Beatrice Häfliger gibt in ihrem soeben erschienenen Roman einen bewegenden Einblick in ein Leben, wo Geliebte wegsterben und ein gutes Weiterleben jeden Tag neu erfunden werden muss … und gefunden wird.
Der zweite stark autobiographisch inspirierte Roman «Der zerspringende Blick» von Beatrice Häfliger lässt wie schon der erste mit dem Titel «Das Mädchen mit dem Pagenschnitt» den Lesenden nah an ein beengendes Leben ran, aus dem sich alle mit mehr oder weniger Glück zu befreien suchen.
Im ersten Roman lässt uns die Protagonistin Eva teilhaben am schwierigen Aufwachsen als achtes Kind in ärmlichen Verhältnissen. Der Vater, eigentlich gutmütig und arbeitsam, beginnt als Verdingbub zu trinken, engagiert sich politisch für Gerechtigkeit und wird schliesslich Präsident des regionalen Blauen Kreuzes. Er stirbt, als Eva 13 ist. Eva verehrt ihn und will es auch ihrer Mutter recht machen, die nur noch beten kann, wenn sie mit der zu grossen Kinderschar und dem neuen Zeitgeist der Nachkriegsjahre überfordert ist.
Titelbild eines Fotoalbums einer Schwester von Beatrice Häfliger aus dem Jahre 2019. Die siebenjährige Beatrice vorne in der Mitte im Kreise ihrer sieben Geschwister und Eltern. (Foto bs)
Der zweite, soeben erschienene Roman zeigt Eva nach dem Verlust ihres geliebten Dario, der nach einer unheilbaren Krankheit mit Exit aus dem Leben scheidet, als Eva 59 ist. Eva war 1990 mit ihm ins Toggenburg gezogen, er arbeitete als Lehrerstellvertreter, sie in Teilzeit als Sozialarbeiterin. Dario war aus der 68-er und 80-er Bewegung ausgestiegen und beide führten, abgeschieden in einer urtümlichen Natur, eine künstlerische Existenz in einer erfüllenden Liebesbeziehung: «Über all die Jahre brachte Darios Liebe es fertig, Eva zu halten. Die Auseinandersetzung mit dem Liebsten gab ihr den Glauben an das Wunder der Liebe zurück.» Nach seinem Tod fühlt sich Eva verloren: «Seit Darios Tod war Eva mehr und mehr die Gewissheit abhanden gekommen, was zu tun richtig war. Eine fremde Kraft trieb sie vorwärts. Ihre Beine marschierten, ob sie wollte oder nicht.»
In den Jahren rund um den Tod von Dario starben fünf ihrer Geschwister, vier durch Krebsleiden, Gertrud durch Suizid. Wie kam es zu diesem Suizid? Gertrud stürzte sich nach ihrem vierundsechzigsten Geburtstag von dem offenen Treppenhaus ihres luxuriösen Wohnhauses. Ihre letzten Worte an ihre Zwillingsschwester waren: «Es tut mir leid.» Was hätten Katharina und Eva tun können, um diesen Suizid zu verhindern? Gertrud war eine erfolgreiche Juristin geworden und hatte eine zwölfjährige Liebesbeziehung mit ihrem Freund Mads: «Mads hatte ihr zu enggeschnürtes Gewissenskorsett gesprengt, das all ihr Tun nach Sinn, Moral und Zweck bewertete und beurteilte. Seine Fähigkeit, das Leben in ein Spiel zu verwandeln, hatte sie angesteckt». Das Ende der Liebesbeziehung mit Mads war der Beginn von Gertruds gespaltener Seele, die sie in den Wechseljahren dazu zwang, nur noch teilzeitlich zu arbeiten. Eva will wissen, was sich hinter Gertruds Diagnose verbirgt.
Verschlungen sind die Pfade im Roman. Gelegentlich folgen wir beim Lesen Dario, dann wieder Getrud, dann Eva, dann den Beziehungen zwischen den Geschwistern. Aber auch das Verhältnis von Eva zu ihrem verstorbenen Vater wirkt nach und wandelt sich von «Ätti, ich bliibe der treu. Du söusch stouz uf mich sii» zu «Ätti, ich cha der ned treu bliibe, aber du söusch stouz uf mich sii».
Beatrice Häfliger in ihrem heimeligen Zuhause im Toggenburg vor einigen ihrer Skulpturen (Foto bs)
Mit drei Eingangszitaten werden die Lesenden eingeladen, am Beispiel des Romans der eigenen Lebensweise nachzuspüren:
- Hannah Arendt: «Niemand hat das Recht zu gehorchen.»
Wie schafft es Eva, sich von den Erwartungen der Eltern, der Geschwister, des Geliebten und der Gesellschaft zu emanzipieren? Wann ist sie zum Zusammenwirken bereit?
Wie stark lasse ich mich im Laufe meines Lebens von wem zu welchem Zweck beeinflussen, fremdbestimmen, gar einschüchtern? Wie gelingt es mir, auch auf meine innere Stimme zu horchen und meinen Platz in der gemeinsamen Welt zu finden?
- Apostel Paulus: «Prüfet alles, das Gute behaltet.»
Eva möchte als Kind und als Erwachsene ein guter Mensch werden, Verführungen prüfen, bis sie eines Tages merkt, dass sie schon gut wäre, wenn sie sich akzeptieren lernte. An sich zweifeln ja, verzweifeln nein, jeweils das Gute zulassen.
Können wir aus einem (Ur)vertrauen heraus auch in verzwickten Lebenslagen je nach Situation das Gute wählen und es «behalten»?
- G. Sebald: «Manche Nebelflecken löset kein Auge auf.»
Eva versteht nach dem Tod ihres Mannes und nach dem Suizid ihrer Schwester die Welt nicht mehr. Ihr Blick zerspringt, ihre Augen leiden, die Sicht wird vernebelt. Sie lernt damit zu leben, dass sich nicht alles verstehen lässt.
Wie gehen wir mit unseren «Nebelflecken» um?
Nach dem Tod ihres geliebten Dario gelangt Eva am Schluss des Romans zur Erkenntnis, dass sie «die Liebe in sich selbst wiederfinden» muss. Im zweitletzten Abschnitt steht: «Die Kraft der Liebe, die an das Gute glaubt, ist Vernunft, die aus dem Rumpf kommt. Sie schenkt unausdenkbare Einfälle, weil sie sich von dem, was den Menschen umgibt, berühren lässt. Frei von Absicht und Angst.»
Beatrice Häfliger, geb. 1959 in Reinach AG, erwarb 1989 an der UNI Fribourg ein Lizentiat in Sozialarbeit, Philosophie und Soziologe. Seit 1990 lebt und arbeitet sie im Toggenburg als Sozialpädagogin und Schulsozialarbeiterin und wohnte bis zu seinem Tod im Jahre 2018 mit ihrem Lebenspartner Peter Angst zusammen. Neben- und nachberuflich folgte sie ihren kreativen Neigungen im Zeichnen, Modellieren, Bildhauern und Schreiben. 2019 erschien ihr erster Roman «Das Mädchen mit dem Pagenschnitt». Soeben ist ihr zweiter Roman «Der zerspringende Blick» erschienen.
Titelbild: Porträt von Beatrice Häfliger (Foto © Stephan Bösch)
Buch: Beatrice Häfliger. Der zerspringende Blick. Axel Dielmann Verlag, Frankfurt a.M. 2026. ISBN: 978 3 86638 512 2
