StartseiteMagazinGesellschaftNeuer Blick auf altes Unrecht

Neuer Blick auf altes Unrecht

Die Ausstellung «Fast ein Paradies» im Zürcher Museum Rietberg zeigt, wie sich Kunstschaffende in Afrika, Amerika, Asien, Australien, Ozeanien und in der Diaspora mit ihrer Herkunft anhand von kolonialzeitlichem Bildmaterial auseinandersetzen. Poetisch, kritisch und visionär erzählen sie von ihrer Identität, Geschichte und Zugehörigkeit.

Mit dem Fotoalbum in der Hand erinnern wir uns gerne unserer Herkunft und lassen unsere Vorfahren aufleben. Doch vielen Menschen in der Welt fehlen Bilder – respektvolle Bilder – und Erzählungen, die sie an ihre Geschichte erinnern. In der Ausstellung Fast ein Paradies im Museum Rietberg in Zürich untersuchen zwanzig renommierte zeitgenössische Künstlerinnen und Künstler in Afrika, Amerika, Asien, Australien, Ozeanien und in der Diaspora ihr fotografisches Erbe.

Raphaël Barontini, The Golden Ladies, 2026. © 2026, ProLitteris, Zurich, courtesy the artist

Künstlerische Gegenentwürfe zu kolonialzeitlicher Fotografie, so der Untertitel der Schau, erinnert an das Machtgefälle kolonialistischer Herrschaft, das mitunter bis heute nachwirkt. So wurde etwa dem australischen Künstler Daniel Boyd der Zugang zu einem Porträt seines Urgrossvaters, das heute als koloniales Bildzeugnis in einem Archiv in Adelaide aufbewahrt wird, verweigert.

Rosana Paulino, Das Avós (Von Grossmüttern), 2019. © Rosana Paulino, courtesy the artist and Mendes, Wood DM. Mit blutrotem Faden näht die Performerin Charlene Bicalho im Video historische Frauenporträts aus Brasilien auf ein weisses Kleid, in liebevoller Erinnerung an die Ahninnen.

Die Einheimischen wurden von den kolonialen Herrschaften oft entwürdigend fotografiert. Diese nützten deren Lebensart aus und lichteten besonders Frauen und Mädchen in knapper Bekleidung ab, für angeblich wissenschaftliche Zwecke auch nackt. Dieser Respektlosigkeit den Vorfahren gegenüber treten die Künstlerinnen und Künstler mit schützenden und erzählerischen Kräften entgegen und geben den verborgenen Geschichten Raum. Mit ihren fotografischen, textilen, filmischen und skulpturalen Collagen erweitern sie die Grenzen des Mediums und verweben die Frage nach der eigenen Identität mit gemeinsamen Erfahrungen und Erinnerungen. Den kolonialen Blick überschreiben sie mit einem visionären Bilderkosmos.

Dimakatso Mathopa, Individual Beings (Moving VI), 2023-24, © Dimakatso Mathopa, courtesy the artist, Museum Rietberg. Fotografie, Acrylfarbe auf Acetatfolie.

In historischen Fotografien wurde der Schwarze Frauenkörper zur Projektionsfläche westlicher Sehnsüchte. Die südafrikanische Künstlerin Dimakatso Mathopa (*1995) fragt nach den Spuren, die solche Bilder im eigenen Selbstbild, aber auch bei den Frauen vor ihr und im kollektiven Gedächtnis hinterlassen. In ihrer Serie Individual Beings (Moving) inszeniert sich die Künstlerin im Stil der historischen Fotografien und montiert ihr Porträt auf transparente Acetatfolie. Fällt Licht darauf, wirft das Bild einen Schatten. Ihre übermalten, unbekleideten Körperstellen erscheinen als schwarze Kleidung. So überschreibt sie sexualisierte Fremddarstellungen Schwarzer Frauen nicht nur für sich selbst, sondern auch für ihre verstorbene Mutter und Grossmutter, die im Schatten ebenfalls erscheinen.

