Das Opernhaus Zürich bringt Paul Hindemiths „Cardillac“ auf die Bühne – just 100 Jahre nach dessen Uraufführung. Die Geschichte dreht sich um den Goldschmied Cardillac, der seine Kunden mordet, um sich seinen Schmuck zurückzuholen. Der ungarische Regisseur Kornél Mundruczó macht daraus eine moderne Konsum-Farce.
Paul Hindemith (1895-1963) galt als bedeutendster deutscher Komponist, als die Nationalsozialisten an die Macht kamen. Diese warfen ihm, weil er in einem frühen Einakter eine nackte Frau in einer Badewanne auf die Bühne brachte, unzüchtige Erotik vor, ja sie brandmarkten seine Musik sogar als „entartet“. Kommt dazu, dass Hindemiths Frau Halbjüdin war.
Die Schweiz als Zufluchtsort
Die Aufführung seiner Musik wurde in Deutschland verboten. Und dies, obwohl sich Wilhelm Furtwängler, der damalige Chefdirigent der Berliner Philharmoniker, vehement für Hindemith einsetzte. Die Aufführung von Hindemiths Oper „Mathis der Maler“ war in Deutschland plötzlich nicht mehr möglich. Deshalb fand deren triumphale Uraufführung 1938 am Opernhaus Zürich statt.
Der Winterthurer Mäzen Werner Reinhardt bot Hindemith in der Schweiz Asyl an. Hier konnte er in Ruhe komponieren, bevor er in die USA emigrierte. Nach dem Krieg war er Dozent für Musikwissenschaft an der Universität Zürich. Und für das hiesige Opernhaus überarbeitete er seinen „Cardillac“ von 1926. Diese „bravere“ Zweitfassung wurde 1952 in Zürich erstaufgeführt.
Der Goldschmied Cardillac (Gábor Bretz, Bassbariton) in seinem Atelier.
Die jetzige Zürcher Produktion greift auf die originellere, gut zweistündige Erstfassung zurück. Cardillac ist der von allen bewunderte Meister der Goldschmiedekunst. Seine Schmuckstücke bedeuten ihm alles, ohne sie ist er verloren. Deshalb holt er sich seine Werke stets zurück, wenn er sie verkauft hat. Dafür ermordet Cardillac seine Kunden, doch trotz dieser offensichtlichen Gefahr wollen alle seinen Schmuck haben.
Konsum und Luxus
Für Regisseur Kornél Mundruczó ist diese Geschichte Sinnbild für unsere heutige Konsumgesellschaft, die Luxusgüter vergöttert. Bei ihm spielt sich das Drama in einem modernen Kaufhaus ab, in welchem auch die Werkstatt und das Juweliergeschäft Cardillacs untergebracht sind. Alle, die auftreten – also auch der Chor – tragen eine oder mehrere schicke Einkaufstauschen mit sich, und gestylte Paare knipsen mit ihren Handys gerne Selfies.
Das Zürcher Opernhaus mutiert zum Einkaufstempel.
Das Kaufhaus ist ein imposantes Einheits-Bühnenbild. Zuerst ist Cardillacs Juwelier-Geschäft hinten in der Mitte. Dann wird der Bühnenbau umgedreht, und wir befinden uns in der Werkstatt, der Blick geht von dort durch den Laden ins Kaufhaus.
Cardillac ist wie ein «Mafiaboss» gekleidet. Er stolziert mit seiner schwarzen Lederjacke angeberisch durch die Menge (Chor). Die gestylten Leute himmeln ihn an, er gewährt ihnen auch ein Selfie mit ihm. So offenbart sich Cardillacs Selbstverliebtheit und kriminelle Ader auf moderne Art und Weise.
Die fordernde Hauptpartie des Cardillac
Gespielt und gesungen wird diese fordernde Hauptpartie von Gábor Bretz. Der ungarische Bass-Bariton, der nach wie vor gerne in Budapest wirkt, wirft sich mit Haut und Haar in diese Rolle. Er ringt physisch mit seiner Verzweiflung und seinem Drang, die Schmuckstücke zurückzuholen. Dabei singt er mit agiler, kraftvoller Stimme, ausdrucksstark und nuancenreich.
Grandios besetzt ist auch die Rolle seiner Tochter. Anett Fritsch singt diese naive, zwischen der Hörigkeit zum Vater und ihrem besitzergreifenden Liebhaber schwankende Figur authentisch und mit inniger Hingabe. Ihre schlanke, sich mühelos durchsetzende Stimme hat dramatische Kraft, berührt aber auch in den lyrischen Momenten.
Ein etwas ungewöhnliches Vater- Tochter- Gespann. Gábor Bretz, Vater, Anett Fritsch, die Tochter. (Alle Bilder Opernhaus Zürich/ Monika Rittershaus)
Grossartig auch der Liebhaber, ein Offizier, der sich von Cardillac nicht einschüchtern lässt. Michael Laurenz spielt sich als solcher überzeugend auf und singt diese prägnante Tenorpartie mit viel Temperament. Überhaupt ist das gesamte Sänger-Ensemble engagiert bei der Sache und wirkt gut aufeinander abgestimmt.
Kornél Mundruczó ist ein vielfach ausgezeichneter Theater- und Filmregisseur. Ungewohnte Konzepte und starke Bilder sind sein Markenzeichen, und auch seine Personenführung ist sehr präzise. Erstaunlicherweise passt Hindemiths virtuose Musik gut in sein geschäftiges Kaufhaus-Ambiente. Fabio Luisi hat sich dieser anspruchsvollen Partitur angenommen.
Fabio Luisis entspanntere Gangart
Der ehemalige Chefdirigent des Opernorchesters dirigiert Hindemiths Musik nicht so atemlos drängend, wie sie geschrieben ist, sondern etwas entspannter. So können sich die virtuosen Bläser freier entfalten, und die Sängerinnen und Sänger kommen nicht zu sehr ausser Atem. Bei aller Dramatik, die das Orchester mit kompakter Kraft vermittelt, Luisi entdeckt in Hindemiths Musik auch etwas Verspieltes. Wer hätte gedacht, dass dieses Wagnis am Premierenabend mit so viel Applaus bedacht würde!
Weitere Vorstellungen: 18 / 21 / 25 Feb, 01 7 06 / 10. März 2026
www.opernhaus.ch
