StartseiteMagazinGesellschaftEllen Babić - ein bitterkomischer Psychothriller

Ellen Babić – ein bitterkomischer Psychothriller

Das Theater Effingerstrasse bringt als Schweizer Erstaufführung das Kammerspiel «Ellen Babić – Was geschah vergangenen Sommer?» des deutschen Erfolgsautors Marius von Mayenburg auf die Bühne. Es geht um Machtmissbrauch, Manipulation, Lüge oder Wahrheit. Regisseur Stefan Meier beantwortet Fragen von Seniorweb.

Die Lehrerin Astrid (gespielt von Kornelia Lüdorff) lebt in einer lesbischen Beziehung mit Klara (Julia Sewing), ihrer deutlich jüngeren Ex-Schülerin. Eines Abends besucht ihr Vorgesetzter Wolfram, der Schuldirektor (gespielt von Gilles Tschudi), die beiden in ihrer Wohnung (Bühnenbild: Sabine Freude), um einen schwerwiegenden Vorwurf zu besprechen: Der Vater der Schülerin Ellen Babić, die im Stück nie auf der Bühne erscheint, wirft Astrid sexuellen Missbrauch während eines Schulausflugs vor. Die Lehrerin wehrt sich verzweifelt (Kostüme: Sandra Zbinden).

Auf der Theaterbühne ringen die drei Figuren um Deutungshoheit: Was ist wahr? Wer lügt? Ist Astrid (rechts) unschuldig oder manipulativ?

Dann dreht sie den Spiess um und wirft ihrem Chef vor, die Grenzen überschritten zu haben. Vieles wird nur angedeutet, nichts ist bewiesen. So entwickelt das Kammerspiel #MeToo-Dynamiken und thematisiert gesellschaftliche Rollen sowie die schwierige Suche nach der Wahrheit.

Fragen an den Regisseur

Seniorweb: Ellen Babić ist ein Psychothriller von Marius von Mayenburg, laut offiziellem Beschrieb ein <komödiantisches Konversationsstück> mit spannungsgeladener Handlung. Was ist in Ihrer Inszenierung komödiantisch?

Stefan Meier: Die Figuren sind teilweise leicht überzeichnet, die Dialoge provozierend und pointiert. Am amüsantesten finde ich im Stück die Situationskomik. Wie Gilles Tschudi als Schuldirektor am Anfang der Geschichte in jedes noch so offensichtliche Fettnäpfchen trampelt, ist schon sehr komisch.

Auch in diesem Theaterstück geht es um Macht, Missbrauch und sexuelle Gewalt. Steht es so schlecht um unsere Gesellschaft, dass sich gefühlt jede dritte Produktion mit diesen Themen beschäftigt? 

Die Medien sind es, die uns diese Themen seit einiger Zeit täglich liefern. Man denke nur an Epstein, Harvey Weinstein, Jenny Hermoso…  Auch Schulen, Sportvereine, religiöse Gemeinschaften, politische Parteien, Kulturbetriebe (die Liste liesse sich beliebig verlängern) produzieren in regelmässigen Abständen negative Schlagzeilen wegen sexueller Gewalt und Mobbing.

Machtmissbrauch öffentlich zu diskutieren und anzuprangern ist notwendig, ein Versuch, die Menschheit ein wenig gerechter zu machen. Auch wenn ich mir bewusst bin, dass Macht und deren Missbrauch nicht aus der Welt zu schaffen sind, wohl kaum zum aktuellen Zeitpunkt, und auch nicht mit einem Theaterstück.

Der Autor Marius von Mayenburg, so liest man, sei ein «Meister für elegante Konversationsstücke». Weshalb?

Die Dialoge finde ich schon sehr gut getroffen. Raffiniert entwickelt der Autor in «Ellen Babić» das Psychogramm von drei in verschiedenster Weise miteinander verstrickten Personen.  Schlagfertig versucht jede Figur, die andern nach seinen Interessen zu manipulieren. Leise Zwischentöne gehören ebenso dazu, wie unerwartete Wendungen und witzige Pointen. Zusammenfassend könnte man von Mayenburgs Stil als «bitterkomisch» bezeichnen.

