Dem Zürcher Konkreten Richard Paul Lohse (1902-1988) ist eine spannende und wunderschöne Ausstellung im Haus Konstruktiv gewidmet. Konstruktionszeichnungen und Entwürfe machen sichtbar, wie Lohse seine nicht-hierarchischen Bilder konstruierte.
Die Ausstellung ist in Zusammenarbeit mit dem MASI in Lugano konzipiert worden und soll später in zwei deutschen Museen gezeigt werden. Lohses Malerei ist wieder hochaktuell und findet bei jüngeren Kunstinteressierten viel Interesse und Zustimmung, war bei der Vernissage zu hören.Auch die jungen Mitarbeitenden im Haus Konstruktiv, dabei sind auch Kunstschaffende, seien faziniert. Lohses systematische Malerei hat Entwicklungen vorweggenommen, konzeptuelle Kunst, Minimal Art, Farbfeldmalerei beispielsweise, und sie passt in die digitale Gegenwart. Auch das ist in der Ausstellung nachzuvollziehen.
Kuratorin Evelyne Bucher vor einem der drei Sechs-Meter-Bilder, die Lohse für die Documenta 7 gemalt hat.
Richard Paul Lohse, der mit Max Bill, Camille Graeser und Verena Loewensberg zur Gruppe der Zürcher Konkreten zählt, hatte schon vor Jahrzehnten Begeisterung bei der politisierten 68er Jugend ausgelöst. Einerseits mit seiner Malerei, andererseits aber auch als überzeugter und lebenslang engagierter Antifaschist, dessen Bilder seine Vorstellung von einer demokratischen Gesellschaft der Chancengleichen spiegelten.
Ausstellungsansicht im Haus Konstruktiv, 2026
Lohse war Autodidakt, stammte aus ärmlichen Verhältnissen und musste sich nach dem frühen Tod seines Vaters mit Gelegenheitsjobs über Wasser halten. Praktisch bis zur Pensionierung übte er seinen Beruf als Werbegrafiker aus, zunächst angestellt im Reklameatelier Max Dalang AG, wo er die Lehre als Reklamezeichner gemacht hatte, später selbständig.
Vertikal Rhythmus, 1942. Richard Paul Lohse Stiftung. Foto: Stefan Altenburger © Richard Paul Lohse-Stiftung, 2026, ProLitteris, Zürich
Er beginnt figurativ, später auch kubistisch zu malen, sein Interesse gilt jedoch bald den russischen Konstruktivisten und dem Bauhaus, sowie der Gruppe De Stijl um Piet Mondrian. In den frühen 30er Jahren kommt er mit Künstlern wie Paul Klee, Sophie Taeuber-Arp und Hans Arp, Georges Vantongerloo oder Le Corbusier in Kontakt.
Blick in die Ausstellung mit Kuratorin Evelyne Bucher: Zunächst versuchte sich Lohse mit Körpern im Raum, später suchte er die Vertikale und Horizontale.
Sein Ziel ist es, eine rationale, universell lesbare Kunst zu erfinden, die auf der Konstruktion von Modulen und Serien fusst. Während die Malerei in grossen bis riesigen Formaten in ihrer Farbigkeit ästhetisch erfreut, erschliesst sich deren Konzept in Skizzen und Entwürfen mit Blei- und Farbstift auf Papier. Das ist Lohses Spruch über einer der Vitrinen mit Konstruktionsskizzen: „Meine Bilder kann man durchs Telefon geben.“ Die Konstruktionszeichnungen sind keine Vorstufen, sondern Bestandteil der Gemälde, die Titel Leseanleitungen; einige Entwürfe hat er erst Jahre später exakt auf die Leinwand übertragen.
Ausstellungsansicht mit vier quadratischen Bildern im Haus Konstruktiv © Richard Paul Lohse-Stiftung, 2026, ProLitteris, Zürich
Die Ausstellung im Haus Konstruktiv zeigt Werke von 1942 an, in denen geometrische Figuren auf einem Hintergrund frei schweben, und erste orthogonale Abstraktionen, die zu der späteren horizontal-vertikalen Gliederung von Farbfeldern führen. Die unermüdliche Suche nach der nicht-hierarchischen Kunst führt zum Quadrat als Einheit der auf Zahlensystemen aufgebauten Farbreihen.
