus gesundheitlichen Gründen bald nicht mehr mitspielen konnte.
Ausstellungsansicht (Foto mp)
Als junger Schriftsteller hatte sich Dürrenmatt übrigens für den Grasshoppers Club interessiert, erfahren wir: Bei der Zürcher Aufführung von «Es steht geschrieben», seinem ersten Theaterstück, sei der aktuelle Spielstand das wichtigste Thema hinter der Bühne gewesen.
«Meine Freiheit als Künstler besteht darin, dass ich mit dieser Welt spielen kann.» Friedrich Dürrenmatt
Das Fussballspiel wird Dürrenmatt weiter anregen. Besonders fasziniert ihn die dramatische Komponente dieses Spiels: «Fussball ist wie Theater, ein Fussballspiel hat eine ganz besondere Dramaturgie», so zitiert Madeleine Betschart, Leiterin des Centre Dürrenmatt, den Autor, und fügt einen Gedanken hinzu: «Sieg ist wichtig, aber noch wichtiger ist der Wille, siegen zu wollen.» Ebenso zog ihn, der sich als Kind als Einzelgänger gefühlt hatte, wohl das Gemeinschaftsgefühl an, das bei einem Spiel wie Fussball eine ganz wichtige Rolle spielt.
Friedrich Dürrenmatt, Zeichnung aus der Serie «Der Meteor» 1966, Filzstift auf Papier collagiert, 29.3 × 20.7 cm, Sammlung Centre Dürrenmatt Neuchâtel © CDN / Schweizerische Eidgenossenschaft
In der klug zusammengestellten Ausstellung, wo neben Wissenswertem viel Hintersinniges zu finden ist, können die Besucherinnen und Besucher in einem gross an die Wand projizierten Video nachvollziehen, was Dürrenmatt sehen konnte, wenn er mit seinem Fernrohr ein Fussballspiel beobachtete. Der Betrachterin erscheint es schwierig, dem Verlauf zu folgen, denn der Ausschnitt scheint trotz allem ziemlich klein. Wie konnte der Schriftsteller dem Ball bei einem Weitschuss folgen?
Anlässlich des aktuell 25-jährigen Bestehens des Centre Dürrenmatt wählten die Verantwortlichen, neben Madeleine Betschart Co-Kuratorin Nadine Murgida und Co-Kurator Gabriel Grossert, ein Thema, das nicht nur in der Kunst- und Kulturszene gerade höchste Aktualität besitzt: den Fussball.
Friedrich Dürrenmatt, Fussballspieler 1977, Kugelschreiber auf Papier, 29.5 × 20.8 cm, Sammlung Centre Dürrenmatt Neuchâtel © CDN / Schweizerische Eidgenossenschaft
Wie auch früher schon werden Werke des «Hausherrn» Dürrenmatt ergänzt von Arbeiten zeitgenössischer Kunstschaffender, u.a. Pedro Lenz, Gianni Motti, This Lüscher und Johanna Cartier. Es sind eigenständige Werke, die Dürrenmatt nicht einfach kommentieren, sondern aktuelle Ansichten zum Thema schaffen. Der Humor, der für den Schriftsteller so charakteristisch ist, darf dabei durchaus vorkommen, etwas in Gianni Mottis Fotografien, wo sich dieser Künstler als 12. Spieler in ein Fussballspiel einschleicht. Auch der kitschig-kostbare Fussball Strasscore von Johanna Cartier lässt die Besucherin schmunzeln.
Friedrich Dürrenmatt: Die Welt der Atlasse. Gouache auf Karton 1976-78 (Foto mp)
Dürrenmatt selbst liess sich nicht nur vom Fussball inspirieren, sondern von der Kugel schlechthin, auch der Erdball gehört dazu. Viele Skizzen und Bilder zeugen von seiner Faszination für den sagenhaften Atlas und von der Lust, den Mythos ins Skurrile zu überhöhen.
Friedrich Dürrenmatt, Selbstportrait ohne Spiegel 1978, Tusche auf Papier, 26 × 21 cm, Sammlung Centre Dürrenmatt Neuchâtel © CDN / Schweizerische Eidgenossenschaft
Dürrenmatt war bekannt dafür, dass er gleichzeitig schrieb und zeichnete. Er arbeitete an einem übergrossen Schreibtisch, um beides umstandslos nebeneinander tun zu können. «Es gibt gewisse Dinge, die kann ich nur zeichnen, und es gibt gewisse Dinge, die kann ich nur schreiben. Aber man zeichnet und schreibt aus dem gleichen Hintergrund. Und der Hintergrund ist das Denken, ist das Denken über die Welt.» – Sei es ein Theaterstück oder sei es ein Fussballspiel.
Die Ausstellung «Friedrich Dürrenmatt – Fussball» ist bis 9. November 2025 geöffnet.
Alle Informationen, auch zu Veranstaltungen, finden Sie auf der Webseite des Centre Dürrenmatt in Neuchâtel.
Titelbild: Ein Replikat des Fernrohrs, das sonst in Dürrenmatts Arbeitszimmer steht, wurde auf der Terrasse platziert. (Foto mp)

