Das Buch „Kampfzone Ossola. Der Widerstand an der Schweizer Südgrenze 1943 bis 1945“ erzählt von Partisanen, Faschisten, Nazischergen und den Schweizerinnen und Schweizern, die den Widerstand unterstützten oder auch nicht.
Bei der Buchvernissage im Berner Käfigturm – gleichentags mit der Debatte im Nationalrat zur Rehabilitation verurteilter Freiwilliger, die einst den Widerstand gegen das Naziregime in Frankreich und Italien unterstützten – äussert Professor Jakob Tanner zunächst einen Werbespot: „Lest dieses Buch!“
Sie warten auf ihre Hinrichtung um 18 Uhr: 45 Menschen, darunter Cleonice Tomassetti als einzige Frau am 20. Juni 1944 in Lungolago/Verbania, bewacht von einem SS-Polizei-Regiment. Bild: Archivio Casa della Resistenza
Kampfzone Ossola reihe sich in eine Diskussion um die Rolle der Schweiz im Zweiten Weltkrieg ein, sagt Historiker Tanner, und befasse sich zugleich mit der Bedeutung der Resistenza in Italien; es fokussiere „nicht auf die Regierungsebene, sondern befasst sich mit der Bevölkerung, mit den Menschen, die auf ganz unterschiedliche Weise vom Krieg betroffen waren und in das Geschehen zu intervenieren versuchten.“
Wie Partisanen und deren Helfer dies- und jenseits der Grenze, aber auch die Faschisten und die Truppen von Wehrmacht und SS gehandelt haben, wird von den Verfassern, dem Historiker Raphael Rues und Andrej Abplanalp, Kommunikationschef beim Schweizer Nationalmuseum, aus einem bislang kaum untersuchten Aktenberg erzählt. Spannend ist die Beschreibung und Einordnung der kurze Zeit existierenden freien Partisanenrepublik, die einen regen Austausch mit der Schweiz pflegte. Deren demokratisches Statut wurde in Italien nach dem Krieg öfters als Vorbild genannt.
Dank der akribischen Bürokratie in Bern sei das Bundesarchiv ein „Eldorado für Historiker“, sagen die Verfasser der Recherche. Raphael Rues und Andrej Abplanalp haben Stunden und Tage im Bundesarchiv und anderen Dokumentensammlungen zugebracht, bis die Geschichte eines vergessenen Kapitels während des 2. Weltkriegs nun zwischen Buchdeckeln erhellt werden kann. Wer damals – Faschisten und Nazitruppen, Partisanen und Schweizerinnen, aber auch Diplomaten und Geheimdienst – in diesem Zipfel Italiens mit 160 km Grenze zum Wallis und zum Tessin, involviert war, wird ausführlich dargestellt.
Schwarze Brigaden der Faschisten-Republik Salò kämpften mit SS und Wehrmacht gegen die Partisanenrepublik Ossola. Bild: Archiv Insubrica Historica, Minusio
Dort in der Grenzregion Ossola mit damals rund 80‘000 Einwohnern wurde während des 2. Weltkriegs ein vorbildliches demokratisches Experiment auf die Beine gestellt, aber nach nur 40 Tagen von einer Übermacht deutscher Besatzungstruppen zerstört. Zur Erinnerung: Als die Alliierten 1943 auf Sizilien landeten und über den italienischen Stiefel nach Norden vordrangen kämpften im Norden, auch in der Region Ossola, Partisanengruppen gegen Nazi-Besatzer. Diese Gruppen kommunizierten kaum miteinander, dennoch waren die feindlichen Truppen plötzlich umzingelt und mussten aufgeben: Ossola war frei.
Das demokratische Experiment, gut vorbereitet von Flüchtlingen und Internierten in der Schweiz, konnte beginnen. Bei dem Grenzverkehr schauten die bewaffneten Schweizer Grenzwächter oft nicht hin. Eine Vielzahl der Tessiner Zivilgesellschaft bis in Regierungskreise war ohnehin auf Seiten der Partisanen.
