StartseiteMagazinKulturBHM-Sanierung: Vom Museumsschloss zur Geschichtswerkstatt

BHM-Sanierung: Vom Museumsschloss zur Geschichtswerkstatt

Das Bernische Historische Museum (BHM) ist in die Jahre gekommen. In einer mehrjährigen Gesamterneuerung soll das Museumsschloss in eine neue Werkstatt für Geschichte umgebaut werden. Vor der Seniorenuniversität Bern erläuterte Direktor Thomas Pauli-Gabi die Ziele des Projekts.

Das Kinderbuch «Mein Name ist Eugen» zählte in meiner Jugend zu meinen Lieblingslektüren. Eine Episode des inzwischen verfilmten Romans von Klaus Schädelin handelt davon, wie sich Eugens Freund Wrighly im Historischen Museum einen Ritterhelm überstülpte und von seinen Freunden auf abenteuerliche Weise aus dem engen Eisenteil befreit werden musste. Heute besteht für das Museumsgebäude am Helvetiaplatz, in welchem der Streich spielte, dringender Sanierungsbedarf: Das 1894 im Stil des Historismus errichtete Gebäude wurde seit seiner Eröffnung nie mehr einer Gesamtsanierung unterzogen.

In ein paar Jahren soll der Kanton Bern ein neues Gedächtnis bekommen: Wenn die noch fehlenden Finanzen gesprochen werden, wird das BHM nicht nur räumlich, sondern auch geistig neu gebaut werden: als ein Haus, das die Vergangenheit nicht mehr nur hinter Glas konserviert, sondern zur offenen Werkstatt für Geschichte macht. Die Besuchenden werden nicht mehr in eine Sackgasse laufen, sondern auf Rundgängen Erzählungen erleben. «Wir können nicht einfach die alten Dauerausstellungen wieder einbauen», sagt Museums-Chef Thomas Pauli-Gabi.

Der BHM-Direktor im Auditorium der Universität Bern. Foto PS

Randvolle Depots

Das BHM war bei seiner Gründung ein anderes Museum: Vor 120 Jahren standen die Sammlungsobjekte im Mittelpunkt, heute ist ein Museum für die Besuchenden da, was auch in den Fotos zum Ausdruck kommt. Die Ausstellungskonzepte seien nicht vergleichbar, sagt Direktor Pauli-Gabi in seinem Referat. Die Depots mit Sammlungsobjekten, die von der langen Geschichte eines kleinen Landes, von mittelalterlicher Macht bis zu Migrationsrealitäten des 21. Jahrhunderts erzählen,  platzen aus allen Nähten. Schliesslich sind auch die Gebäudeinstallationen (Isolation, Heizung, Klimatisierung, Sicherheit) völlig veraltet. Nur der 2009 eröffnete grosse Ausstellungsraum» unter dem Kubus, in welchem derzeit die Ausstellung «Murten ausgeschlachtet» wird, entspricht modernen Museumsstandards.

Das BHM nimmt eine überregionale Rolle in der Kulturpflege und Bildung ein. Getragen von der Burgergemeinde, vom Kanton und der Stadt, bewahrt es bedeutende Kulturgüter auf und ermöglicht der Bevölkerung den Zugang zum historischen Erbe sowie zu einer zeitgemässen Auseinandersetzung damit. Um diese Aufgaben auch in Zukunft wahrnehmen zu können, wurden 2023 in einem selektiven Projektwettbewerb vier Planungsteams ausgewählt, welche Vorschläge für eine Gesamterneuerung machten. Die Jury setzte sich aus Fachpersonen der Architektur, Museums- und Ausstellungsgestaltung, Denkmalpflege sowie Vertretungen des Bernischen Historischen Museums und der Stadt Bern zusammen.

Animierter Querschnitt der Stockwerkpläne. Foto: © Nightnurse Images AG, Zürich.

