StartseiteMagazinKulturHomosexuelle Kunst von 1869 bis 1939

Homosexuelle Kunst von 1869 bis 1939

Gleichgeschlechtliche Liebe ist menschlich, erinnert sei an Sappho oder an die Verbote im Alten Testament, aber der Begriff homosexuell wurde erst 1869 geprägt. Für den Kurator Jonathan D. Katz Anlass für eine Ausstellung, die nun im Basler Kunstmuseum zu sehen ist.

Der Titel The First Homosexuals. Die Entstehung neuer Identitäten 1869–1939 weist auf die Ausstellung vor rund einem Jahr in Chicago hin. Bis 1869 war gleichgeschlechtliches Begehren etwas, das man tat, und nicht unbedingt etwas, das man war. Nun wird sichtbar, wie Homosexuelle zum ersten Mal vom Rest der Bevölkerung abgegrenzt werden und eine Identität erhalten, die sich auf ihre Sexualität bezieht.

Blick auf Bilder der beiden Malerinnen Gerda Wegener und Lili Elbe. Foto: Julian Salinas

Die Museumspräsentation und erst recht die umfangreiche englische Originalpublikation The First Homosexuals gehen vom neuen Begriff homosexuell aus, erfunden bei einem Briefwechsel des Juristen Karl Heinz Ulrichs mit dem ungarischen Schriftsteller Karl Maria Kertbeny. Ulrichs favorisierte ein drittes Geschlecht, den Urning, während Kertbeny das biologische Konstrukt der Dreigeschlechtlichkeit ablehnte und die Begriffe homosexuell und heterosexuell für das Menschenrecht des Begehrens erfand. Damit hat die bis heute aktuelle Diskussion um Gender und Geschlecht eigentlich begonnen, aber auch die Ausgrenzung jener, die nicht der heterosexuellen Norm entsprachen.

Yugi-e, ca. 1850. Sammlung von Brian C. Coppola (Ausschnitt)

Jonathan D. Katz hat nachgeforscht, Biographien entschlüsselt und von dem Stichdatum an rund 300 Bildwerke zusammengetragen. Für Basel wurde die riesige Schau von Rahel Müller und Len Schaller in Zusammenarbeit mit Katz adaptiert, auf 80 Einheiten konzentriert und mit „einheimischen“ Werken ergänzt. Viele der gezeigten Bilder und Skulpturen sind auch einem informierten Publikum unbekannt. Mit der Auswahl dieser aus einem queeren Umfeld entstandenen Kunstobjekte geht einher, dass nicht alle erstklassige Blockbuster sein können, aber sie laden ein, mit einem offenen Blick nicht nur für das Malerische, sondern auch für den Bildinhalt hinzusehen: So haben queere Menschen gezeigt, wie sie ihr Leben, ihre Körper, ihre Gefühle darstellen wollten.

Zweimal Frauenfreundschaften: Marie Louise Catherine Breslau: Contre-jour, 1988 (links) Kunstmuseum Bern; Ida Matton: La Confidence, 1902, Hälsinglands Museum (rechts). Foto: Julian Salinas

Die Ausstellung beschränkt sich mit wenigen Ausnahmen auf den Zeitraum 1869 bis zum Überfall der Nazi auf Polen und ist in sechs Abschnitte gegliedert. Der erste Teil erinnert an die Mythologie der römisch-griechischen Antike, die es den Künstlern ermöglichte, homoerotische Szenen darzustellen. Einige der bekannten grossen Bilder der Renaissance können im Altbau des Museums angeschaut werden, hier in der Spezialschau gibt es ein paar Grafiken sowie eine Rolle aus Japan mit Szenen eines freien und vielfältigen Geschlechtsverkehrs.

Saturnino Herrán: Nuestros dioses antiguos, 1916. Andrés Blaisten México

Ganz am Ende der Revue durch 70 Jahre Homosexualität verweist die Ausstellung auf die Kolonialgeschichte: die Untedrückung des Begehrens – wenn es nicht um Heterosexualität ging – war ein weiteres Mittel, die Herrschaft der Europäer zu festigen. Homoerotik in Südamerika oder im Orient wurde als zügellos verurteilt, die Völker der Schwäche oder des absehbaren Niedergangs bezichtigt. Vielleicht hat diese lange Geschichte der Ächtung in Europa mit einer rigiden christlichen Religion zu tun. Aber in der Kunst ist die Homosexualität sichtbar, wenn man sehen will.

Romaine Brooks: Portrait of the Marchesa Casati, ca. 1920. Collection Lucile Audouy, Foto © Thomas Hennocque

Den Blick zieht das Porträt der Marchesa Luisa Casati an, 1920 gemalt von ihrer Liebhaberin Romaine Brooks: In eleganter Nacktheit steht die Adlige selbstbewusst im Bild. Casati gehörte zum Jetset der 20er Jahre um Gabriele d’Annunzio. Für manche Bilder braucht es Hintergrundwissen: La Blanchisseuse, eine Zeichnung von Pascal Dagnan-Bouveret zeigt eine Wäscherin auf einer Bank und zwei untergehakte Flanierer, ein Freundespaar des Künstlers. Um 1879, als die Zeichnung entstand, arbeiteten Wäscherinnen häufig als Prostituierte, und diese hier zeigt ihre Enttäuschung über eine verpasste Chance.

