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Für Kunst braucht’s Leidenschaft

Zu Besuch bei einem Berner Künstlerpaar: der Malerin Yolanda Jacot-Parel, die auch mit anderen gestalterischen Techniken arbeitet, und Angelo Lottaz, der sich in Poesie und Prosa der Sprache bedient. Besonders reizvoll ist es, wenn beide gemeinsam ausstellen.

«Ein Flair für Künstlerisches erfüllt mich, solange ich mich erinnern kann», erzählt Yolanda auf meine Frage, wie sie zur Kunst gekommen ist. Eine Ausbildung in bildnerischer Gestaltung hatte sie schon vor der Matura und dann am Sekundarlehramt absolviert. «Die Kreativität kommt wohl von meinem Vater, der selbst sehr kreativ war und vieles ausprobiert hatte.»

Während der Zeit als Familienfrau hatte die Kreativität keinen Platz. Ihre Leidenschaft für die Kunst wurde dadurch nie geschmälert. Malen war lange ein Ausgleich zu den Pflichten als Juristin. Denn Jura hatte sie auch noch studiert. Auf mein Erstaunen darüber erklärt sie mir, dass sie das Exakte der Juristerei geschätzt habe. «Aber ich bin für viele juristische Berufe zu harmoniebedürftig», räumt sie ein. «Diese Jahre habe ich gebraucht, um mich selbst kennenzulernen und an mir zu arbeiten.»

Yolanda Jacot-Parel: glatt (2023). Champagnerkreide, Pigmente und Eitempera auf Leinwand. 20 x 20 cm

Seit 2007 ist ihre Leidenschaft nun nicht mehr zurückgebunden: «Kunst ist ein Teil von mir, nicht nur ein Hobby. Kunst ist eine Leidenschaft für mich – sie schafft allerdings manchmal Leiden, denn der Prozess, ein künstlerisches Werk zu schaffen, kann mit Mühe verbunden sein.»

Wann ein Bild fertig ist, will ich wissen. Darauf hat sie eine einfache Antwort: Wenn ihr beim Anblick wohl ist. «Wenn ich im Schaffensflow bin, kann ich es laufen lassen, es arbeitet gleichsam durch mich, bis das Bild fertig ist. An anderen muss ich immer wieder arbeiten. Wenn etwas nicht stimmt, muss ich weiter probieren, dabei verschwindet manchmal etwas unter einer neuen Schicht.

Yolanda Jacot-Parel: Vertrag soeben abgeschlossen (2022). Tusche und Acryl auf Leinwand. 30 x 30 cm

Grosse Bilder und gewisse Techniken brauchen Zeit. Dann kommt es vor, dass ich parallel an mehreren Bildern arbeite. Manchmal entsteht spontan in einem Hotel eine Zeichnung, aus der erst später eine grössere Arbeit entsteht.» (s. oben)

Ob es mit Bildern so sei wie mit Kindern, die man nicht weggeben will, frage ich Yolanda: «Nein, wenn ich mich entscheide, das Bild auszustellen, kann ich es auch weggeben.»

Yolanda Jacot-Parel und Angelo Lottaz

Dass Angelo «Kunst aus Worten» schafft, erstaunt mich nicht, die Sprache gehört ja auch zu seinen beruflichen Tätigkeiten: Angelo ist Psychotherapeut und Theologe. Er war Jugendseelsorger, lange in einer Pfarrei tätig und arbeitet bis heute als Psychotherapeut. Eine wichtige Stufe seiner Tätigkeit für Menschen war die Mithilfe beim Aufbau eines SRK-Therapiezentrums für Folteropfer.

Yolanda Jacot-Parel: Tonsalat (2023). Acryl, Sand und Collage (Tonband und Silbergabel) auf Leinwand. 40 x 40 cm

Angelo sorgt sich um das Menschliche in der Welt – kein Wunder, dass er in unseren Tagen zuweilen verzweifelt: «Gedichte drücken meine Haltung zu den Ereignissen der Welt aus. Die Tatsache, dass wir in der Schweiz – zu Recht – entsetzt waren über die 40 Brandopfer in Crans-Montana, aber Augen und Ohren verschliessen, wenn wir von 40 oder viel mehr Toten täglich in Afrika hören – solche Gegensätze machen mir zu schaffen», sagt er. «Ich spüre, dass ich empfindlicher geworden bin, was das Anstössige in der Welt betrifft.»