Ist von Mayenburg «verwandt» mit Yasmina Reza, die in einem ähnlichen Stil schreibt?

Diesen Vergleich lässt sich durchaus ziehen. Als Dramaturg kennt von Mayenburg natürlich die Erfolgstücke von Yasmina Reza, und er hat hier eine ähnliche Ausgangslage wie bei Rezas «Der Gott des Gemetzels» gewählt: Drei Personen, die sich mit Hilfe von alkoholischen Getränken auf eine unkontrollierte Eskalation hinzubewegen. Wobei Reza es letztlich etwas mehr knallen lässt als von Mayenburg, der den Konflikt, ähnlich dem Druck in einem Dampfkochtopf, nur sehr kontrolliert eskalieren lässt.

Ist das Thema Machtmissbrauch und sexuelle Gewalt an Schweizer Schulen verbreitet? Gibt es dermassen gestörte Verhältnisse zwischen Lehrern und Schülerinnen sowie zwischen Lehrpersonen?

Das lässt sich schwer beurteilen. Viele Fälle werden aus Gründen des Opferschutzes nie publik. Wie hoch ist die Dunkelziffer? Als Schüler und auch später als Erwachsener, habe ich aber in meiner näheren Umgebung immer wieder Übergriffe und sexualisierte Gewalt an Schulen erlebt und mitbekommen. Natürlich betrifft das nicht jede Klasse und jeden Lehrer. Grundsätzlich dürfte das Verhältnis zwischen Lehrpersonen und SchülerInnen in der Schweiz recht gut sein, bei allen Problemen, die klar auch vorhanden sind.

Geht es auch um Themen wie: Wer lügt? Wer sagt die Wahrheit? Wer trägt Schuld?

Dass man nie genau weiss, wer die Wahrheit sagt und wer nicht, gehört zur DNA des Stückes. Je nach Standpunkt lässt sich eine andere Interpretation daraus schliessen. Von Mayenburg spielt mit dem Thema «Fake News». Sind die Anschuldigungen des Direktors des Gymnasiums an die Lehrerin wahr, oder sind sie erfunden. Lügt die Angeschuldigte? Wer ist Opfer, wer Täter? Kornelia Lüdorff als Lehrerin Astrid muss hier einen veritablen Tanz auf Messers Schneide vollführen, um sich in diesem Streitgespräch behaupten zu können. Und ja, es geht auch um Schuld: Ein sexueller Missbrauch steht im Raum. Aber hat er stattgefunden?

Desorientierungskampagnen von Hackern, Fake News von Machthabern, künstliche Intelligenz, das sind alles hochaktuelle Themen. Es gibt Wissenschafter, die uns voraussagen, dass wir in zehn Jahren nicht mehr wissen werden, was stimmt und was nicht. Ein nicht gerade berauschender Ausblick.

Lehrerin Astrid und Schuldirektor Wolfram im Kampf um die Wahrheit.

Wodurch unterscheiden sich die Charaktere der drei Protagonisten, Astrid, Klara und Wolfram, zwei Frauen ein Mann?

Es ist ein drei Generationenstück. Klara, die Jüngste, von Julia Sewing aufmüpfig, aber auch naiv gespielt, entwickelt nach und nach ihre eigene Strategie in diesem Irrgarten der Gefühle. Am Ende ist es Klara, die die Story zu einem überraschenden und unerwarteten Schluss führt.

Astrid ist die 45jährige Lehrerin, die sich mit den Anschuldigungen ihres Vorgesetzten Wolfram auseinandersetzen muss. Sie versucht, mehr oder weniger erfolgreich, deeskalierend auf die ungemütliche Situation zu reagieren. Was ihr nicht jederzeit gelingt. Sind da Zeichen von Schuldgefühl? Astrid wartet ab, bis sie ihre grösste Trumpfkarte spielt.

