StartseiteMagazinKultur1951 sagt die Hebamme: eine Künstlerin!

1951 sagt die Hebamme: eine Künstlerin!

Katharina Vonow, Malerin, Zeichnerin, Fotografin ist vom Kanton Graubünden mit dem Bündner Kulturpreis 2026 geehrt worden. Die Laudatio hat die Autorin Romana Ganzoni gehalten. Hier lesen Sie eine gekürzte Fassung:

Im Kreissaal der Klinik Fontana in Chur herrscht am 21. Juli 1951 Verwirrung. Weil die Hebamme schweigt – und dabei versonnen lächelte. Ein Mädchen? Sie schüttelt den Kopf. Ein Junge? Die Hebamme schüttelt wieder den Kopf: «Wir haben es hier mit einem Kind zu tun, das alle Kategorien sprengt, es ist nämlich eine Künstlerin»!

Oktober 2025 ‚Selfis‘ 5teilig auf Holz

So wurde Katharina ein Ich und geriet zu einem Mädchen, das dauernd Märchen las. Natürlich! Sie sind geheimnisvoll, voller Abenteuer, famos gestaltet. Das war Katharinas Ding. Kein Wunder, mit einer Mutter, die Grafikerin war und einem Vater, der als Fotograf arbeitete und malte. Ihr Gestaltungswille liess sie auch prima zwischen zwei Brüdern navigieren.

Ein Familienfoto zeigt die Elfjährige mit ihrer ersten Kamera, eine Agfa Click für Rollfilme zum Klick-Klack-Durchziehen. Sie tanzt. Der Bruder wippt, der Vater schaut gelöst. Ahnen sie, was dieses Geschenk bedeutet? Dass Katharina fortan fotografierend Perspektiven und Menschen finden würde: Auf ihren Reisen um die Welt nach Praden im Schanfigg und nach Cresta bei Rodels im Domleschg, wo heute ihr Glücksort ist. Haus, Garten und vor allem: das Atelier. Auch ihr besonderes Bett. Aus Birkenholz, gut verankert, im Geäst luftig, voller Träume.

23.1.2026 Tusche auf Holz

Von Cresta aus sieht Katharina den Piz Beverin, alle sagen, wie schön der sei. Ja, das stimmt, sagt Katharina, aber mein Lieblingsberg ist der Calanda. «I han mengmol z’Gfühl, i könnt mit ama Berg besser reda als mit ama Mensch», sagt Christian aus dem Buch Praden. Vom Überleben auf dem Dorfe (Text: Yvonne Léger. Fotos: Katharina Krauss-Vonow. Eugen Rentsch Verlag 1982).

Katharina schreibt: «In Praden hat sich meine Liebe zur Photographie vertieft. Meine Liebe zur Malerei. Die Berge nehmen Gestalt an, werden zur Skulptur, darin integriere ich mich und nehme archaische Gestalt an. Diese Welt hält mich gefangen. Ich kann und will ihr nicht entrinnen».

8.4.2026 «Meine Stöcke» (Gehhilfen nach der Knieoperation), Mischtechnik 

Liebe Katharina, du hattest Märchen im Kopf und Grossmutter Rosa an deiner Seite, warst Künstlerin und gingst in die Sek. Und dann? Handelsschule. Nach drei Stunden merktest Du, das wird nichts: «Papa, gsehsch Du mii als Sekretärin»?, fragtest Du. «Jo. Als schlächti», antwortete er. Also Berufsberatung: Was macht Ihr Vater? Er ist Fotograf. Machen Sie das doch auch. Okay, sagte Katharina, und begann zu leben.

f21.4.2026, Fotografie

Von ihrer Arbeit war sie so angefressen, dass sie nach weniger als zwei Jahren das väterliche Atelier übernahm. Endlich konnte sie gestalten. Sie war streng zu sich und anspruchsvoll, was ein Lehrer in St. Gallen förderte, eine «charmante Bohnenstange – und mein Fan», sagt Katharina, die natürlich mehr wollte. Sie ging nach Zürich. Zu einem Star. Er zeigte ihr, wie sie nicht werden wollte.

Also flog sie mit einem One-Way-Ticket und 1000 Dollar nach New York, wo ein Job wartete. Als sie ankam, war er weg. Ein paar Umwege und Katharina sass im Greyhound mit einem anderen Ticket: 99 Days for 99 Dollars. Sie fuhr durch die Landschaften. Zwischendurch fotografierte sie mit dem Apparat, den sie gerade hatte.

In den USA lernte Katharina, Menschen zusammenzubringen, sie verkehrte mit allen, interessierte sich für alle, auch auf eine ethnographische Art, das Offene lag ihr, Events zogen sie an, Filme, Feste, dafür hatte sie ein Flair, sie konnte inszenieren. Fotografie ist ja immer auch Arrangement, sagt Katharina. Nach 13 Monaten holten Mutter und Tante sie in die Schweiz zurück.

