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Der Baron auf der Kanonenkugel

Das «Phänomen Münchhausen» begleitet uns seit der Kindheit. Nun ist im Literaturmuseum Strauhof in Zürich eine ganz besondere Begegnung mit dem Lügenbaron möglich.

Der Baron Hieronymus Carl Friedrich Freiherr von Münchhausen (1720-1797) ist eine historische Figur, er hat seine Erlebnisse auf Reisen und im russisch-osmanischen Krieg flott ausgeschmückt gern erzählt. Auf seinem Gut in Bodenwerder ist er geboren und gestorben.

Der echte Baron. Porträt von 1752. Münchhausen Museum Bodenwerder

Ein gelegentlicher Gast der Familie, der Universalgelehrte Rudolf Erich Raspe, stahl als Museumsdirektor – um Schulden zu begleichen – Münzen aus den landgräflichen Sammlungen in Kassel. Der Diebstahl wurde entdeckt, Raspe floh nach England. Dort veröffentlichte er 1785 ein Buch mit abenteuerlichen Geschichten des Barons von Münchhausen in Englisch, die einen Boom bis zum heutigen Tag auslösten. Das Büchlein wird ein internationaler Bestseller, in Deutschland erst recht, nachdem der populäre Dichter Gottfried August Bürger eine Übersetzung, angereichert mit neuen unwahrscheinlichen Abenteuern publizierte. Nicht gerade entzückt von dem Bucherfolg war der historische Baron, dessen Fabulierungen das Phänomen Münchhausen letztlich ausgelöst hatten.

Der Baron als Jäger

Münchhausens Geschichten sind Weltliteratur. Dass das Phänomen eines Bestsellers, der seit dem 18. Jahrhundert nichts von seinem Erfolg einbüsste, hängt mit der kaum bekannten privaten Münchhausen-Bibliothek in Zürich zusammen. Der Wissenschaftler und Sammler dahinter ist Bernhard Wiebel, Kunsthistoriker und passionierter Forscher aller Münchhausiana, die nur denkbar und weltweit aufzufinden sind. Ein Glück für das Literaturmuseum Strauhof und dessen Publikum, denn dank dieser Sammlung ist nun eine umfassende Ausstellung über den Lügenbaron, seine Autoren und Illustratoren für sechs Wochen zu Gast.

So zieht sich der Baron am eigenen Zopf aus dem Sumpf

Was wir als Schulkinder mit Begeisterung lasen und auf Bildern anschauten – Münchhausen auf der Kanonenkugel, Münchhausen zieht sich am eigenen Zopf aus dem Sumpf, Münchhausen klettert an einer Bohnenranke zum Mond – wird hier unterhaltsam wie je und mit dem Hintergrund einer umfangreichen Forschungsarbeit präsentiert.

Mendace veritas: Auch in der Lüge liegt Wahrheit

Heute ist «Münchhausen» eine Chiffre für Hochstapelei und unwahrscheinliche Handlungen. Seit der Erstausgabe 1785 in London wächst die Zahl der Geschichten kontinuierlich: Auf ein erstes kleines Buch folgen bis 1800 nicht nur neun Fortsetzungen mit immer neuen Episoden, es liegen auch amerikanische, deutsche, französische, niederländische, hebräische und thailändische Ausgaben vor. Sogar in Esperanto sind die Abenteuer zu lesen. Und dank Bernhard Wiebel und Stefan Howald gibt es eine – leider vergriffene – Übersetzung des vollständigen Raspe-Texts. Ein Nachdruck wäre gewiss mehr als wünschenswert!

Die Kinderecke der Ausstellung

Mit seiner Mischung aus Erzähllust, Abenteuer und aufklärerischer Kritik verbreitet sich das «Phänomen Münchhausen» rasant um den Globus und passt aktuell zur Schwadroniererei eines amerikanischen Präsidenten, der gern Weltherrscher, geadelt mit dem Friedensnobelpreis wäre. Weit über die Bücher hinaus kristallisiert sich ein ganzer Kosmos von Fragen zu Wahrheit und Lüge, zu Vorstellungskraft und Phantastik – bis hin zu den Themen Täuschung und Anerkennung, auf die der medizinische Fachbegriff «Münchhausen-Syndrom» zielt.