Internierungslager Büren an der Aare um 1940. Bild: Staatsarchiv Kanton Bern
Selbst wer allgemein gut informiert und geschichtsinteressiert ist, gar vor Jahrzehnten selbst Geschichte studiert hat, wird von dem Buch immer wieder mit nie gekannten oder längst verdrängten Fakten über den antifaschistischen Widerstand überrascht. Oder wussten Sie, dass die Nazi nach der Kapitulation Italiens ein Heer von 800‘000 Mann in kürzester Zeit entwaffnet und in deutsche Arbeitslager interniert hat, dass rund 100‘000 entkamen, in die Resistenza gingen oder in die Schweiz flüchteten, wo sie ebenfalls in Lager kamen?
Die erste Regierung der demokratischen Partisanenrepublik. Ettore Tibaldi wurde nach dem Krieg Bürgermeister von Domodossola und nationaler Politiker. Bild: Istituto Storico Piero Fornara, Novara
Auch wie die Sprengung des Simplontunnels nach der Wiederbesetzung der Ossola-Region durch deutsche Truppen in Zusammenarbeit von einzelnen Arbeitern vor Ort und dem Schweizer Geheimdienst verhindert wurde, ist in der Schweizer Erinnerungskultur nicht präsent, ebensowenig, wie umfangreich der Waffenhandel mit Gerät der Alliierten, aber auch mit Waffen schweizerischer Herkunft über die durchlässige Tessiner Grenze war. Bescheiden dagegen waren die in der Region Ossola erhofften Materialabwürfe der Alliierten.
Flüchtlinge aus dem Ossola-Gebiet beim Grenzübertritt in Gondo, 1. Oktober 1944. Bild: Staatsarchiv Aargau
Was an dem Buch überzeugt, ist die übersichtliche Darstellung der gigantischen Menge an Informationen über den Widerstand an der Schweizer Südgrenze nach der Invasion der Alliierten und nach der Absetzung Mussolinis und seiner Getreuen, die sich in der Republik Salò zusammen mit der Wehrmacht gegen die Partisanen formierten, sowie über die klandestinen Bemühungen um die vorzeitige Kapitulation Deutschlands in Norditalien.
Drei internierte Ossola-Partisanen im Herbst 1944 fotografiert in Bern. Luigi Fumagalli (Mitte) floh im Januar 1945 aus dem Lager Schwarzsee zurück nach Italien. Bild: Staatsarchiv des Kantons Bern
Zwar ein Forschungsbericht, aber gut lesbar und mit Fotos aus der Zeit grosszügig bebildert, wendet sich das Buch an eine breitere Leserschaft. Wer mehr wissen will, erfährt es im reichhaltigen Anhang. Ausserdem sind die Kapitel mit Porträtfotos und und Kurzbiographien der erwähnten Personen begleitet, von General Guisan über alliierte, faschistische und nazideutsche Militärs, Diplomaten und Geheimdienstagenten bis zu Partisanen und deren Helfer aus der Schweiz.
Mario Rodoni, beteiligt an der Verhinderung der Simplontunnel-Sprengung (links)posiert mit einem deutschen Soldaten des Eisenbahnbau-Batallions in Varzo. Bild: Archiv Insubrica Historica, Minusio
Hier sei nur auf Gisella Floreanini, die erste Frau Italiens auf einem Ministerposten in der Partisanenrepublik oder auf den Ticinese Vincenzo Martinetti (Vater der Sängerin Nella Martinetti) verwiesen, der vom ossolanischen Widerstand ausgezeichnet, von den Schweizer Behörden dagegen wegen Verletzung der Neutralität verurteilt wurde. Verurteilten Antifaschisten, die mit den Partisanen kämpften, soll die Rehabilitierung, die zurzeit im Parlament verhandelt wird, gelten.
Die Rehabilitation der rund 800 Schweizer Spanienkämpfer gegen General Franco, die als Fremdenlegionäre verurteilt worden waren, ist 2009 endlich mit einem entsprechenden Gesetz erfolgt. Noch ist aber viel nachzuholen, damit Licht in die bleierne Zeit des Mythos vom Sonderfall Schweiz als einem einigen Hort des Widerstands fällt.