31.3.2025 Tusche auf Cotton 60x80cm ‚A Table‘

Nun stand sie in Lausanne in himmelblauer Nylonschürze an der Theke eines Foto-Geschäfts. Die Portrait-Fotografie, die dort betrieben wurde, empfand sie als unterkomplex, der Verkauf gefiel ihr, sie verkaufte alles, 120er- und 135er-Filme, und sie war nicht zu faul, die 16-mm-Projektoren aus dem Keller nach oben zu schleppen. Irgendwann ging sie zum Chef und sagte: Sie bezahlen zu wenig, geben Sie mir die Hasselblad mit drei Objektiven. D’accord. Katharina kaufte ein paar Adapter dazu und fotografierte ein Leben lang damit.

Katharina Vonow  malt/fotografiert das Leben

Zurück in Zürich, arbeitete sie als freischaffende Fotografin mit eigenem Atelier. Sie heiratete und gebar zwei Kinder. In ihrer künstlerischen Konsequenz vermied sie akademische Ausbildungsstätten; ihr Lehrer wurde der Maler und Plastiker Benito Steiner, der, wie sie, zu 100 Prozent für die Kunst lebte.

Sie realisierte Perfomances, Installationen, Fotocollagen mit der Tänzerin Dolores Wyss, machte Reportagen, für die NZZ und andere. Die New York Times brachte ihre Arbeit über Homeless People.

Ihre Ethik der Fairness erwuchs aus dem Respekt vor den Menschen, gleichzeitig gab sie allen Arbeiten den Katharina-Vonow-Twist, kreierte Eye-Catcher und war fasziniert von den Abstraktions-Möglichkeiten in Schwarz-Weiss.

1987, Doppelseite aus der Publikation: Weibliche Dreiecke

Katharina war unbefangen, witzig und ernsthaft, sie fing weibliche Dreiecke ein, sprich Venushügel, porträtierte Transleute aus dem Niederdorf und publizierte die Serie «Sexualität von Behinderten». Damit war sie ihrer Zeit voraus, schreibt die Kulturjournalistin Bettina Gugger. Die erste Einzelausstellung bekam sie mit nur 25 Jahren im Kunstmuseum Chur. Preise und Auszeichnungen folgten. Eine steile Karriere.

2.2.2026, Fotografie Stätzerhorn

Mit 50 der Bruch. Ihre Tochter verunfallte schwer, die Ehe zerbrach, Katharina hängte die Kunst an den Nagel und zog erschöpft nach Praden, dort erholte sie sich vom Leben – mit anderen, die sie spirituell anleitete. Zwei Bücher zeugen davon. Diesen Weg verfolgte sie im Domleschg weiter.

Da brach das Schicksalsjahr 2020 über die Welt herein. Katharina – die Antennen immer ausgefahren – reagierte mit schöpferischer Wucht. Sie malte und malte und malte. Mit Tusche und Mischtechnik, auf Papier, Baumwolle, Leinwand.

2020 Corona-Lockdown, Zeichnungen

Gesichter, schlafend, staunend, ringend, Hände, Handschuh, Brüste, eine Ballerina, andere Körper in Bewegung, von Kopfstand zu rennend, sitzend, kniend, das Innere nach aussen gekehrt, durchscheinend, in Auflösung, verschmelzend.

Vögel, ein Frosch, Hirsch und Kind, Hirsche, Rehe, ein Hund oder Wolf, Mischwesen, Karpfen, Vase und Blume, ein Blumen-Teppich, Muster, Studien, das Dazwischen in Form von Schneeflecken, ihren Bruder Ueli, Getöpfertes, Installationen, Holzarbeit, eine Feder, Masken, Striche zum Ende der Massnahmen, wie in eine Gefängniswand geritzt.

Und eine Madonna mit roten Nelken – oder ist es eine Wunde? Russland hat die Ukraine überfallen. Und es gehen weitere, mörderische Kriege los. Was macht Katharina Vonow? Sie malt und fotografiert wieder.

2026, zwei Tuschmalereien, Galaria Fravi, Domat-Ems. Foto: Ginia Holdener

Titelbild: Katharina Vonow im Atelier

Fotos: © courtesy of Katharina Vonow
Mehr von und über Katharina Vonow
Ausstellung in der Galaria Fravi, Domat-Ems
Vernissage: 9. Mai 2026

Spenden

Wenn Ihnen dieser Artikel gefallen hat, Sie zum Denken angeregt, gar herausgefordert hat, sind wir um Ihre Unterstützung sehr dankbar. Unsere Mitarbeiter:innen sind alle ehrenamtlich tätig.
Mit Ihrem Beitrag ermöglichen Sie uns, die Website laufend zu optimieren, Sie auf dem neusten Stand zu halten. Seniorweb dankt Ihnen herzlich.

IBAN CH71 0028 7287 1801 7101 L

Kommentieren Sie den Artikel

Bitte geben Sie Ihren Kommentar ein!
Bitte geben Sie hier Ihren Namen ein

Newsletter & Mitgliedschaft

Lernen Sie uns über den kostenlosen Newsletter kennen und werden Sie Mitglied von Seniorweb.

Beliebte Artikel

Mitgliedschaften für Leser:innen

  • 20% Ermässigung auf Kurse im Lernzentrum und Online-Kurse
  • Reduzierter Preis beim Kauf einer Limmex Notfall-Uhr
  • Vorzugspreis für einen «Freedreams-Hotelgutschein»
  • Zugang zu Projekten über unsere Partner
  • Massgeschneiderte Partnerangebote
  • Buchung von Ferien im Baudenkmal, Rabatt von CHF 50 .-