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Grönlands koloniales Erbe

Seit über 100 Jahren besitzt das Bernische Historische Museum (BHM) eine ethnografische Sammlung mit historischen Objekten aus Grönland. Eine neue Ausstellung, ergänzt durch spannende Veranstaltungen, thematisiert die Herkunft der indigenen Schätze und fragt nach der Zukunft solcher Sammlungen. Kuratorin Mira Shah gibt Antworten.

Woher kommt die Faszination für polare Welten? Warum besitzt das Bernische Historische Museum eine Grönland-Sammlung? Was lässt sich durch diese Sammlung über Grönland lernen? Wie sieht die Zukunft von ethnografischen Museen und Sammlungen aus? Was bedeutet «Indigenität» heute? Diese und andere Fragen stehen im Zentrum einer neuen Ausstellung im Bernischen Historischen Museum. Gezeigt werden Objekte, die Schweizer Forscher in den Jahren 1909 und 1912/13 aus Grönland zurückbrachten. Darunter befinden sich ein Kajak, eine Lampe, ein Körbchen und ein traditionelles Küchenmesser (Ulu) für Frauen.

1909 und 1912/13 führten zwei Schweizer Expeditionen nach Grönland. Fotograf: Alfred de Quervain / ETH Bibliothek Zürich Dia_297-0066

Die Ausstellung unter dem Titel «Grönland in Sicht! Perspektiven auf ein koloniales Erbe», die ab dem 16.9.25 in Bern zu sehen ist, wird später durch eine Veranstaltungsreihe ergänzt, in welcher die wichtigsten Fragen vertieft werden. Im Austausch mit Expertinnen und Experten sowie dem Publikum erforscht das Museum das koloniale Erbe seiner Grönland-Sammlung.

Dies geschieht in Zusammenarbeit mit dem ALPS-Museum auf der anderen Strassenseite: Das ehemalige «Alpine Museum» thematisiert seit Mai 2025 in Videoporträts und mit ergänzenden Statistiken die schmelzenden Eismassen Grönlands, den boomender Tourismus, die wachsenden Müllberge sowie die Wege zu einer indigenen Identität der Bevölkerung. Ein gemeinsames Ticket ermöglicht den Besuch beider Ausstellungen zu einem Preis.

Seniorweb sprach mit Mira Shah, Kuratorin der neuen Ausstellung «Grönland in Sicht: Perspektiven auf ein koloniales Erbe» im BHM:

Woher kommt die Faszination für polare Welten, für das ewige Eis?

Mira Shah: Ich sehe zwei Gründe: Die Polarexpeditionen, die zu Beginn des 20. Jahrhunderts stattfanden, erhielten eine breite mediale Beachtung. Die Polarforscher wurden inszeniert als Helden der Moderne mit Vorbildcharakter. Dieses Bild hat hierzulande ganze Generationen geprägt. Die Expeditionen wurden als erstrebenswertes Abenteuer vor allen Dingen dargestellt.
Das sieht man auch in der Literatur, die in dieser Zeit entstand. In den Werken konnten sich Männer gegen die rabiate, feindliche Natur beweisen.

Zum anderen hat die Schweiz eine grosse Affinität für polare Regionen. Diese beruht darauf, dass es auch in den Alpen Gletscher und Eis gibt. In der Schweiz entstand bereits im 19. Jahrhundert eine grosse Expertise im Umgang mit und in der Erforschung von Gletschern. Das war letztlich auch der Grund, weshalb Anfang des 20. Jahrhunderts zwei Schweizer Expeditionen nach Grönland reisten: Weil man sich als Experten für polare Verhältnisse verstand. Dies führt dazu, dass die Schweiz ähnliche Anliegen hat und auch eine Gemeinsamkeit fühlt mit polaren Regionen. Das sieht man zum Beispiel daran, dass die Schweiz als Beobachterin dem «Arktischen Rat» angehört, der ja eigentlich der Vermittlung zwischen Interessen der arktischen Länder und der indigenen Bevölkerung vor Ort dient.

1909 erwarb das Museum gezielt Artefakte aus Grönland – darunter ein Kajak. Expeditionsteilnehmer Arnold Heim fuhr damit zunächst auf dem Zürichsee, bevor es ein Jahr später ins Museum nach Bern kam.

Weshalb besitzt das Bernische Historische Museum eine Grönland-Sammlung?

Sie existiert, weil die beiden Schweizer Expeditionen wertvolle Exponate aus Grönland mitbrachten. Der damalige Kurator, Rudolf Zeller, schrieb 1909 die beiden Expeditionsteilnehmer Alfred De Quervain sowie Arnold Heim an und bat sie um die Überlassung von Objekten. Er war nämlich schon eine Weile auf der Suche nach Exponaten aus der Arktis, um die Ethnographische Sammlung in Bern zu vervollständigen. Er fragt als Erstes nach dem Kajak, das man in unserer Ausstellung an der Decke sehen kann. Nachdem er damit noch einmal auf dem Zürichsee gefahren war, überliess Arnold Heim das Kajak dem Historischen Museum. Als dann die zweite Expedition losfuhr, übergab Rudolf Zeller einem der Expeditionsteilnehmer eine Liste mit Objekten.

Puppe, weiblich.

Was können wir durch diese Sammlung über Grönland lernen?

Wir sehen an den Exponaten, wie damals gesammelt wurde und verstehen das damalige kuratorische Interesse an den Objekten.
Ein Augenmerk galt integralen Kleidungsstücken und Schuhen, Haushaltgegenständen und der Ausrüstung von Hundeschlitten. So wurde das besagte Kajak inklusive Ausrüstung erworben. Aus anderen Quellen haben wir dann erfahren, dass ein Speer fehlte, bei dem man dachte, dass er dazu gehörte. Arnold Heim hatte den Speer aber nicht mitgebracht. Kurator Rudolf Zeller erwarb dann vom damaligen Museum für Völkerkunde in Basel einen anderen Speer. Im Inventarbuch wurde vermerkt, dass der Speer nicht aus Grönland stammte, sondern aus Alaska. Trotzdem wurde er Teil der Grönlandsammlung des BHM. Diese Anekdote zeigt, wie man damals dachte und was für Schweizer Museen wichtig war.

