2026 feiern Trachtenvereine in Sissach und anderswo ihr 100jähriges Bestehen. Anno dazumal bekundeten sie ihre heimatliche Verbundenheit und kritisierten den Wandel zur mechanischen Gesellschaft. Wie heute? Wenn Geld und Macht regieren, erodieren soziale Sicherheiten. Unzählige Menschen sind auf der Flucht oder suchen sonst neuen Halt: persönlich und gesellschaftlich.
Mit Heimat für alle plädiere ich dafür, allen Menschen zu ermöglichen, sich zugehörig zu fühlen: jungen, alten, migrierten, queren. Alle sollen am zivilen Miteinander teilhaben können, ohne andere auszugrenzen oder sich über sie zu erheben. Heimat ist eine soziale Geborgenheit, keine exklusive.
Ideologisch verkam Heimat auch völkisch. Die einen lehnen den Begriff deshalb ab. Andere öffnen ihn für eine Zugehörigkeit, die Zweifel zulässt. Und so tauschen wir uns 2026 an elf von mir moderierten Gesprächen darüber aus, wie sich Heimat für alle möglichst authentisch und demokratisch gestalten lässt.
Am Donnerstag, 29. Januar 2026 leitet der Sissacher Gemeinderat und Seniorweb-Autor Robert Bösiger ins Thema ein. Zusammen mit dem Unternehmer Guido Fluri, der sich für ehemalige Verdingkinder engagiert. Dabei interessiert auch, wie die beiden den Wandel von der Tradition zur Moderne wahrnehmen.
Bösiger hat sein Leben mehrheitlich in Sissach verbracht. «Sissach ist meine Heimat», erklärt er. Dazu gehöre das Zusammensein mit seinen Lieben und Befreundeten. Beheimatet fühle er sich aber auch im Baselbiet, in der Schweiz und im Emmentaler Trub. Dorthin zog er sich zurück, um ein Buch über die Jodlerin, Musikerin und Schauspielerin Christine Lauterburg zu schreiben.
In Sissach werde Heimat gepflegt, nimmt der langjährige Gemeinderat wahr. Doch Traditionen benötigten auch Institutionen. Wie etwa die Bürgergemeinde, das Heimatmuseum, die Kulturkommission oder Freiwillige, die Bräuche pflegten. Zudem sorge die bald 150jährige Lokalzeitung Volksstimme mit dafür, dass Heimat lebendig bleibe.
Den Banntag kennt Bösiger von klein auf. Die Trachtengruppe und andere kulturelle Einrichtungen lernte er später schätzen. Alphorn spielt er erst seit drei Jahren. Und für die Zukunft wünscht sich der Publizist einen ehrlichen Umgang mit Heimat, keinen Geld getriebenen. Wichtig ist ihm, «dass alle, die Sissach als ihre Heimat bezeichnen, hier auch etwas dafür tun». Es genüge nicht, am Goldhügel zu wohnen, Steuern zu zahlen und sich nur mit dem Auto im Dorf zu zeigen, ohne je an eine Gemeindeversammlung zu kommen.
Guido Fluri setzt sich, einst selbst fremd platziert, für ehemalige Verdingkinder ein. Für ihn ist «Heimat kein Punkt auf der Landkarte», sondern «ein Ort der Geborgenheit, wo wir unser Leben gestalten können». Statt Geburtsstätten seien Menschen entscheidend, «die da sind und einen tragen können». Wer in schwierigen Verhältnissen aufwachse, merke bald, «wie wichtig so eine Heimat ist».
Heimat wird laut Fluri «oft nostalgisch oder rein konservierend verstanden». Das Bewahren von Orten, Bräuchen oder Grenzen greife jedoch zu kurz. Das Pflegen von Heimat müsse vielmehr den Menschen dienen, ihnen Sicherheit vermitteln und alle darin bestärken, ein gutes Leben zu führen.
Unsere Moderne erfordere einen offenen Heimatbegriff, der niemanden ausschliesse. Heimat entstehe, wenn Kinder ohne Gewalt aufwachsen könnten. Das festige das Rückgrat fürs ganze Leben. Heimat sei, über Vergangenheit hinaus, «Beziehung und Verantwortung». Wer Heimat erlebe, könne sie auch weitergeben – «besonders an jene, denen sie genommen wurde».
Soweit Fluri und Bösiger. Ich freue mich auf spannende Debatten. Interessierte sind willkommen. Auch am Sonntag, 3. Mai 2026, wenn der Sissacher Trachtenverein um 10 Uhr in der Reformierten Dorfkirche und um 11 Uhr in der Schulhaus-Turnhalle nebenan sein Jubiläum feiert.
Titelbild: Porträt Ueli Mäder © Foto Christian Jaeggi
Die Gespräche zur „Heimat über Tradition und Moderne hinaus“ finden jeweils am letzten Donnerstag im Monat von 19.30-21.00 im Kultur-Bistro Cheesmeyer, Sissach statt.