Wolfram ist der alte weisse Mann, der sich über gesellschaftliche Konventionen hinwegsetzt. Charmant, aber doch etwas sehr selbstverliebt, scheint er sein Ziel zu verfolgen. Als Schuldirektor geniesst er seine Stellung. Aber geht es ihm wirklich um Gerechtigkeit?

Denkt man als Regisseur an ein bestimmtes Zielpublikum, an konkrete Gruppen?

Während der Arbeit am Stück denkt man nicht an ein Zielpublikum. Als Regisseur sitzt man während der Proben im Publikum und versucht das Stück nach seinem Verstand und Gefühl zusammen mit den Spielenden in die richtige Form zu bringen. Beim Aussuchen des Theaterstückes sind Überlegungen zum Zielpublikum aber notwendig.

Welche Rolle spielt Musik, der Ton in dieser Inszenierung?

Ich liebe es Musik für Theaterstücke zu suchen und einzusetzen. In «Ellen Babić» hat es dafür nur sehr wenig bis keinen Platz. Die Töne, die Rhythmen kommen diesmal von den Spielenden.

Lehrerin Astrid bei ihrem Balanceakt zwischen Partnerin und Chef.

Wie lautet die Botschaft des Stücks? 

Wir Menschen sind nicht die perfekten Wesen, welche wir gerne wären. Das Stück «Ellen Babić» schaut genau hin und thematisiert Machtmissbrauch, sexueller Übergriff und Missbrauch in leicht überzeichneter Weise, mit einer Portion Humor, was dem Abend eine gewisse Leichtigkeit verleiht, ohne die Manipulationen der Figuren zu verleugnen. Die Geschichte könnte uns ermuntern, erst mal bei uns selber zu schauen, statt mit dem Finger auf andere zu zeigen.

Ist angesichts der schweren Themen ein Happy End vorstellbar?

Das Stück hat trotz des Themas einen hohen Unterhaltungswert. Wenn es uns gelingt, die Spannung über die ganze Vorstellung aufrechtzuerhalten, dürfen sich die Zuschauenden auf ein unerwartetes Ende freuen. Ob man das als Happy End empfindet, liegt im Auge des Betrachtenden.

Zur Person des Regisseurs

Stefan Meier, 1962 in Bern geboren, machte seine ersten Theatererfahrungen als Schauspieler in der freien Szene und am Berner Stadttheater. Seit der Gründung des Theaters an der Effingerstrasse 1996 gehört Stefan Meier zum künstlerischen Team. Dort hat er bisher knapp 60 Inszenierungen auf die Bühne gebracht, darunter die Schweizer Erstaufführungen von Ferdinand von Schirachs «Terror» sowie «Furor» von Lutz Hübner und Sarah Nemitz.

Zu seinen vielseitigen Regiearbeiten zählen «I hired a Contract Killer» von Aki Kaurismäki, «Ungeduld des Herzens» von Stefan Zweig oder «Agnes» von Peter Stamm. Im vergangenen Herbst inszenierte Meier mit der Laienbühne Schwarzenburg das Stück «Dr Schirmflicker» von Markus Keller.

Als Autor hat er mehrere Stücke verfasst. So wurden unter anderem «Mauersprung», «Die Kreidefelsen» und «Die Neue» am Theater an der Effingerstrasse uraufgeführt. Gastverträge führten ihn an die Landesbühne Hannover und das Landschaftstheater Ballenberg.

Titelbild: Astrid, Wolfram und Klara (v.l.n.r.): Raffiniert entwickelt Marius von Mayenburg das Psychogramm von drei in verschiedenster Weise miteinander verstrickten Personen. Alle Fotos: Severin Nowacki.

Aufführungen bis am 24. April 2026

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Das Theater an der Effingerstrasse

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