Angelo Lottaz:  WELTBRAND
Der Keller brennt
So fröhlich war einst das Leben
Offen viele Türen
Und nun der Ausgang verstellt
Luft gibt es kaum
Wer Glück hat, entkommt
In die brennende Welt

Angelo schreibt seit langem, aber wenig und oft «für die Schublade». Dort landen nicht nur poetische Bruchstücke, Er hat ein Archiv angelegt mit Texten als eventuelle Anregung. Mit einem ganz leichten Schmunzeln sagt er, er sei jetzt bei den Gedichten «angekommen». Ja, das scheint das richtige Wort zu sein.

«Meine Kunst entsteht kompliziert: Die Suche nach der richtigen Form – auch für ein Gedicht – beginnt jedes Mal von neuem. Gedichte empfinde ich für viele meiner Ideen geeigneter, und dafür braucht jedes den richtigen Rhythmus.» Mit einem Satz von Peter Bichsel identifiziert er sich gern: «Ich bin zuerst Leser, nicht Schreiber.»

Material für begehbaren Text. – Installation von Angelo Lottaz

Wie definiert Angelo ein gelungenes Gedicht:
«Zuerst gilt es, eine Nachricht zu finden, die mich berührt hat. Unmittelbar darauf wird mein Bedürfnis geweckt, das Sichtbare in seiner Vielfältigkeit zu zeigen. Dann kommt die Phase des Ausprobierens. Vielleicht fliesst mir schnell etwas Überzeugendes zu, dann bin ich im Flow. Oder es beginnt eine lange, manchmal schmerzhafte Suche nach dem richtigen Ton, dem richtigen Rhythmus. Nicht zu vergessen: Es geht ums Reduzieren, darum, die Aussage auf den Punkt zu bringen.»

Yolanda Jacot-Parel: free from (2024). Acryl, Collage, Sand und Asche auf Leinwand.100 x 120 cm

Beiden, Yolanda und Angelo, ist die Erkenntnis wichtig, dass alles mit allem verbunden ist. Angelo nennt als Beispiel einen alten Globus auf seinem Schreibtisch, der vom jahrzehntelangen Gebrauch Abnutzungsspuren zeigt. Wir können ihn hin- und herdrehen und wissen doch: Eine Kugel, die Erdkugel, hat kein Ende, keine Grenzen.

Yolanda Jacot-Parel: Transition (2023). Beize und Javel auf Papier. 14 x 9 cm

Projekt 2026: Verbunden – Verwoben – Verflochten

Nachdem Yolanda und Angelo vor mehr als einem Jahr eine erste gemeinsame Ausstellung gestaltet haben: «. . . und plötzlich», folgt nun «verbunden – verwoben – verflochten». Sie sehen es als Fortsetzung der letzten Ausstellung:

«Die Kriege weit weg haben etwas mit uns zu tun (nicht nur wegen des Benzinpreises) – wir sind verbunden mit den Menschen dort. Die Frage ist, ob wir uns auch wirklich verbunden fühlen wollen. Wir möchten wiederum dazu anregen, etwas weiter zu denken, weiter zu fühlen, weiter zu sehen, in Verbindung zu treten, kreativ zu werden.

Für uns ist das eine eminent wichtige spirituelle Frage, vielleicht sogar die Gretchenfrage aller modernen Spiritualität. Dabei kommt natürlich auch die Frage ins Spiel, was denn Kunst mit der Welt zu tun hat.»

Ausstellung:
Yolanda Jacot-Parel und Angelo Lottaz:
Verbunden – Verwoben – Verflochten. Malerei – Installationen – Texte.
Werkhof Egelsee. Muristrasse 21E, 3006 Bern; bis 21. Juni 2026 (Beachten Sie die Öffnungszeiten auf der Webseite)
Die beiden Künstler sind anwesend und freuen sich auf das Gespräch mit Besucherinnen und Besuchern.

Webseite von Yolanda Jacot-Parel
Peter Schibli 2025 über die Ausstellung «. . .  und plötzlich»

Titelbild: Yolanda Jacot-Parel: Schweben (2025). Acryl, Collage, Sand, Pigmente, Kaffee auf Leinwand 100 x 120 cm

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