Das Selbstporträt von Ottilie Roederstein mit roter Mütze à la Rembrandt von 1894 stammt aus der Basler Sammlung. Sie war als Malerin erfolgreich, ebenso wie ihre Lebenspartnerin Elisabeth Winterhalter als erste Chirurgin in der Schweiz. Ihre Ménage à deux war jedoch gar nicht gesellschaftskonform.

Louise Abbéma: Sarah Bernhardt et Louise Abbéma sur le lac au Bois de Boulogne. Collections de la Comédie-Française. Foto: Julian Salinas

Das reale Leben hinter dem Bildmotiv ist in dieser Ausstellung von Bedeutung, wenn die Darstellung nicht explizit Homosexualität zeigt. Aber beim Portrait of a Man with Hibiscus Flower (Felix), gemalt 1932 von Glyn Warren Philpot, oder dem in dieser speziellen Schau vielleicht berühmteste Porträt Der Tänzer Sacharoff, 1909, von Marianne von Werefkin bleibt keine Frage offen.

Blick in die Ausstellung mit (von links) Gustave Courtois: Portrait de Maurice Deriaz, 1907, Sascha Schneider: Werdende Kraft, 1904, Aristide Maillol: Le coureur cycliste 1907-1908. 

Das Ideal eines männlichen Körpers wandelte sich um 1900. Im 19. Jahrhundert waren Jünglinge gefragt, weil sie das dritte Geschlecht verkörperten und in einer Zeit der Schwulen-Ausgrenzung an die Knabenliebe im antiken Griechenland erinnerten. Als „homosexuell“ sich für gleichgeschlechtliche Liebe durchsetzte, wurden die Dargestellten männlicher und erwachsener. Drei Jahrzehnte liegen zwischen dem Narcisse von 1876 und dem Portrait de Maurice Deriaz, 1907. Beide Bilder malte Gustave Courtois.

Laura Rodig: Desnudo de mujer, ca. 1937. Colección Museo Nacional de Bellas Artes, Santiago de Chile

Auch Frauenfiguren wurden kräftiger und stabiler dargestellt. Laura Rodigs Desnudo de mujer um 1937 zeigt eine mutige, selbstsichere Frau mit geballter Faust, aber ihr Körper könnte ebensogut der eines durchtrainierten Manns sein. Die Chilenin Rodig war eine kommunistische Feministin, der es in der Malerei auch darum ging, die traditionellen Geschlechterrollen der Gesellschaft zu hinterfragen.

Aesthetic teapot (Oscar Wilde), ca. 1881-1882. Royal Worcester Porcelain Company. Kamm Teapot Foundation

Dass gleichgeschlechtliche Paare ihre Zuneigung auf der Strasse offen zeigen, war noch lange nicht möglich, ist auch heute in vielen Ländern strafbar. In der bildenden Kunst gab es im von Kurator Katz untersuchten Zeitraum verschlüsselte Zeichen. Manch romantisch dargestellte Frauenfreundschaft ist das Bild eines lesbischen Paars, Gemälde von badenden Jungen und Männern stecken voller erotischer Anspielungen. Mehrere Bilder von Lili Elbe und Gerda Wegener dokumentieren deren komplexe Beziehung.

Der Schweizer Narziss, 1944, von Paul Camenisch wird als symbolische Darstellung der selbstbezogenen und verschonten Schweiz im Krieg gelesen, aber in diese Ausstellung passt er. Welche Schrecknisse der Nazi der Maler auf den Kacheln des Badezimmers darstellte, macht den Narziss zu einem damals hochaktuellen politischen Bild.

Paul Camenisch: Schweizer Narziss, 1944. Kunstmuseum Basel

Die Ausstellung bietet auch Gelegenheit, sich mit Magnus Hirschfeld und seinem Institut für Sexualwissenschaft in Berlin auseinanderzusetzen, das 1933 von den Nazi zerstört wurde. Bis zum Aufstieg des Nationalsozialismus und dem 2. Weltkrieg gab es eine breite Diskussion um Sex und Gender, Sexualität und Geschlecht. Dieser Diskurs wurde abrupt für Jahrzehnte unterbrochen. Homosexualität war in Deutschland noch bis 1994 mit dem Paragraphen 175 strafbar. Ob der immer autokratischere Präsident in den USA Katz’ Ausstellung noch zuliesse, ist unwahrscheinlich.

Titelbild: Gustave Courtois: Narcisse, 1876. Musée de Beaux-Arts, Marseille
Fotos: ec
Bis 2. August
Informationen für Ihren Besuch gibt es hier
Katalog (englisch): The First Homosexuals. The Birth of a New Identity 1869-1939. Begleitend zur Ausstellung im Wrightwood 659 in Chicago hat Monacelli Press einen Katalog mit 22 Essays von führenden Expertinnen und Experten für Kunstgeschichte und queere Geschichte veröffentlicht, die sich jeweils auf eine geografische Region konzentrieren – von Japan über Australien bis hin zur Indigenen Bevölkerung Südamerikas. ISBN:978-1-58093-693-4

 

 

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