Eins der drei Gemälde für die Documenta 7: Serielles Reihenthema in achtzehn Farben Variation A 1981/82. Kunsthaus Zürich. Leihgabe der Richard Paul Lohse-Stiftung. © ProLitteris, Zürich
Ebenso engagiert wie in der Kunst hat Lohse sich gegen den Faschismus eingesetzt. Zusammen mit seiner ersten Ehefrau Irmgard Burchard lebt er im Zett-Haus, das Treffpunkt von Emigranten und politisch aktiven Kreativen wird. 1937 gründet er mit Leo Leuppi die Allianz und seine Frau, die Künstlerin und Galeristin Irmgard Burchard unterstützt er für die Londoner Ausstellung Twentieth Century German Art von 1938, einer Gegenausstellung zu der von den Nazi gezeigten Entarteten Kunst. Mit seiner zweiten Frau Ida Alis Dürner bringt er ab 1942 auch gefälschte Pässe nach Frankreich, Deutschland und Italien, Hilfe für den antifaschistischen Untergrund.
Blick in eine Vitrine mit Skizzen und Zahlenreihen.
Als gut informierter Theoretiker schreibt Lohse über Architektur, Grafik und Kunst, beeinflusst eine ganze Generation und wird immer wieder in Juries gewählt. So ästhetisch seine Bilder wirken, so überzeugt ist er, die demokratische Kunst gefunden zu haben. Bei einer Ausstellung der politisch aktiven Produzentengalerie Produga in den 70er Jahren hat Lohse seine Idee einer universal-anti-hierarchischen Kunstsprache für alle einem Schriftsteller erläutert. Der Farbenblinde, der zwar dank Zahlen und Diagrammen Lohses Entwürfe lesen konnte, aber die Bilder nicht, brachte ihn mit dem Zitat von Rosa Luxemburg, „Freiheit ist immer Freiheit der Andersdenkenden“, völlig aus dem Konzept.
Fünfzehn systematische Farbreihen mit zentraler vertikaler und horizontaler Verdichtung nach unten, 1943-1968. Foto: Stefan Altenburger © Richard Paul Lohse-Stiftung / 2025, ProLitteris, Zürich
International bekannt wird Lohse, als er 1961 im Stedelijk Museum, Amsterdam, eine grosse Ausstellung bekommt, es folgen 1972 der Schweizer Pavillon an der 36. Biennale in Venedig und im Jahr darauf der Kunstpreis der Stadt Zürich und seit Kriegsende immer wieder Gruppen- und Einzelausstellungen. Zweimal wird er auf die documenta in Kassel eingeladen, nämlich 1968 und 1982. Seine drei grossen horizontalen seriellen Reihenthemen – ein Herzstück der Ausstellung im Haus Konstruktiv – finden weltweite Beachtung.
Ausstellungsansicht mit Werkgruppen im Haus Konstruktiv. Foto: Stefan Altenburger © Richard Paul Lohse-Stiftung / 2026, ProLitteris, Zürich
Für die letzte grosse Ausstellung zu Lebzeiten kann er die Wiener Secession 1986 bespielen, wo er Ehrenmitglied wird. Nach seinem Tod werden 21 Werke von Donald Judd, der von dem mathematischen Konzept fasziniert war, zunächst in Texas, danach in New York ausgestellt.
Titelbild (ev. Ausschnitt): Acht Farbgruppen mit hellem Zetrum 1954/65/7. Foto: Stefan Altenburger, © Richard Paul Lohse-Stiftung / ProLitteris, Zürich
Alle Bilder: © Richard Paul Lohse-Stiftung / ProLitteris, Zürich
Bis 10. Mai 2026
Zur Ausstellung ist die Publikation Richard Paul Lohse in drei Sprachen mit Beiträgen von Tobia Bezzola (MASI), Evelyne Bucher und Sabine Schaschl (Haus Konstruktiv) und anderen erschienen. Verlag: Hatje Cantz. 2025. ISBN 978-3-7757-6042-3
Hier finden Sie Informationen für den Besuch der Ausstellung in Zürich