Reportage über die Republik Ossola in der Berner Woche vom 10.November 1944. Bild: ETH Zürich e-periodica
Freilich war auch bei den „Guten“ nicht alles gut: die Hilfe war oft von Eigennutz geprägt, man konnte Geld verdienen, wenn man gefährdete Personen, beispielsweise reiche jüdische Familien in Lebensgefahr, über den Lago Maggiore in die Schweiz brachte, oder Deserteure den Partisanen statt der Polizei zuführte, oder auch mit Waffen im kleinen Grenzverkehr handelte. Aber es gab auch uneigennützige Solidarität und Unterstützung der Behörden im Tessin und im Wallis, welche die Verhältnisse kannten.
Flüchtlinge aus dem Ossola-Gebiet und ein Schweizer Grenzsoldat im Oktober 1944. Bild: Staatsarchiv Aargau
Die „stillschweigend geduldeten Hilfe von diversen kantonalen Politprotagonisten rettete Tausenden das Leben,“ schreiben die Autoren, „sonst wären die aufgegriffenen Zivilisten deportiert und die gefassten Partisanen mit Sicherheit exekutiert worden.“ Letztere wurden verhört und in eins der Schweizer Internierungslager gebracht, meist nördlich der Alpen.
Im Beisein von alt Bundesrätin Ruth Dreifuss wurden bei den Bagni di Craveggia am 12. August 2025 diese Stolpersteine zum Gedenken an drei Partisanen gesetzt. Bild: Stolpersteine.ch
Bei der Buchvernissage weist Jakob Tanner auf die drei Stolpersteine hin, welche im letzten Sommer bei den Bagni di Craveggia ganz zuhinterst im Onsernonetal für drei Partisanen gesetzt worden sind – sie wurden bei einem heftigen Gefecht am 18. Oktober 1944 verfolgt und auf Schweizer Territorium erschossen. Die Bagni di Craveggia sind heute ein Ziel für Wandertouristen aus dem Onsernonetal.
Im frühen Frühling verirren sich erst wenige Wanderer zu den Bagni di Craveggia. Aber die Heilquelle liefert für Bademutige ihr Heilwasser von 28 Grad in die Freiluftwannen.
Die Spuren der Kämpfe bei der Thermalquelle, die im 13. Jahrhundert erstmals erwähnt wird, sind beseitigt, nur noch ein Denkmal und die Stolpersteine erinnern an den Freiheitskampf der Partisanen. Und es gibt diese Publikation, welche den antifaschistischen Widerstand in den letzten zwei Kriegsjahren an der Schweizer Südgrenze ins kollektive Gedächtnis zurückbringt.
Titelbild: Ossolanische Partisanen 1944 mit prekärer Bewaffnung. Bild: Istituto Storico Piero Fornara, Novara
Alle historischen Fotos aus: Kampfzone Ossola.
Buchhinweis: Raphael Rues und Andrej Abplanalp: Kampfzone Ossola. Der Widerstand an der Schweizer Südgrenze 1943-1945. Verlag Hier und Jetzt, Zürich 2026. ISBN 978-3-03919-666-1
Ital. Fassung: Raphael Rues e Andrej Abplanalp: L’Ossola in Guerra. La resistenza al confine sud della Svizzera 1943-1945. Insubrica Historica, Minusio 2026. ISBN: 978-88-31969-06-2
Buchpräsentationen mit den Autoren sind in Biasca, Zürich und Aarau geplant.
Weitere Informationen sind auf der Website Kampfzone Ossola verfügbar.


warum müssen wir Schweizer 80 Jahre warten, bis alle Geschichten und Schandtaten aus dem zweiten Weltkrieg veröffentlicht werden? Es ist zu hoffen, dass die Erziehungsdirektion Notiz nimmt für Geschichte Curriculum!
Warum lernten wir römische und griechische Geschichte? Und für die Schweiz Jahrhundert alte eidgenössische Schlachten mussten wir zwecklos auswendig lernen! Der zweite Weltkrieg wurde verborgen! Nicht nur für uns einfältige Landkinder, wie ich später erfuhr auch den Stadtkindern wurde der Vorhang gezogen.
Die „gerechte“ Schweiz hat so viele Löcher wie ein Emmentaler Käse!
Das sehe ich genauso. Es sollte nicht heissen die «neutrale» Schweiz, sondern die «scheinheilige» Schweiz. Aktuelles Beispiel zeigt die goldene Schleimspur einiger Schweizer Wirtschaftsvertreter bis ins Oval Office von «König» Trump.