Wie blicken wir auf Objekte? Welche Bedeutungen glauben wir zu kennen, was projizieren wir in sie hinein? Im Infinity-Mirror vervielfältigen sich die Inuit-Puppen in der Vitrine – und zugleich spiegeln sich die Betrachter:innen selbst, wenn sie ihren Blick auf die Puppen richten.

Was ist die Zukunft von ethnografischen Museen und Sammlungen?

Diese Fragen lassen wir in der Ausstellung offen und diskutieren sie in den Begleitveranstaltungen. Wir wollen zeigen, wie man mit einer ethnographischen Sammlung umgehen kann. Also, sie zuerst einmal aufarbeiten und danach fragen: Wie ist die Sammlung entstanden? Was ist die Provenienz der Objekte? Wir wollen in Kooperation treten mit Angehörigen der sogenannten Herkunftsländer, aus denen die Objekte stammen. Wir wollen Wissen zusammenzutragen und erfahren, welche Bedeutung diese Objekte heute, im 21. Jahrhundert, haben für indigene Menschen in den Herkunftsländern aber auch in einer globalisierten Welt.

Was bedeutet «Indigenität» heute?

Das ist die grosse Frage, die nicht wir vom Museum beantworten können. Der Begriff zielte anfänglich auf die koloniale Unterscheidung von den Menschen, die ursprünglich in einem Land lebten, und den weissen Neuankömmlingen, die sich dort ansiedelten. Während der Unabhängigkeitsbewegungen, im Kampf um indigene Rechte, wandelte sich die Bedeutung. Heute bezieht er sich auf Minderheiten, die einen Anspruch auf besonderen Schutz haben, die sich häufig aktiv Rechte sichern gegenüber einer Mehrheitsgesellschaft, die nicht in ihrem Sinne handelt. Es gibt in Grönland einen Diskurs darüber, wie wichtig es ist, ein Kalaallit oder eine Inuit zu sein.

Grönlands bekannteste Influencerin im Begleitprogramm: Am 26. November 2025 ist Qupanuk Olsen zu Gast. Unter dem Namen «Q’s Greenland» erreicht sie über eine halbe Million Menschen in den sozialen Netzwerken. Foto © Qupanuk Olsen

Die Objekte, die wir hier haben, sind alle als indigene Objekte gesammelt worden. Das machte sie interessant fürs Museum und fürs Publikum. Jetzt wollen wir danach fragen, was bedeutet das für Menschen, die sich selbst als Kalaallit oder Inuit bezeichnen. Wir wollen aber auch aufzeigen, dass «Indigenität» kein einfacher Begriff ist, dass er sowohl eine Zuschreibung von aussen sein kann, als auch von einer Minderheit als Identität selbst gewählt.

Das BHM ist bekannt für die Burgunderbeute mit berühmten Teppichen. Nun wird bekannt, dass das Museum auch eine Sammlung mit wertvollen Objekten aus Grönland besitzt. Rechnen Sie damit, dass indigene Völker diese zurückhaben möchten?

Bislang haben wir kein Restitutionsprojekt gestartet. Aber es kann durchaus sein, dass wir unterschätzen, welche Bedeutung einzelne Objekte für indigene Menschen in Grönland haben. Genau aus diesem Grund kooperieren wir vor allem im Rahmen der begleitenden Abendreihe mit Grönländer:innen. Wir sind sehr gespannt auf die Veranstaltungen sowie Gespräche. Sicher ist, dass das Museum eventuelle Ansprüche oder Forderungen sehr ernst nehmen würde.

Titelbild: Kuratorin Mira Shah in der Ausstellung «Grönland in Sicht! Perspektiven auf ein koloniales Erbe». Fotos: Bernisches Historisches Museum / Stefan Wermuth.

Ausstellung bis am 31.5.2026

LINKS

Bernisches Historisches Museum

Alpines Museum ALPS

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Kasten Provienzenforschung

Mit dem Thema Provenienzenforschung beschäftigt sich seit 2023 ein kollaboratives Forschungsprojekt des Schweizerischen Nationalfonds unter Leitung von Prof. Beate Fricke (Uni Bern, Lehrstuhl für Ältere Kunstgeschichte, Institut für Kunstgeschichte). Das Projekt nimmt die Sammlungen des Bernischen Historischen Museums zum Ausgangspunkt, von Werken, die im Spätmittelalter von den Bernern und oft auch weiteren Eidgenossen erbeutet wurden. Es untersucht, wie diese Werke wertgeschätzt und gedeutet wurden, wie man sie über die Jahrhunderte hinweg aufbewahrte und ausstellte. Wie konnten geplünderte Fragmente zu Eckpfeilern des kulturellen Erbes werden, und weshalb entwickelten sich museale Ausstellungsräume aus der Präsentation von Kriegstrophäen?

Ziel des Forschungsteams ist es aufzuzeigen, wie langlebig die Bestrebungen sind, «Kunst» als Mittel einzusetzen, um die Verstrickungen westlicher Sammlungen mit Krieg und Gewalt auszublenden oder umzudeuten. Das interdisziplinär aufgebaute Team entwickelt eine virtuelle Ausstellung, die sich sowohl an Forscherinnen und Forscher als auch an das breite Publikum richtet, um die vielfältigen und oft auch widersprüchlichen Geschichten zu erzählen.

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