Yuki Kihara, First Impressions: Paul Gauguin, 2018. © Yuki Kihara, courtesy the artis and Milford Galleries

Ganz anders setzt sich Yuki Kihara (*1975), eine Transfrau aus Samoa, mit dem Blick auf die stereotypen Darstellungen polynesischer Frauen als Objekte männlichen Begehrens auseinander. Ihre fünfteilige Fernsehserie First Impressions: Paul Gauguin ist eine Satire im Stil einer trashigen Talkshow, frei von akademischer Analyse. Eine Gruppe von queeren Personen diskutiert über die Südseegemälde des französischen Malers Paul Gauguin. Während dieser seine Figuren als Frauen wahrnahm, liest die Gesprächsrunde sie als Fa’afafine («wie eine Frau»), als queere Identität. In der Rolle einer polynesischen «Schönheit» hinterfragt die Moderatorin Geschlechterzuschreibungen. Mit ihrer Satire verwandelt die Regisseurin Yuki Kihara die Aneignung der Weissen humorvoll in Selbstermächtigung.

Omar Victor Diop & Lee Shulman, The Anonymous Project presents: Being There 54, 2023. © Omar Victor Diop & Lee Shulman, courtesy the artists and Galerie MAGNIN-A

Der senegalesische Fotograf Omar Victor Diop (*1980) und der englische Filmemacher Lee Shulman (*1973) erinnern in ihrem kollaborativen Projekt Being There an die Segregation, die in den USA bis in die 1960er Jahre bestand und die Schwarze und People of Color strikt von Weissen in öffentlichen Einrichtungen, Schulen und Verkehrsmitteln trennte. Diop fügt sich selbst in Szenen auf Fotografien weisser nordamerikanischer Mittelschichtsfamilien der 1950er und 1960er Jahre ein. Angepasst gekleidet beansprucht er ganz selbstverständlich seinen Platz. Ein Platz, der ihm damals verwehrt gewesen wäre.

Wendy Red Star, Spring – Four Seasons, 2006. © Wendy Red Star, courtesy the artist, collection of the Newark Museum of Art

In historischen Fotografien erscheinen Indigene Frauen Nordamerikas oft stumm, stoisch, zeitlos und eins mit der Natur. Wendy Red Star (*1981, USA), Angehörige der Apsáalooke Nation, nimmt diese romantisierenden Vorstellungen pointiert aufs Korn. In ihrer Serie Four Seasons posiert sie selbst in Dioramen, wie sie noch heute in einigen Naturkundemuseen zu finden sind. Diese stattet sie aber nicht mit echter Natur aus, sondern mit künstlichen Landschaften aus Plastikblumen, Kunstrasen und aufblasbaren Tieren. Ihre Persiflage auf die Darstellung Indigener Menschen führt tief verwurzelte Klischees vor Augen.

Dinh Q. Lê, Crossing the Farther Shore, 2014, © Dinh Q. Lê (Foto: rv)

Eindrücklich ist die Geschichte von Dinh Q. Lê (1968-2024) hinter seiner Installation Crossing the Farther Shore. Auf der Suche nach Familienfotografien, die er 1978 bei der Flucht aus Vietnam zurücklassen musste, entdeckte er in einem Trödelladen in Ho-Chi-Minh-Stadt tausende privater Aufnahmen geflüchteter Familien. Diese verwebt er zu würfelförmigen Gebilden, die an die Moskitonetze erinnern, unter denen er während der Flucht schlief. Auch wenn die Namen und Biografien der Abgebildeten verloren sind, bewahren die Fotografien Momente der Nähe und der Lebensfreude. Die Arbeit von Dinh Q. Lê verleiht einer heute fast vergessenen Geschichte ein Gesicht, dem Alltagsleben und den Menschen in Südvietnam vor dem Krieg.

Bis 6. September 2026
Fast ein Paradies – Künstlerische Gegenentwürfe zu kolonialzeitlicher Fotografie. Ausstellung im Museum Rietberg in Zürich. Weitere Informationen finden Sie hier
Katalog: Fast ein Paradies, Hrsg. Nanina Guyer, mit verschiedenen Essays und zahlreichen Abbildungen, Deutsch und Englisch, Spector Books, 2026, CHF 35.00

Das Museum Rietberg verfügt über eine umfangreiche Sammlung historischer Fotografien, aufgenommen in Afrika und Asien. Dazu finden Sie Berichte in Seniorweb:
Afrikanisches Erbe als Quelle der Inspiration
Mobile Freiluftstudios in Afrika
Fotografie gegen den Verlust von Kulturen
Junge Kunst und koloniales Erbe

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