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Reise in die Steinzeit

Im Untergrund Frankreichs verbergen sich erstaunliche Universen aus der Vorzeit. Eine Reise zu den Höhlen von Lascaux und zu weniger bekannten Grotten und Abris von Bordeaux bis Périgord bringt faszinierende Bilder ans Licht.

Eine Zeitreise zurück in die Steinzeit mit dem Kulturanthropologen Kurt Derungs von der Akademie der Landschaft ist immer ein Abenteuer. Statt in den Schwarzwald – Seniorweb hat darüber berichtet – ging es diesmal zu Steinzeithöhlen und Abris (Felsüberhänge) in Südwestfrankreich. Lascaux ist am bekanntesten. Von den rund 150 urzeitlichen Anlagen in Frankreich besuchten wir elf, überdies eine Megalith Steinanlage und mehrere Museen.

«La Pierre Folle», Megalith-Anlage, 4500 v. Chr. nördlich von Montguyon

Fels von Solutré-Poully

Zum Auftakt besuchten wir in der Nähe von Mâcon den prägnanten Felsen von Solutré-Poully und das dazugehörige prähistorische Museum. Vor 20’000 Jahren lebten hier nomadische Jäger und Sammler. Seit dem 19. Jahrhundert werden sie archäologisch erforscht. Neben Werkzeugen aus behauenem Silex (Feuerstein), findet man am Fuss des Felsens eine Unmenge von Tierknochen, besonders von Pferden. Das brachte die frühen Archäologen zur Annahme, die Steinzeitjäger hätten die Pferde über die Felsklippen in den Tod getrieben. Doch heute weiss man, dass die Tiere durch die engen Täler der Umgebung gejagt wurden, um sie am Fuss des Solutré-Felsens zu erlegen. Die Urpferde waren viel kleiner als heute.

Felsklippe von Solutré-Poully umgeben von Rebbergen

«Venus von Laussel» im Prähistorischen Museum in Bordeaux

Bordeaux beherbergt im Musée d’Aquitaine Fundstücke aus der ganzen Region. Am bekanntesten ist die Venus von Laussel. Ein Kalksteinrelief, das neben weiteren Reliefs mit weiblichen Figuren auf der Wand eines Abris 1911 gefunden und herausgebrochen wurde.

«Venus von Laussel»

Die 42 Zentimeter hohe Figur der Venus von Laussel ist an die 25’000 Jahre alt und war ursprünglich mit rotem Ocker bemalt, wie Spuren zeigen. In der rechten Hand hält sie ein Horn mit dreizehn Einkerbungen, die vermutlich auf die Mondphasen oder auf die Anzahl der weiblichen Zyklen im Jahr hinweisen. Der gesichtslose Kopf dreht sich nach rechts, die Haare fallen auf die linke Seite. Die linke Hand liegt über dem Bauchnabel und auf der rechten Hüfte ist ein Y-förmiges Zeichen erkennbar. Dieses und andere geometrische Zeichen erscheinen auf vielen prähistorischen Wandbildern, die bis heute nicht gedeutet werden können.

Pair-non-Pair in Prignac-et-Marcamps

Die erste Höhle, die wir besuchten, war Pair-non-Pair. Vor dem Eingang dieser kleinen fünfzehn Meter tiefen Kalksteinhöhle warnte uns die Führerin eindringlich, sie würde die Führung sofort abbrechen, wenn jemand aus der Gruppe die urzeitlichen Wände berühren sollte. Die Wände sind extrem empfindlich, deshalb sind viele Höhlen nicht öffentlich zugänglich, zudem ist Fotografieren meistens verboten.

Eingang zur Höhle Pair-non-Pair

Auf den Wänden von Pair-non-Pair sahen wir anfänglich nur ein Wirrwarr von Linien. Mit einer kleinen Leuchte folgte die Führerin einzelnen Linien und vor unseren Augen lebten Tierfiguren auf: Pferde, Mammuts, Bisons, Hirsche, besonders viele Steinböcke, auch ein prähistorischer Megaloceros, ein heute ausgestorbener Riesenhirsch. Spuren von rotem Ocker sind auch hier erkennbar. Zudem überlagern sich viele Gravuren aus der Zeit zwischen 35’000 bis 28’000 v. Chr.

Lascaux

Museumsgebäude von Lascaux IV

Lascaux gehörte zum Höhepunkt unserer Reise. Die 1940 entdeckte Höhle in der Dordogne ist seit 1963 geschlossen. Dafür bietet das 2016 modern ausgestattete Museum Lascaux IV eine perfekte Replik der Höhle mit den rund 2000 Wandbildern. Das verzweigte Gangsystem ist 250 Meter lang mit einem Höhenunterschied von 30 Metern. Datiert werden die Malereien zwischen 36’000 und 19’000 v. Chr. Im anschliessenden hellen Studienraum konnten wir die reproduzierten Bilder in Ruhe betrachten, fotografieren und mit Virtual-Reality studieren. 

Wildpferde gehören in Lascaux zu den am häufigsten darstellten Tieren. Ein grosser Stier wurde in späterer Zeit mit Pferdedarstellungen übermalt. (Bild rechts).

Es war faszinierend, in Lascaux IV durch die zum Teil engen, spärlich beleuchteten Gänge zu gehen, die sich stellenweise zu weiten Sälen öffnen. Farbige Malereien und Ritzzeichnungen sind nicht nur an den Wänden, sondern auch an der Decke sichtbar: Pferde, Rinder, Hirsche, Auerochsen, Steinböcke, Mammut, ein Bär, sogar ein Licorne – ein Einhorn, allerdings mit zwei Hörnern. Einer der Stiere misst über fünf Meter. Dazwischen erscheinen geometrische Zeichen, zudem ein Mensch mit Vogelmaske, der als «verwundeter Jäger» bezeichnet wird. Vermutlich handelt es sich um einen Schamanen in Trance.

