StartseiteMagazinKulturFaustischer Pakt mit Puppen in Afrika

Faustischer Pakt mit Puppen in Afrika

Wie koloniale Strukturen in Afrika fortwirken, thematisiert das Theaterstück «Faustus in Africa!» von William Kentridge & Handspring Puppet Company, das gegenwärtig am Zürcher TheaterSpektakel gespielt wird.  

«Faustus in Africa!» ist ein Theaterstück, das 1995 von dem südafrikanischen Künstler William Kentridge in Zusammenarbeit mit der Handspring Puppet Company entwickelt und zwischenzeitlich neu mit aktuellen Bezügen zur Politik und Ausbeutung in Südafrika und auf der Welt bearbeitet wurde. Es verbindet Schauspiel, Puppenspiel, Projektionen und Musik zu einer vielschichtigen Inszenierung, die den klassischen Faust-Stoff in die politische und kulturelle Realität des postkolonialen Afrikas überträgt. Das Stück wurde international gefeiert und gilt bis heute als Schlüsselwerk im Schaffen Kentridges und Handsprings.

Laufend veränderte Kohlezeichnungen

Gespielt wird «Faustus in Africa!» in einem Kontorraum von früher mit Schränken, Schreibtischen und Tresen, darüber eine Leinwand mit Kohlezeichnungen, die sich unablässig verändern, und eine Uhr, deren Zeiger den Zeitenlauf markieren. Gestartet wird im Dunkeln. Auf der Leinwand erscheinen Karten, tauchen Figuren und Landschaften auf, werden gelöscht, neu gezeichnet. Aus dieser bewegten Szenerie taucht Faustus hervor – ein Gelehrter aus Europa, müde von Wissen und getrieben von der Sehnsucht nach mehr. Er trifft auf seiner Safarireise auf Mephistopheles, der als groteske, zugleich witzige und unheimliche Figur auftritt – halb Puppe, halb Schauspieler, begleitet von ironischem Spiel.

Hier wird der Pakt geschlossen: Faustus verschreibt seine Seele dem Teufel, um im Gegenzug grenzenlose Macht und Wissen zu erlangen. Projektionen von Waffen, Karten und kolonialen Gebäuden begleiten diesen Moment. Eine Puppen-Musikergruppe untermalt den Augenblick mit einer Mischung aus europäischen Harmonien und afrikanischen Rhythmen, wodurch der Vertrag zugleich wie eine Beschwörung und wie eine Farce wirkt.

Karikaturen von Kolonialherren

Im nächsten Abschnitt verwandelt sich die Bühne in einen kolonialen Salon. Puppen treten auf, die Karikaturen von Kolonialherren darstellen: aufgeblasene Körper, groteske Bewegungen, steife Gesten. Sie sitzen an langen Tafeln, feiern, trinken, lachen. Faustus bewegt sich zwischen ihnen, wie Teil einer grotesken Revue. Das Spiel schwankt zwischen Humor und bitterem Kommentar – die Leichtigkeit der Szenen kippt ins Lächerliche, während zugleich die zerstörerische Absurdität kolonialer Herrschaft sichtbar wird.

Folgen des Kolonialimus in Afraka, vielschichtig mit Puppen inszeniert. Foto: Kim Gunning

Dann verschiebt sich der Raum erneut. Mit Projektionen von kargen Landschaften, Staub, Schatten wird die Bühne zu einer afrikanischen Weite. Hier tritt Helena von Troja auf, als Puppe, zerbrechlich und zugleich von mythischer Präsenz. Faustus begehrt sie, doch die Begegnung wirkt unwirklich, melancholisch, wie ein Traum, der sich im Moment seiner Erfüllung auflöst. Helena ist keine Frau aus Fleisch und Blut, sondern eine Projektion, eine Fata Morgana aus Holz und Sehnsucht – Sinnbild für unerreichbare Wünsche und Illusionen.

Die Szenen verdichten sich, das Tempo beschleunigt. Musik und Projektionen geraten ins Chaos. Puppen taumeln, Menschen und Schatten überlagern sich. Faustus wirkt zunehmend zerbrochen, sein Körper verliert an Kraft, seine Figur löst sich auf. Mephistopheles dagegen wirkt immer präsenter, spöttisch und siegreich, eine Verkörperung der unausweichlichen Verdammnis.

Zum Schluss ein Bild des Zerfalls

Das Finale ist kein klarer Schluss, sondern ein Bild des Zerfalls. Puppen liegen erschöpft und reglos auf der Bühne, als wären sie von ihren eigenen Spielern verlassen. Die Projektionen verflimmern, Zeichnungen zerbröckeln zu Staub, bis nur noch dunkle Spuren bleiben. Faustus steht verlassen im Raum, eine Silhouette im Halbdunkel, mehr Schatten als Körper. Statt eines heroischen Untergangs bleibt ein Fragment.

Geboten wird ein komplexes Bühnenerlebnis, das vom Publikum höchste Aufmerksamkeit erfordert. Im Zentrum der Inszenierung stehen die roh gearbeiteten Puppen aus Holz, die in ihrem Zusammenspiel mit den Schauspielerinnen und Schauspielern eine besondere Spannung entstehen lassen. Mensch und Puppe erscheinen gleichwertig, manchmal als Spiegelungen, manchmal als Gegensätze. Am Ende des szenischen Mosaiks über Kolonialismus und kulturelle Machtspiele bleibt ein fragmentierter Bühnenraum zurück, der mehr Fragen aufwirft, als Antworten liefert (gespielt wird das Stück bis Samstag, 30. August in der Werft, Billette sind noch an der Abendkasse erhältlich).

Mehr unter Theaterspektakel Zürich

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