Christian Sigrists Miniaturen zeigen, wie und mit welchen Gerätschaften Sennen, Bauern und Handwerker einst gearbeitet haben. Sein Werk ist in Sachseln zu sehen.
Es müssen nicht immer 100. Geburtstage sein, ein 40. Jubiläum wird dieses Jahr in Sachseln, Kanton Obwalden gefeiert: 1985 konnte die Sammlung Christian Sigrist noch zu Lebzeiten des Schöpfers in die barocke Scheune gleich neben der Villa, heute das Bruderklausmuseum, einziehen. Statt eines Festakts für wenige, werden in diesem Jubeljahr alle, die Sigrists Sammlung besuchen, mit einem Gratiseintritt beschert.
Blick in die Ausstellung: Kleine Scheune in grosser Scheune
Christian Sigrist (1906-1987) ist mit seinen holzgeschnitzten Miniaturen aus dem bäuerlichen Alltag vor der Mechanisierung berühmt geworden. Diese filigranen Modelle sind erst in seinem zweiten Leben entstanden. Schon in der Jugend war er ein Tüftler und kreativer Konstrukteur von Maschinen, die es in seiner Umgebung nicht ohne weiteres gab. Als 16jähriger baute er für seinen kleinen Bruder ein Velo aus Holz und Metall, später setzte er einen Windgenerator auf ein Hausdach, der so lange funktionierte, bis der Sturm das Leichtbau-Windrad zerstörte. 1933 entwickelte er einen Motorschlitten für Transporte über den Gletscher beim Bau der Hollandia-Hütte. Er war flexibel und am Fortschritt interessiert, der mit den zwei grossen Kriegen und der schwierigen Zeit dazwischen Anpassungsfähigkeit forderte.
Mehr als einmal hat Christian Sigrist beim Klausenpassrennen mitgemacht. Foto: Familienarchiv
Der technikaffine Lastwagenchauffeur – sein Auto war eins der ersten im Tal – liebte auch sein schweres Motorrad. Beruflich betrieb er eine Schlosserwerkstatt mit mehreren Angestellten und ein Transportunternehmen. Er beförderte Touristen und Älpler, Vieh, Geräte oder Esswaren mit seinem umgebauten Ford, der Älggi-Post, auf abenteuerlichen Wegen vom Berg ins Tal und zurück. Bis er einen Autounfall hatte.
Alpsennerei: So haben der Senn und sein Personal Käse und Butter hergestellt.
Seine zweite Karriere als Kunsthandwerker begann während der Wartezeiten auf der Älggialp. Zunächst schnitzte er Spielzeug für die Kinder, auch für seinen Sohn Kurt, oder Geräte, die gerade gebraucht wurden wie Holzlöffel und Pfannenuntersätze, so genannte Chessler, sowie weitere Utensilien für Haus und Hof, aber nach dem Unfall stellte er umfassend und detailgenau die Welt der Bauern, Älpler und Handwerker dar, die am Aussterben war. Alphütte, Viehtrieb, Bauernhof mit Stube, wo nebst dem Tisch am Fenster auch der Webstuhl stand, hat Sigrist nebst vielen weiteren Szenen geschaffen. Letztlich ist er ein Chronist mit dem Schnitzwerkzeug geworden.
Christian Sigrist inmitten seiner Modelle. Foto: Familienarchiv
Erstmals zeigen konnte Sigrist seine Arbeit bei einer Hobbyausstellung 1973 in Sachseln. Dafür hatte er eine Alpsennerei geschaffen. Das Interesse war gross, er machte weiter. Die szenischen Modelle aus dem Alltag im Bergdorf fanden auch Historiker und Ethnologen als exakte Kopien einer verschwundenen Wirklichkeit sehr informativ und für die Forschung wichtig. So reihte ihn der damalige Konservator am Landesmuseum, Walter Trachsler, bei den Gerätehistorikern ein.
So wurde Korn gedroschen; heute schneidet und drischt ein einziger Mann ganze Felder mit dem Mähdrescher.
Nach dem «Gesellenstück» Alpsennerei stellte sich die Frage, woher kommen die Gegenstände, die es zum Käsen oder Buttern braucht. Wer stellt das Kupferchessi her, wer die Käsepresse, welche Handwerker sind beim Bau der Sennhütte beteiligt undsoweiter. So ist eine Miniatur nach der anderen entstanden, denn fürs Chessi brauchte es den Kupferschmied, für die Käsepresse den Schreiner, für das Butterfass den Küfer und für den Strickbau aus Holz den Zimmermann.
Regelmässig kamen Fahrende auf den Hof und flickten Töpfe, Kessel und Körbe.
Als die Modelle in den 80er Jahren regelmässig zu Ausstellungen ins Ausland reisten und Sammler und Museen einzelne Objekte kaufen wollten, schlossen sich etliche junge Sachsler zusammen, darunter Sohn Kurt Sigrist, der heute als Künstler riesige Objekte in die Landschaft stellt, um das einzigartige Werk im Ganzen zu erhalten. Das Museum Sammlung Christian Sigrist konnte am 11. Mai 1985 eröffnet werden.
Einladung zum Parcours für Kinder
Die Ausstellung umfasst 28 Modelle aus dem bäuerlichen und gewerblichen Alltag einer vergangenen Epoche. Nach wie vor begeistert sie jung und alt. Ältere Besucherinnen und Besucher können sich an das eine oder andere Handwerk erinnern, für andere sind es Szenen, die ihnen ähnlich aus Entwicklungsländern bekannt sind, oder vielleicht besitzen einige eine alte Mistgabel oder eine Gebse als Dekorationsstück.
Mit den Werkzeugen und Materialien sind auch die alten Begriffe verschwunden. Jetzt ist jedes Teilchen, Werkzeuglein, Gerätchen in obwaldnerisch und deutsch auf einer Skizze neben dem Modell benannt, wissenschaftlich abgesichert. Also alles andere als Puppenstuben, auch wenn Kinder jeden Alters ihre Freude an den Männchen haben, welche die Szenen beleben und dabei darstellen, wie diese Tätigkeiten ausgeübt wurden.
Aussenansicht des Museums mit der Miniaturen-Sammlung. Foto: Joachim Kohler
Im sorgfältig gestalteten Bildband, der vor Ort, aber auch über die Homepage erworben werden kann, sind zusätzlich zwei grössere Auftragsarbeiten abgebildet, die Christian Sigrist für einen Messerhersteller in Frankreich und eine Brauerei in Luzern geschaffen hat. Und es gibt in den Texten einen Hinweis auf die nächste Szene, die Sigrist noch kurz vor seinem Tod in Arbeit hatte: die Wildbach-Verbauung. So ist die Ausstellung ein vollendetes Fragment.
Titelbild: Der Plunderwagen beschliesst den Alpaufzug
Fotos: Adrian Michael
Hier finden Sie Informationen für den Besuch
Publikation: Die Miniaturmodelle von Christian Sigrist. mit zahlreichen Abbildungen und Texten. Hg. vom Verein Sammlung Christian Sigrist, Sachseln. Von Ah Druck AG, 2020. ISBN 978-3-9524104-8-6


Schön, dass es diese wunderschöne Sammlung eines handwerklich Begabten gibt. Irgendeinmal werde ich das Museum bestimmt besuchen. Danke auch an die Schreiberin, die uns davon berichtet hat.