Lascaux. Liegender Mann mit Vogelmaske, daneben ein Vogel und ein Bison.

Grotte Font-de-Gaume in Les Eyzies

Die Replik der Höhle von Lascaux ist eindrücklich. Doch ersetzt sie keine natürliche Höhle mit Bildern auf Kalksteinwänden, wo es dunkel und kühl ist und die Natur mitschwingt, wie etwa die kleinere Grotte Font-de-Gaume mit über 200 ebenso fantastischen Tierdarstellungen. Schon der Aufstieg im Wald über zahlreiche Steinstufen war eine stimmige Vorbereitung, um in diese alte Welt einzutauchen.

Mehrfarbiger Bison, Wandmalerei in der Höhle Font-de-Gaume. Foto: Wikimedia Commons

Um in den dunklen, oft engen Steinzeithöhlen zu malen, brauchte es Licht. Dafür behalfen sich die Menschen mit Fettlampen: Flache Steinschalen, gefüllt mit Tierfett und mit einem Docht aus Wachholder oder anderen Pflanzenfasern, die nicht wie Holzfackeln einen gefährlichen schwarzen Rauch entwickeln. Das Licht dieser Lampen ist schwach und flackert, was die Gestalten an den Wänden wie in Bewegung erscheinen lässt.

Tropfsteinhöhle von Cougnac: mächtige säulenartige Stalagmiten und an der Decke feine helle Stalaktiten.

Zwei Tropfsteinhöhlen in Cougnac bei Gourdon

Die beiden Höhlen von Cougnac führten uns in eine Zauberwelt. Vor allem die Tropfsteinhöhle ohne Bilder, die bis zu ihrer Entdeckung 1949 nie von Menschen betreten wurde. Auf dem Boden türmen sich Stalagmiten in die Höhe und von der Decke hängen dicht nebeneinander feingewachsene Stalaktiten wie leuchtende Kristalle herunter. In der zweiten trockenen Höhle haben die Menschen schon vor 30’000 Jahren, um tiefer vordringen zu können, die Stalagmiten stellenweise abgeschlagen. Inzwischen sind diese etwas dünner nachgewachsen. Hier faszinieren wiederum Wandmalereien mit Tieren und abstrakten Zeichen.

Pech Merle in der Nähe von Cahors

Gepunktete Pferdedarstellungen und Handabdrücke in der Höhle von Pech Merle. Foto: Wikimedia Commons

Zum Abschluss besuchten wir die Tropfsteinhöhle von Pech Merle. Auf den Wandbildern fallen besonders die gepunkteten Pferde auf – die es neuen Untersuchungen zufolge damals tatsächlich gegeben haben soll – sowie an der Decke acht gemalte Silhouetten von Frauen neben stilisierten Wisenten, sogenannte Wisent-Frauen. Die ältesten Bilder lassen sich auf 29’000 v. Chr. datieren.

Handabdruck und Punkte auf den Wänden von Pech Merle

In Pech Merle sieht man zahlreiche Handabdrücke und Punkte, hergestellt aus rotem oder schwarzem Farbpulver, das durch ein Rohr über die Hand geblasen wurde, in einer Art prähistorischer Airbrush-Technik. Untersuchungen zeigen, dass die Mehrheit der Hände nicht von Männern, sondern von Frauen, Kindern und Jugendlichen stammen.

In einem anderen, einst kaum zugänglichen Teil dieser Höhle sind im gehärteten Lehmboden 12’000 Jahre alte Fussabdrücke eines Kindes erhalten, das durch eine enge Felsspalte durchschlüpfen konnte. Auch Kratzspuren von Höhlenbären sind erkennbar.

Höhlen als sakrale Räume

Die Menschen in der Steinzeit suchten während Jahrtausenden immer wieder dieselben kunstvoll gestalteten Höhlen auf und hinterliessen Spuren mit neuen Zeichnungen und Übermalungen. Die Bilder sind so meisterhaft gestaltet, – die Tiere in der Bewegung lebendig erfasst, perspektivisch korrekt dargestellt, die Körper den unebenen Wänden entlang plastisch geformt – dass wohl nur gut ausgebildete Künstler und Künstlerinnen sie geschaffen haben konnten.

Diese Höhlen waren spirituelle Orte, die von Gruppen über Jahrtausende hinweg regelmässig besucht wurden, vielleicht wie Kirchen. Es gab keine «Höhlenbewohner». Die Menschen waren Nomaden und verbrachten ihren Alltag draussen, stellten Zelte aus Tierhäuten oder Fellen auf, suchten Schutz unter Felsvorsprüngen. Funde von Silexwerkzeugen und Artefakte belegen, dass sie sich vor Höhleneingängen aufhielten und hier auch handwerklich tätig waren. Im Winter waren die Höhlen jedoch stets von wilden Tieren – Hyänen, Bären oder Löwen – besetzt.

Nachgebildeter steinzeitlicher Lagerplatz im Schutz des überhängenden Felsens von «Abris Laugerie-Basse».

Die Menschen waren in der Steinzeit mit rund 1.85 Meter grösser, als wir uns das heute vorstellen. Sie waren eng verbunden mit den Tieren und folgten ihren Wanderungen, beobachteten und jagten sie, denn ohne das Fleisch hätten sie nicht überlebt. Gleichzeitig mussten sie vor ihnen auf der Hut sein. Ihre genaue Beobachtung und ihr Wissen spiegeln sich auf den Wandbildern wider. Tiere standen an erster Stelle, Pflanzen oder Landschaften sucht man hier vergeblich.

Fotos: rv

Akademie der Landschaft: Studien- und Kulturreisen

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