Das Siegerprojekt

Die Architekturbüros Bellorini / Kast Kaeppeli Architekten mit Kossmanndejong (NL) überzeugte die Jury mit einem klugen Entwurf, der Alt und Neu verbindet. Das Siegerprojekt sieht eine südseitige Erweiterung vor, welche das bestehende Ensemble harmonisch ergänzt. Neu wird das BHM von Süden und Norden her erschlossen – mit direktem Zugang zum zukünftigen Museumsgarten. Die historische Treppenhalle wird geöffnet und mit Licht durchflutet. Im Innern sorgen zusammenhängende Raumfolgen und moderne Technik für hohe Funktionalität und Energieeffizienz.

Die Architekten schlagen einen lichtdurchfluteten Baukörper vor, der sich mit seiner glasüberdachten Agora zum Aarehang öffnet. Kein klassizistischer Repräsentationsbau, sondern eine Einladung – «ein Museum zum Mitdenken», wie es in den Konzeptpapieren heisst. Transparenz ist nicht bloss architektonisches Ornament, sondern Haltung: Wer Geschichte verstehen will, soll sie sehen, berühren, hinterfragen dürfen.

Geschichten und Diskurs

Blick ins künftige Treppenhaus. Foto: © Nightnurse Images AG, Zürich.

Auch kulturpolitisch markiert das Projekt eine Wende. Das BHM sucht Anschluss an die grossen Diskurse: Koloniales Erbe, Geschlechtergeschichten, digitale Archive. Es ist laut Direktor Pauli-Gabi ein Versuch, das Geschichtenerzählen neu zu erfinden – jenseits nationaler Mythen und bernischer Selbstzufriedenheit. Ausserdem werde die Institution ein wichtiger Teil des geplanten Museumsquartiers sein.

Im Gesamtkontext betrachtet, handelt es sich nicht einfach um eine Teilsanierung, sondern um eine umfassende Gesamterneuerung des Museums, um eine museale Neugründung. Das hat seinen Preis. Das Gesamtbudget für eine strukturelle Sanierung und eine Neukonzeption der Dauerausstellungen beträgt stolze 120 Millionen Franken, die gemäss Plan je zu einem Drittel durch die Burgergemeinde Bern, den Kanton und die Stadt getragen werden sollen.

Wiedereröffnung Mitte 2032

Stand heute: Die Fassade des BHM vom Helvetiaplatz aus gesehen. Foto: BHM

Die Stimmberechtigten der Burgergemeinde Bern haben an der Urnenabstimmung vom 10. Dezember 2025 einen Verpflichtungskredit für die Gesamterneuerung angenommen. Das Stadtparlament hat dem Vorhaben mit grosser Mehrheit ebenfalls zugestimmt. Im Sommer werden nun noch der neu gewählte Grosse Rat des Kantons und die Stimmbürgerinnen und Stimmbürger der Bundesstadt über die jeweiligen Kredite entscheiden.

Direktor Pauli-Gabi ist vorsichtig optimistisch. Wenn man das Haus schon zum ersten Mal in seiner Geschichte umfassend saniere, müsse man die Chance packen, es richtig zu machen. Wenn alles klappt, können die Bauarbeiten im kommenden Jahr beginnen. Die Wiedereröffnung ist für Mitte 2032 geplant. Dann erhält Bern nicht nur ein modernes Museum, sondern auch eine neue Art, sich selbst zu erinnern. Denn wer baut, baut immer auch an seinem eigenen Bild. Und selten war dieses Bild so selbstkritisch, so durchlässig, so neugierig wie heute.


Das Zitat

Thomas Pauli-Gabi. Foto BHM

«Das Bernische Historische Museum ist mehr als ein Ausstellungsraum. Bei der Wiedereröffnung gibt es neben spannenden Ausstellungen auch flexibel nutzbare Freiflächen, die ein Ausprobieren experimenteller Formate, Veranstaltungen oder Pop-ups von Drittanbieter:innen sowie Gastkurationen erlauben. Ein neues Foyer mit Bistro lädt zum Verweilen, Begegnen und Geniessen ein. Eine Geschichtswerkstatt zum Mitmachen ergänzt das Vermittlungsangebot für die Bedürfnisse von Familien und Schulklassen.» – Dr. Thomas Pauli-Gabi, Direktor Bernisches Historisches Museum

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Titelfoto:  So könnte die Südfassade des BHM mit Front zum geplanten Museumspark einmal aussehen. © Nightnurse Images AG, Zürich.

LINKS:

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