StartseiteMagazinKolumnenAuf der Flucht nach Innen

Auf der Flucht nach Innen

Seit einige Jahren versuche ich mich in geistigen Räumen aufzuhalten. Ich lese immer auch philosophische Werke, habe sogar das Magazin «philosophie» abonniert. Die neue Nummer 06/2025 behandelt das Thema «Muss ich da mitmachen». Es bezieht sich vor allem auf die künstliche Intelligenz. Manchmal denke ich, ich könnte eigentlich meine Kolumnen der sprachlichen Korrektur von KI unterziehen. Aber ich gehöre zur alten Schule. Ich lasse den Text lieber von jemandem gegenlesen. Das bietet mir die Chance einem Menschen von Fleisch und Blut zu begegnen. Eine Philosophie, die der Körper nicht einbezieht, ist dumm und das Echo mechanistisch.

Das Magazin widmet sich immer einem Philosophen. Diesmal überraschte es mich mit dem Franzosen Emmanuel Lévinas, der darüber nachdenkt, was der «Andere» in einem Menschen bewirkt. Einem Menschen begegnen heisse, von einem Rätsel festgehalten werden. Das klingt doch wunderbar. Zugleich weiss jeder, dass er sich selbst ein Rätsel ist. Was aber sind die Rätsel in der heutigen Welt der Sozialen Medien, wo alles auf den Tisch der Öffentlichkeit gezerrt wird? Da möchte ich lieber flüchten und an einem Ort ankommen, wo das Schweigen herrscht. Wie aber erreiche ich diesen Ort?

Wer sich ein Leben lang mit Politik beschäftigt hatte, kann auch an einem solchen Ort nicht einfach wegschauen. Da treten Köpfe auf, die man eigentlich schon lange satt hat, aber sie sind da und schaffen nicht nur Lärm, sondern auch massive Gefahren. Sie stiften Unordnung, und die Welt gerät durcheinander. Nein, ich denke nicht nur an den amerikanischen Präsidenten. Dass er beständig seine Meinung ändert, ist nicht das, was ich das Rätsel nenne. Er ist mir zwar- wenn schon – lieber als Putin, aber auch der ist schon lange kein Rätsel mehr. Er ist wie andere gleichgestrickten Autokraten auch. Sie repräsentieren, was schon Jakob Burchardt, der gross Basler Historiker, das Böse nannte.

Es gelingt wohl kaum einem Menschen, sich nicht mit dem zu beschäftigen, was in der Welt vor sich geht. Das bestätigte sogar der Schriftsteller Martin Suter, der auf eine Frage, wie er sich orientiere, sagte, er konsumiere keine Medien. Wenn er an einer Bar hocke und einen Prosecco trinke, vernehme er, was los sei.

Ich habe immer gedacht, wenn ich mich viel mit Philosophie beschäftige, könne ich mich auf meine innere Insel zurückziehen. Natürlich war mir nicht vergönnt gewesen, Buddhist zu werden und nach dem Nirwana zu streben. Ich eignete mich auch nicht für einen christlichen Säulenheiligen. Nun stelle ich fest, dass auch Philosophie ein schwacher Trost ist. Einmal war ich zwar verblüfft, wie ich ein Wort Schopenhauer las: «Die Gegenwart allein ist wahr und wirklich: sie ist real erfüllte Zeit, und in ihr liegt unser Dasein. Daher sollen wir sie stets einer heiteren Aufnahme würdigen.»

Ich glaubte und hoffte im hohen Alter immer mehr, in der real erfüllten Zeit leben zu können. Nun merke ich, dass ich nichts tun kann, was ich nicht schon immer getan habe. So nehme ich Anteil an dem, was vor meiner Türe geschieht und sich bis nach China ausspannt. Ich trat, bevor ich diesen Text zu schreiben begann, an mein Büchergestell und kramte, wie man es in Verlegenheit mit den Dingen oft macht, das erste beste Buch aus der Reihe. Es war ein Werk von Ortega y Gasset, des spanischen Philosophen: «Triumph des Augenblicks. Glanz der Dauer». Die erste Erzählung im Buch heisst: «Ästhetik in der Strassenbahn». Ich fahre viel mit Bus und Bahn. Ich will erforschen, was der Philosoph meint und ob ich Ästhetisches entdecke.

Spenden

Wenn Ihnen dieser Artikel gefallen hat, Sie zum Denken angeregt, gar herausgefordert hat, sind wir um Ihre Unterstützung sehr dankbar. Unsere Mitarbeiter:innen sind alle ehrenamtlich tätig.
Mit Ihrem Beitrag ermöglichen Sie uns, die Website laufend zu optimieren, Sie auf dem neusten Stand zu halten. Seniorweb dankt Ihnen herzlich.

IBAN CH15 0483 5099 1604 4100 0

Kommentieren Sie den Artikel

Bitte geben Sie Ihren Kommentar ein!
Bitte geben Sie hier Ihren Namen ein

Newsletter & Mitgliedschaft

Lernen Sie uns über den kostenlosen Newsletter kennen und werden Sie Mitglied von Seniorweb.

Beliebte Artikel

Mitgliedschaften für Leser:innen

  • 20% Ermässigung auf Kurse im Lernzentrum und Online-Kurse
  • Reduzierter Preis beim Kauf einer Limmex Notfall-Uhr
  • Vorzugspreis für einen «Freedreams-Hotelgutschein»
  • Zugang zu Projekten über unsere Partner
  • Massgeschneiderte Partnerangebote
  • Buchung von Ferien im Baudenkmal, Rabatt von CHF 50 .-