Das Wahrzeichen auf der Münchhausen-Bibliothek

Im Erdgeschoss des Strauhof wird zunächst auf das Original und seine zwei fabulierenden Biographen Raspe und Bürger verwiesen. Im Grossformat sind Grafiken von Martin Disteli (1802-1844) an den Wänden , einmal der Sumpf-Helgen, einmal das Pferd, das sein Hinterteil verliert. Beim Sammler Bernhard Wiebel standen Studien über den Politsatiriker und Gesellschaftskritiker Disteli am Anfang. Eine bunte Kinderecke zeigt anhand von Bilder- und Lesebüchern sowie Kartenspielen, wie Münchhausen früh ins Kinderzimmer kam. Auch Otto Dix hat ein Kinderbuch illustriert.

Ausstellungsansicht: Drehtafeln

Zwei Wände mit Drehtafeln – vorn die Szene als Bild, hinten der passende Text – animieren, handgreiflich zu werden und ermöglichen in die fantastische Welt des Barons einzutauchen. Es sind humoristische, freundliche Begebenheiten dabei, aber auch satirische und kritische in drastischer Sprache. Der Baron war dank Raspe und Bürger ein kritischer Geist der Aufklärung, seine Geschichten beflügelten die liberalen Denker und Revoluzzer des frühen 19. Jahrhunderts.

Sammler und Forscher Bernhard Wiebel im Strauhof-Kino

Im Obergeschoss bekommt der historische Baron seine Würdigung. Und gleich nebenan staunt der Laie, wieviele Filme und Videos das Phänomen Münchhausen umfasst. Die Filmrollen und Kassetten liegen zur Ansicht bereit, auf einem Bildschirm läuft ein genialer Zusammenschnitt aus dem Filmschaffen um den Lügenbaron: Unterhaltung vom Feinsten, wobei auch hier das kritische Potential der Texte aus dem Zeitalter der Aufklärung mitschwingt.

Gefrorene Töne in Geschichte und Gegenwart

Im Flur gibt es Philologie von der Antike bis jetzt: Das Motiv des gefrorenen Tons im Posthorn ist erstmals bei Plutarch nachzulesen, findet sich auch bei Rabelais Gargantua und Pantagruel sowie bei Raspe und Bürger und endet im 21. Jahrhundert: Museumsdirektor Rémi Jaccard hat wie folgt nachgefragt: „Openai, Erzähl mir Münchhausens Geschichte von den gefrorenen Tönen im Posthorn.“ Unbedingt lesenswert, wie ein uraltes Motiv weitergegeben und verändert wird.

Blick in den Bibliotheksraum mit einer Fülle von Objekten in den Vitrinen

Herz der Ausstellung ist der Bibliotheksraum, wo die Sammlung von Bernhard Wiebel dem Strauhof-Publikum mit Objekten, Fotos, Zitaten vorgestellt wird. So sieht er seine Arbeit: „Über Münchhausen zu forschen, ist ein Hochseilakt ohne Netz und ohne doppelten Boden. Vordergründig geht es um Hunde und Pferde, Schlachten und Jagden, Geschicklichkeit und Treffsicherheit. Wer den Motiven, rhetorischen Figuren und intertextuellen Beziehungen folgt, gerät in eine Jagd ganz eigener Art. Ziel ist es, das Verhältnis von richtig und falsch, Wahrheit und Lüge, Einsicht und Täuschung zu verstehen. Glaubt man, eine Antwort getroffen zu haben, oder kommt man zum Schluss, in der Meinung eine endgültige Erklärung gefunden zu haben, muss man in Kürze feststellen, dass man nur die vorletzte Erklärung getroffen hat, die nun in sich zusammenfällt.“

So geht Fliegen mit dem Baron

Vielleicht als Fazit eines Besuchs beim Phänomen Münchhausen im Strauhof: „Glaubt nicht alles, was, erzählt wird,“ sagt der Lügenbaron; passt doch perfekt ins Heute mit Fake News und Propaganda anstelle von Fakten.

Titelbild: Blick in den Ausstellungsraum mit dem fliegenden Baron
Bis 6. April
Informationen über Öffnungszeiten und Veranstaltungen 
Die Münchhausen-Bibliothek Zürich
Vergriffen: Rudolf Erich Raspe: Münchhausens Abenteuer. Die fantastischen Erzählungen vollständig aus dem Englischen übersetzt von Stefan Howald. Herausgegeben und kommentiert von Stefan Howald und Bernhard Wiebel. Gestaltet von Helen Ebert. Stroemfeld Verlag. Frankfurt am Main 2015. 

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